12:16 BAUPROJEKTE

Einsteinturm in Potsdam: Die Architekturikone ist wieder geöffnet

Geschrieben von: Silva Maier (mai)
Teaserbild-Quelle: AIP

2024 wird der Einsteinturm 100. Obwohl er bereits in 90er-Jahren instandgesetzt worden ist, bedurfte er in den letzten zwei Jahren einer abermaligen Sanierung; Sie ist nun abgeschlossen. Dass der Turm regelmässig geflickt werden musste, liegt an der experimentellen Bauweise.

Einsteinturm

Quelle: AIP

Der neu restaurierte Einsteinturm.

Alles hatte mit Albert Einstein angefangen. Als er zwischen 1911 und 1915 an der Relativitätstheorie arbeitete, forderte er Kollegen auf, mit Experimenten zu überprüfen, ob seine Idee funktioniert. Beim Astrophysiker Erwin Finlay Freundlich, der damals an der Sternwarte in Babelsberg bei Potsdam tätig gewesen war, stiess er auf offene Ohren: Der Wissenschaftler erzählte dem Architekten Erich Mendelssohn von Einsteins Theorie und dass es für ihre Überprüfung ein Observatorium braucht. Mendelssohn, mit dem Freundlich befreundet war, beschäftigte sich damals mit Stahl und Stahlbeton und war von den damals neuen Baumaterialien fasziniert. Er war sich sicher, dass, wenn ihr elastisches Potenzial erkannt sei, werden sie «notwendigerweise zu einer Architektur führen, die völlig verschieden ist von allem, was wir zuvor kannten». Gleichzeitig suchte Mendelssohn nach neuen architektonischen Ausdrucksformen. Das Projekt für ein Observatorium dürfte ihm wie gerufen gekommen sein, seine Visionen zu realisieren. Im Prinzip galt es, für das Teleskop, das nach Vorgaben Freundlichs konstruiert wurde, eine Hülle zu schaffen.

Aussenwände aus Stahlbeton, Turmmauern aus Ziegelsteinen

Mendelssohn entwarf ein spektakuläres Bauwerk, das auch die Kulisse für einen Science-Fiction-Film hätte sein können: ein 20 Meter hoher, organisch anmutender Turm. Der Turm stelle «eine der sehr seltenen Verknüpfungen zwischen Wissenschaft und Kunst» dar, weil es Mendelsohn gelungen sei, sowohl die Anforderungen der Wissenschaft als auch seine eigenen Vorstellungen zur Formgebung zu erfüllen, heisst es auf der Website des Leibniz-Instituts für Astrophysik (API), von dem das Observatorium betrieben wird.

Nachdem Mendelssohn 1919 erste Entwürfe skizziert hatte, stand der Turm 1922. Der Einbau der Geräte dauerte einiges länger: 1924 konnte das Observatorium schliesslich den Betrieb aufnehmen. Allerdings dürfte der Bau an sich empfindlicher gewesen sein, als die komplexe Technik, die mit dem damals wissenschaftlich bedeutendsten Sonnenteleskop Europas in ihm untergebracht war. Heute wird es für Ausbildungszwecke genutzt. Der Grund für die Probleme war die experimentelle Bauweise – es fehlte an Erfahrung mit Stahlbeton. Während der Turm an sich aus Ziegelmauerwerk besteht, wurde für den Kuppelkranz, die Aussenwände der nord- und südseitigen Anbauten sowie für Terrasse und Terrassentreppe Stahlbeton verwendet. Dafür, dass er aus einem Guss erschien, sorgte ein ockerfarbener Spritzputz.

Erstmalige Sanierung des Einsteinturms im 1927

Die strikte Süd-Nord-Ausrichtung und die unterschiedlichen Wandstärken und Materialien hatten jedoch heftige thermische Spannungen zur Folge. «An dem Gebäude ist seit seiner Errichtung vor fünf Jahren keinerlei Instandsetzung vorgenommen worden. Das Gebäude hat, da sich die Verbindung von Eisenbeton mit Ziegelmauerwerk und Spritzputz ohne genügende Sicherheit gegen Niederschlagwasser und aufsteigende Feuchtigkeit nicht bewährt hat, allgemein sehr gelitten», bemängelte das Potsdamer Hochbaumt 1926 in einem Protokoll. Und so musste der Turm bereits 1927 ein erstes Mal saniert werden. 

Viele weitere Sanierungen sollten folgen. Die jüngste fand in den letzten zwei Jahren statt. Dies, obwohl man den Turm bereits Ende der 90er-Jahren aufwendig instandgesetzt hatte. Am augenfälligsten war die zum Teil abgeplatzte Fassade, die ausgebessert werden musste und nun in makellosem Weiss leuchtet. Daneben stand die Abdichtung des Bauwerks, die Behandlung der Fuge zwischen Ziegelmauerwerk und Stahlbeton, die Ertüchtigung der Stahlträger, das Podest und die Brüstungen der Eingangsterrasse sowie die Dächer im Vordergrund, wie auf der Website  zum Einsteinturm zu erfahren ist. Insgesamt schlugen die ­Arbeiten mit  1,25 Millionen Euro zu Buche, sie wurden wie die letzte Sanierung von der Wüstenrot Stiftung operativ durchgeführt und finanziert, wie das AIP mitteilt.

Turm kann virtuell besucht werden

Am Dienstag fanden die Arbeiten mit einer feierlichen Wiedereröffnung ihren Abschluss. Damit kann der Turm wieder genutzt werden, und es sind wieder Führungen möglich. Jedoch ist die grosse Nachfrage nach Besichtigungen kaum zu bewältigen, weswegen ein digitaler Rundgang konzipiert worden ist, wie Wolfram Rosenbach vom AIP gegenüber dem Tagesspiegel erklärte. So können Architekturinteressierte den Turm auf www.einsteinturm.com virtuell besuchen: Er lässt sich hier von allen Seiten betrachten, ausserdem illustrieren Bilder und Pläne die ausführlichen Informationen zur Geschichte des Turms und seiner Sanierungen. Ein Besuch lohnt sich.

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