07:06 BAUPRAXIS

Einen Baum «von der Wurzel bis zum Blatt» verwerten

Geschrieben von: Kevin Weber (kev)
Teaserbild-Quelle: Bernard Stoll

Was kann alles aus einem einheimischen Baum entstehen? Diese Frage stellten sich die Köpfe hinter dem Projekt «SlowWood». Damit wollten sie Bevölkerung und Branche für eine lokale Holzproduktion sensibilisieren.

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Quelle: Bernard Stoll

Der Waldkirschbaum aus dem Wald in Grüningen, der für das Projekt genutzt wurde.

Angefangen hat alles mit einem Waldkirschbaum im kleinen Dorf Grüningen im Zürcher Oberland. Aus dem Wald nahe dem Dorfe stammt der Baum, der für das Projekt «SlowWood» genutzt werden sollte. Rund 80 Jahre alt war das Gewächs und vom Forstamt aufgrund beginnender Faulung zum Fällen bestimmt worden.

Ein stattlicher Baum sei es gewesen, mit einer Höhe von etwa 23 Metern und einem Stammdurchmesser von rund 70 Zentimeter, sagt Christian Mettler. Der Schreinermeister aus Zürich ist einer der Köpfe hinter «SlowWood».

Baum komplett aufbrauchen

Vor zehn Jahren hatte Mettler für den Verband Schweizerischer Schreinermeister und Möbelfabrikanten (VSSM) den «Wood-Award» initiiert. Dabei wurden Schreiner, Gestalter und Architekten aufgefordert, Idee und Umsetzung in einem gemeinsamen Holzprodukt zu vereinen. «Da entfachte das Feuer in mir, Projekte zur Förderung der Holzbranche zu starten», sagt Mettler.

Durch sein Engagement in der Berufsbildung kannte er Thomas Meier, einen Drechslermeister aus Hombrechtikon. Dieser spielte bereits seit längerem mit dem Gedanken, einen Baum mit mehreren Handwerkern zusammen zu verarbeiten. Zusammen starteten sie im Jahr 2017 schliesslich das Projekt «SlowWood».

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Quelle: SlowWood

Die beiden Köpfe hinter «SlowWood»: Thomas Meier und Christian Mettler.

In einem ersten Schritt schrieben die beiden Initianten Handwerker an. Eigentlich wollten sie das Projekt so regional wie möglich halten. Das Netzwerk an Mitbeteiligten stieg jedoch stetig an. «Vom Zürcher Oberland her sind wir immer grösser geworden», sagt Mettler. Letztendlich machten über 60 Personen, vom Wissenschaftler bis zur Architektin, aus der ganzen Schweiz und dem nahen Ausland mit.

Brille, Tische, Skateboards

Ziel war, den gefällten Baum komplett aufzubrauchen. «Wir wollten der Bevölkerung zeigen, was mit einem einzigen Baum alles möglich ist», sagt Mettler. Deshalb wurde der Waldkirschbaum auch nicht nach der üblichen Prozedur gefällt. Vielmehr wurde das Gewächs in neun Sektionen eingeteilt. 

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Quelle: Bernard Stoll

Der Baum wurde vor Ort in neun Sektionen eingeteilt und geschnitten.

Von der Wurzel bis zum Blatt oder eben «from root to leave», wie es die Initianten nannten. Angelehnt ist diese Praktik an die aus der Gastrobranche bekannte «from nose to tail»-Verarbeitung, ein Tier restlos zu verwerten, also von der Nase bis zum Schwanz. In einer Sägerei wurden die einzelnen Baumteile anschliessend entsprechend geschnitten und getrocknet.

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Quelle: Messerschmiede Guldimann GmbH

Aus den einzelnen Holzstücken sind über 40 Projekt entstanden. Unter anderem auch ein Messer.

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Quelle: Bernard Stoll

Die Wurzel wurde ausgegraben und dient nun als Sockel einer Klangkugelbahn.

Aus den vereinzelten Holzstücken sind über die Jahre hinweg nun über 40 Projekte entstanden. Unter anderem eine Brille, ein Fass, Tische, Wandbilder, Messer und Skateboards. Auch die Wurzel wurde ausgegraben und für ein Kunstwerk genutzt. Sie dient als Sockel einer Klangkugelbahn. Aus weiteren Wurzelteilen extrahierte ein Koch den Geschmack und fertigte aus der Essenz ein Parfüm an. «Dieses kann man sich als Gaumenerlebnis in den Mund spritzen», sagt Mettler.

Eine selbstformende Liege

Die Hauptinnovation ist für Christian Mettler jedoch die sogenannte Chaiselongue. Ein selbstformendes Möbelstück, welches in Zusammenarbeit mit der Universität Stuttgart und der ETH Zürich entwickelt wurde.

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Quelle: Robert Faulkner, ICD University of Stuttgart

Die selbstformende Liege wurde in Zusammenarbeit mit der Universität Stuttgart entwickelt.

Hierfür wurde waldfrisches, nasses Holz in dünne Bretter geschnitten und bei einer Raumfeuchte von über 90 Prozent akklimatisiert. Danach wurden die Stösse der Bretter zinkenartig gefräst und verleimt. Bei normaler Raumluftfeuchtigkeit hat sich die flache Massivholzplatte bereits nach 24 Stunden in die Liege verwandelt.

Ein Umdenken anregen

Aus Mettlers Sicht hat das Projekt mehrere nachhaltige Aspekte. Durch die regionale Verarbeitung entstünden beispielsweise kurze Transportwege. Weiter entstehe durch die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Handwerk eine neue Interpretation alter Handwerkskunst.

Zudem sei die Verwendung von Holz zur Reduktion der CO2-Emissionen sinnvoll. «Beim Einsatz von Holz sollte darauf geachtet werden, dass die Produktlebensdauer mindestens so lange ist, wie der Baum zum Wachsen brauchte. In unserem Fall also mindestens 80 Jahre», sagt Mettler.

Er erhofft sich, mit «SlowWood» auch ein Umdenken in Sachen regionaler Holzproduktion anzustossen. «Das Holz wächst in unseren Wäldern, sozusagen vor der Haustüre. Wir haben Handwerker in der Umgebung, die es verarbeiten können. Aber heutzutage ist man so vernetzt und denkt weltweit, sieht die Sachen vor dem Haus aber nicht mehr richtig.» Die für «SlowWood» angewendete Vorgehensweise sei praktisch auf jeden Baum anwendbar, meint Mettler. «Der Waldkirschbaum war aber insofern interessant, weil rötliche Hölzer nicht im Trend sind.»

Projekt endet vorerst

Ab dem 3. Juni stellen die Initianten die entstandenen Produkte in der Schweizer Baumuster-Centrale in Zürich aus. Mit dieser Ausstellung soll das Projekt «SlowWood» nach fünf Jahren erst einmal ein Ende finden. Eine Fortsetzung sei derzeit nicht geplant, da sie in den vergangenen fünf Jahren einen enormen Freizeitaufwand in das Projekt gesteckt haben, sagt Mettler.

Er zieht aber ein durchwegs positives Resultat. Er habe in dieser Zeit mit so vielen Handwerkern, Gestalterinnen und Wissenschaftler zusammengearbeitet und Einblicke in deren Arbeit erhalten. «Für mich war SlowWood eine Weiterbildung - aber eine, die man so nirgends buchen kann.»  

Die Ausstellung «Von der Wurzel bis zum Blatt» findet vom 3. Juni bis zum 1. Juli in der Schweizer Baumuster-Centrale in Zürich statt. Weitere Infos zum Projekt unter www.slowwood.ch.

Geschrieben von

Redaktor Baublatt

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