05:30 BAUPRAXIS

Projekt in Indien: Eawag testet Wassserversorgung der Zukunft

Teaserbild-Quelle: Christian Binz

In der 15-Millionen-Metropole Bengalaru untersucht das Eawag, das Wasserforschungsinstitut des ETH-Bereichs, einen möglichen Weg zur Lösung der Wasserknappheit. Das Recycling von dezentral gereinigtem Abwasser spielt dabei eine Schlüsselrolle.

Die Metropole Bengalaru in Indien.

Quelle: Christian Binz

Die südindische IT-Metropole Bengalaru: Eine Stadt, die sich auf den Weg in eine nachhaltige Wasserzukunft gemacht hat.

«Aus Bengaluru werden in den nächsten Jahren viele spannende Ansätze zur Wiederverwendung von Abwasser kommen», kündigt Christian Binz an. Der Wirtschaftsgeograph leitet am Wasserforschungsinstitut Eawag die Gruppe Nachhaltigkeitstransitionen und Innovationsstudien sowie das Water-Reuse-Lab, ein im Juni 2023 lanciertes Projekt in der südindischen 15-Millionen-Stadt Bengaluru (früher Bangalore), die unter akuter Wasserknappheit leidet. «Die Stadt entwickelt im Moment global einzigartige Lösungen und könnte damit ein Beispiel für Städte auf der ganzen Welt werden», fügt Binz an.

Hintergrund des Projekts, in dem die Eawag-Forschenden eng mit lokalen Forschungspartnern und Interessenvertretungen zusammenarbeiten, ist das ungebremste Wachstum der boomenden Stadt – eine der Ursachen der Wasserknappheit. Die Bevölkerung wächst jährlich um rund eine halbe Million Menschen. «Wenn man jedes Jahr die Abwasserinfrastruktur für eine Stadt der Grösse Zürichs zubauen muss», kommentiert Binz, «bietet ein dezentraler Ansatz viele Vorteile.» 

Eine Stadt, 4000 Abwasserreinigungsanlagen

In Bengaluru existiert deshalb seit 2015 ein Gesetz, das Eigentümerschaften von Gebäuden ab einer bestimmten Grösse dazu verpflichtet, ihre Abwässer in eigener Regie zu reinigen und lokal wiederzuverwerten.  So kommt es, dass Bengaluru heutzutage über 4000 dezentrale Abwasserreinigungsanlagen (ARA) zählt, die rund 20 Prozent des lokalen Abwassers behandeln – eine weltweit einzigartige Menge. Die boomende IT-Metropole, so die Idee, sollte als Reallabor für die Transformation der globalen Siedlungswasserwirtschaft dienen. Bloss: Rund 80 Prozent dieser dezentralen ARA funktionieren nicht zufriedenstellend.

Water Reuse-Lab der Eawag im indischen Bengalaru

Quelle: zvg/Eawag

Das Projekt in Bengalaru lancierte die Eawag im Juni 2023 in Zusammenarbeit mit lokalen Partnern. Noch vor seinem baldigen Abschluss hat es einige praktische Auswirkungen gezeitigt.

Hier setzte das Water-Reuse-Lab an. Auf technischer Ebene erzielte das Projekt einige Fortschritte: Bei einer Evaluation der bestehenden Technologien zur dezentralen Abwasserbehandlung kamen die Eawag-Fachleute zum Schluss, dass viele davon die Qualitätskriterien für sichere Wiederverwendung nicht konsistent erfüllen. Nun wird in den Eawag-Labors ein neuer Ansatz getestet. Er setzt auf eine Kombination von Membranfiltern, günstigen Sensoren sowie dem Einsatz von KI. Die neue Technologie soll möglichst günstig, robust und einfach im Betrieb sein. 

Das modulare Verfahren kann als Containeranlage die aktuell vorhandenen Anlagen ergänzen. Diese zusätzliche Nachbehandlung soll garantieren, dass konstant qualitativ hochwertiges Recyclingwasser geliefert werden kann. «Die Erfahrungen in Bengaluru haben uns zu diesem innovativen Ansatz inspiriert», betont Binz. In Zusammenarbeit mit lokalen Firmen sollen Einsichten aus dem Labor in Systemen in Bengaluru umgesetzt und getestet werden.

Dürre als Innovationstreiber

Auch im Bereich Regulierung suchte das interdisziplinäre Projekt nach Lösungen, etwa in Sachen Qualitätsicherung sowie zu Fragen der Verantwortlichkeiten. Die Resultate dieser Abklärungen sind in ein neues Gesetz eingeflossen, das einen lokalen Markt für gereinigtes Abwasser geschaffen hat. Hintergrund war eine grosse Dürre 2024, bei der es zu einem Wassernotstand kam. Viele Hausverwaltungen mussten die Bewohnerinnen und Bewohner auffordern, ihre Wohnung zu verlassen, da es schlicht nicht mehr genug Wasser gab. Das liessen sich diese nicht einfach so gefallen und machten politischen Druck. 

Bengalaru in Indien

Quelle: Christian Binz

Die boomende IT-Metropole Bengalaru wächst jedes Jahr um eine halbe Million Menschen. Darum sind nicht zuletzt in Sachen Wasserinfrastruktur neue, innovative Ansätze gefragt.

In dieser Situation konnte das Water-Reuse-Lab wichtige Beiträge leisten. «Die Dürre erwies sich als eigentlicher Innovationstreiber», berichtet Binz. Die lokalen Projektpartner WELL Labs wurden von der lokalen Regierung angefragt, wie sich die Wiederverwendung von gereinigtem Abwasser gesetzlich besser regeln liesse. Sie speisten Einsichten und Anregungen aus dem Projekt in den politischen Prozess ein. So entstanden neue gesetzliche Grundlagen, die es Hauseigentümern erlauben, aufbereitetes Abwasser in der Nachbarschaft weiterzuverkaufen.

Auch bei der Konzeption möglicher Geschäftsmodelle zur Wiederverwendung von Wasser zeichnen sich innovative Lösungen ab: So verkauft zum Beispiel eine Hausverwaltung bereits heute aufbereitetes Abwasser an eine nahe gelegene Wäscherei und erzielt damit Gewinn. Oder Gebäude mit eigener ARA liefern rezykliertes Wasser an Baustellen in der Nachbarschaft.

Auch als Trinkwasser gefragt

Wie Befragungen der lokalen Bevölkerung zeigten, ist die Akzeptanz für verschiedenste Formen von wiederverwertetem Wasser gegeben. Das gilt sogar für aus Abwasser gewonnenes Trinkwasser. Ein möglicher Grund könnte sein, dassdie Bevölkerung unbedingt für kommende Dürrephasen gewappnet sein möchte. In zwei Gebäudekomplexen wird denn auch bereits Wasser in Trinkwasserqualität aus den Abwässern gewonnen.

Workshop zum Eawag-Projekt in Bengalaru (Indien)

Quelle: WELL Labs

Am Workshop mit allen beteiligten Interessengruppen wurden kürzlich die Resultate besprochen.

Das Water-Reuse-Lab hat in Bengaluru einiges in Bewegung gebracht. «Das Projekt hat zu einem tiefen Umdenken bezüglich der dezentralen Wiederverwendung von Abwasser in der Stadt geführt», sagt etwa Satish Mallya, der Präsident der Bangalore Apartments' Federation. Zu den Erfolgen des Projekts zählt unter anderem, relevante Akteure wie Firmen, Immobilienentwickler, Behörden und Wasserversorgerinnen miteinander zu vernetzen. Nach anfänglicher Skepsis haben sich diese inzwischen in einer Koalition zur lokalen Wasserwiederverwertung zusammengeschlossen.

Übertragung möglich

Doch lassen sich die in Südindien gewonnenen Erkenntnisse auch anderswo auf der Welt nutzen? Projektleiter Christian Binz sagt dazu: «Wenn technische und soziale Elemente harmonieren, dann werden sich Lösungen aus Bengaluru tatsächlich auf andere Städte übertragen lassen. Nicht nur in Indien, sondern an vielen anderen Orten auf der Welt – irgendwann vielleicht sogar in der Schweiz.» (mgt/eawag)

Mehr dazu im Artikel auf www.eawag.ch

Von Raumfahrt, IT und Gärten

Mit seinen rund 15 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern ist Bengalaru die viertgrösste Stadt Indiens. Die Hauptstadt des Bundesstaats Karnataka in Südindien wurde im 16. Jahrhundert gegründet und 1799 von den Briten erobert, die ihren Namen in Bangalore änderten. Heutzutage gilt die rasant wachsende Metropole als Zentrum der indischen Luft- und Raumfahrtindustrie sowie der diesbezüglichen Forschung. In der jüngeren Vergangenheit gewann ausserdem der IT-Sektor so sehr an Bedeutung, dass die Stadt auch als «Indiens Silicon Valley» bezeichnet wird. Dank der aussergewöhnlich vielen Parkanlagen trägt die auf 900 Metern Meershöhe gelegene Metropole darüber hinaus den Übernamen «Gartenstadt». (pew/Quelle: Indien aktuell).

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