09:05 BAUPRAXIS

Im neuen Wahrzeichen von Konstanz steckt viel Schweizer Präzision

Geschrieben von: Karin Stei
Teaserbild-Quelle: Helmuth Scham

In Konstanz entsteht eine architektonische Landmarke: In der grössten Stadt am Bodensee öffnet zu Pfingsten ein monumentales 360°-Panorama des Künstlers Yadegar Asisi zum mittelalterlichen Konstanzer Konzil. Beim Bau des über 50 Meter hohen zylindrischen Holz-Hybridgebäudes spielte die Gossauer Holzbaufirma Blumer Lehmann eine tragende Rolle.

Im Konstanzer Stadtteil Petershausen liegt das an den Seerhein grenzende Europa-Quartier. Was früher eine unansehnliche Brachfläche im Schatten der Schänzlebrücke war, zeigt sich heute als architektonisch wohl spannendster Ort der Konzilstadt. Seit einigen Jahren wird hier fleissig gebaut. Geplant ist nichts weniger als ein neues, attraktives Stadtquartier, das Platz für ein Gesundheitszentrum, Handel, Gewerbe, Gastronomie und Wohnen bieten soll. Fertig sind bereits der Fernbusbahnhof und Mobilpunkt sowie das neue Parkhaus, das sich momentan aber noch verwaist zeigt. Das soll sich spätestens ab Pfingsten ändern. Denn dann öffnet in unmittelbarer Nachbarschaft das Panorama Konstanz seine Türen. Die 360°-Panorama-Installation des Berliner Künstlers Yadegar Asisi wird das mittelalterliche Konstanzer Konzil immersiv in einem einzigartigen Ausstellungsgebäude präsentieren – einem der grössten Holz-Hybrid-Bauten Baden-Württembergs.

Bauherrin ist die privatwirtschaftliche Gesellschaft Panorama Konstanz GmbH & Co. KG, an deren Spitze der Unternehmer Wolfgang Scheidtweiler steht. Die Gesellschaft hat das Grundstück von der Stadt Konstanz für zunächst 30 Jahre in Erbpacht übernommen und wird das Panorama in Eigenregie betreiben. Entworfen hat den Sonderbau das renommierte Architekturbüro Sauerbruch Hutton aus Berlin.

Konstanz' Moment in der Weltgeschichte

Für den Projektleiter und Geschäftsführer Johannes Schweizer ist es das zweite Asisi-Panorama, an dem er beteiligt ist. «Wir haben 2014 das Technikdenkmal Gasometer in Pforzheim umgebaut», erzählt er.«Yadegar Asisi kam dann nach einem gemeinsamen Besuch der Konzilfeierlichkeiten im selben Jahr auf uns zu mit der Idee eines Panoramas zu Konstanz.» Das neue Panorama dreht sich um das Konzil, das 1414 bis 1418 in Konstanz stattfand - ein bedeutendes Kapitel der abendländischen Religionsgeschichte. Damals wurde die Kirchenspaltung durch die Wahl eines neuen Papstes überwunden. Solche historischen Wendemarken hat Yadegar Asisi bereits in den Panoramen Rom 312 (Christentum wird Staatsreligion) und Wittenberg 1517 aufgegriffen (Beginn der Reformation). Konstanz wird nun das thematische Bindeglied bilden.

Das Asisi-Panorama in Konstanz während der Bauzeit.

Quelle: Helmuth Scham

Gesamtansicht der Baustelle des Asisi-Panoramas Konstanz: Der Kran hebt Bauteile für die Fassadenmontage ein, während das Gerüst die Arbeiten an der markanten Gebäudehülle ermöglicht.

Dass es von der Idee bis zum Baubeginn zehn Jahre dauerte, war unter anderem der Standortfrage geschuldet. Erst der Vorschlag des Architekten Matthias Sauerbruch, die sonst kaum bespielbare Fläche auf der Westseite der Schänzlebrücke zu nutzen, überzeugte das Konstanzer Stadtparlament. Auch das umweltfreundliche Konzept, ein Holz-Hybrid-Hochhaus statt eines reinen Betongebäudes zu bauen, trug zum politischen Durchbruch in Konstanz bei - jener deutschen Gemeinde, die als erste den Klimanotstand ausgerufen hatte. «Alle Beteiligten fanden die Holzbau-Idee gut. Uns hat dabei besonders das Innovative des Projekts begeistert», erinnert sich Johannes Schweizer. 

Beachtliche Dimensionen

Die Masse des Panoramas sind beeindruckend: 52,5 Meter ragt der Rundturm insgesamt in die Höhe. Der 32 Meter hohe, stützenfreie Panoramaraum in Holzbauweise steht dabei auf einem massiven sechs Meter hohen, teils zweigeschossigen Stahlbetonsockel, der Ausstellungs- und Multifunktionsflächen beherbergt. Über dem mit einer Betondecke abgeschlossenen Panoramaraum befinden sich zwei weitere Holzfachwerkebenen mit Restaurant und Dachterrasse, die einen spektakulären Rundblick über Konstanz bieten.

Das Asisi-Panorama in Konstanz während der Bauzeit.

Quelle: Helmuth Scham

Auf dem 32 Meter hohen Traggerüst wurden die radial angeordneten Holzfachwerkträger aufgelegt und montiert.

Das umweltverträgliche Baumaterial Holz stellte Planer und Ausführende vor einige Herausforderungen. «Da sich in den beiden oberen Stockwerken unter dem Dach Versammlungsstätten befinden, gab es höhere Anforderungen an den Brandschutz», berichtet der Projektleiter. Um im Brandfall den Aufzug nutzen zu können, wurde eine Überdruckanlage für die Aufzugschächte eingebaut. Im Keller befindet sich ein Wasserreservoir für die Sprinkleranlage. Aus Brandschutzgründen untersagte die Stadtverwaltung auch die Installation von Solarzellen auf dem Dach.

Energie aus der Tiefe

Für die Energieversorgung wird deshalb in den oberen beiden Geschossen die Abwärme aus dem Panoramaraum mit Luft-Wärmepumpen genutzt. Wichtiger ist jedoch die Geothermie, mit der im Winter geheizt und im Sommer gekühlt wird. Dafür wurden der Betonkern der Decke des Erdgeschosses und die 50 Bohrpfähle mit einem Durchmesser von 1,5 Meter thermisch aktiviert. Da der Konstanzer Untergrund aus Seeton besteht – einer Mischung aus Lehm, Kies und Grundwasser – mussten die Bohrpfähle 45 Meter tief in den Boden gerammt werden, um stabilen Fels zu erreichen. An die Gründungsarbeiten schloss sich ab März 2024 der Bau des 52 Meter hohen Betonturms an, der Treppenhäuser, Aufzüge und Lüftungsanlagen beherbergt. «Wir haben ihn in Gleitschalungstechnik innerhalb von elf Tagen errichtet», berichtet Bauleiter Mike Vivas. Tag und Nacht wurde durchgearbeitet, um zu verhindern, dass der Beton nicht in der Schalung aushärtet.

Das Asisi-Panorama in Konstanz im Bau.

Quelle: Helmuth Scham

Monteure von Blumer Lehmann sichern und verschrauben Tragwerkselemente auf der oberen Ebene der Konstruktion des Asisi-Panoramas – eine präzise Arbeit mit Höhensicherung über den Dächern von Konstanz.

Das Asisi-Panorama von Konstanz von innen

Quelle: Karin Stei

Nach dem Abschluss des Rohbaus: ein Blick aus der Höhe der eindrücklichen Dachkonstruktion mit den Fischbauchträgern im Vordergrund.

Im nächsten Schritt wurde der über sechs Meter hohe Eingangsbereich gebaut, in dem sich das Foyer und Ausstellungsäume befinden und mit einem zwei Meter dicken Betonsockel zur Panorama-Ebene abgeschlossen. Ein eigenes Fundament mit 36 Meter tiefen Bohrpfählen erhielt der 80 Meter hohe Kran, um unter anderem die schweren Lasten des Holztragwerks sicher zu bewegen. Für seinen Betrieb musste extra eine flugrechtliche Genehmigung eingeholt werden, da sich die Baustelle in der Einflugschneise zum Flugplatz befindet.

Schweizer wurden angefragt

Für den Holzbau des Panoramas zeichnete die Blumer Lehmann AG verantwortlich. «2019 hat uns Sauberbruch Hutton mit einem ersten Projektcheck angefragt. Vom Bauherrn, dem Architekten und dem Ingenieurbüro Schlaich Bergmann sind wir dann mit einem Entwicklungsauftrag betraut worden», erzählt Daniel Bucher, Leiter Verkauf International der Gossauer Holzbaufirma. «Das Projekt hat uns von Anfang an begeistert.» Wegen der enormen Dimensionen des stützenfreien Innenraums waren die Anforderungen in punkto Stabilität an die Bauteile besonders hoch. «Die Spannweite des Fachwerks beträgt 36 Meter, damit ist man am oberen Bereich angelangt, was aktuell möglich ist», erklärt Bucher.

Das Asisi-Panorama in Konstanz im Bau.

Quelle: Helmuth Scham

Die oberen beiden Stockwerke wurden ebenfalls in Holzbauweise von Blumer Lehmann erstellt. Aus Brandschutzgründen sind sie durch eine Betondecke vom Panoramaraum getrennt.

Während der Montage der 43 Holzstützen der Aussenwand von 32,4 Metern Länge sowie der 8,5 Meter hohen Tragwerkteile spielten die Windverhältnisse eine wichtige Rolle. Am Seerhein können starke Winde aufkommen, was vor allem während jener Bauphase eine Rolle spielte, in welcher der Zylinder noch nicht geschlossen war. «Die Berechnungen haben deshalb Zusatzlasten für die Bemessung der Bauteile ergeben», sagt Bucher. Um dem Wind keine Angriffspunkte zu geben, wurde parallel zur Errichtung der Holzstützen und des Tragwerks direkt mit der Fassadenverkleidung begonnen.

Als herausfordernd bei der Planung erwiesen sich laut Bucher auch die deutschen Normen und Zulassungen, ebenso wie die Auflage der Stadtverwaltung, den Transport der massiven Bauteile nur nachts zwischen 22 und 5 Uhr früh zu gestatten. Die Anlieferung der Stützen und der Tragwerkteile sollte den Werkverkehr nicht behindern.

Elliptischer Bau

Die eigentlichen Montagearbeiten nahmen vom Betonturm aus ihren Anfang. «Wir haben immer vier Stützen gestellt und die trapezförmigen Fachwerke eingehängt», schildert Daniel Bucher. Da ein Fachwerk allein über 15 Tonnen wog, wurde ein 32 Meter hohes Peri Up Trag- und Montagegerüst im Zentrum des zylinderförmigen Gebäudes aufgebaut, auf welchem die Fachwerke aufgelegt und – nach einer Vormontage – zusammengesetzt wurden. Die spektakuläre Fischbauchkonstruktion besteht insgesamt aus zwölf unterspannten und zwölf nichtunterspannten Trägern. Aus Brandschutzgründen sind die Zugstangen aus Stahl mit Holz ummantelt. Auf das Fischbauchtragwerk wurden anschliessend Betonfertigelemente in Trapezform aufgelegt und betoniert.

Das Asisi-Panorama in Konstanz während der Bauzeit.

Quelle: Helmuth Scham

Ein Panorama im Panorama: Von Restaurant und Dachterrasse aus bietet sich ein wunderbarer Weitblick auf den Seerhein und die Konzilstadt.

Darüber setzte das Team von Blumer Lehmann nochmals zwei Geschosse in Holzbauweise – für die Veranstaltungs- und Restaurantebene. «Die Bauteile aus Brettschichtholz wurden in unserem Werk am Hauptsitz sowie bei Partnerunternehmern präzise vorgefertigt und vor Ort passgenau montiert», führt Bucher aus.  

Diese Präzision war essenziell, da der Zylinderbau nicht ganz rund, sondern elliptisch ist. «Nur die Stützen sind in der Länge gleich, aber jeder Träger oben besitzt eine andere Länge, da sie aufgrund der elliptischen Form unterschiedlich anschliessen. Das fällt von aussen gar nicht auf, wenn man drumherum fährt», betont Gesamt-Projektleiter Johannes Schweizer. 

Fassade wird bunt

Die schwarze Isolation der Aussenwand, die während vieler Monate das Erscheinungsbild des Rundturms bestimmte, wird einer bunten Fassade weichen. Auf die Holzplatten werden hunderte Streckmetallbleche in verschiedenen Farben montiert. Sie sollen laut Sauerbruch Hutton den Zylinderbau optisch in Bewegung setzen nach dem «Prinzip der kinetischen Polychromie», wie es das Architekturbüro beschreibt. «Streckmetallelemente in unterschiedlichen Farben sind im wechselnden Winkel zueinander angeordnet, sodass der Eindruck einer Faltung entsteht, die das Gebäude komplett umhüllt und je nach Blickrichtung wechselnde Blau- und Rottöne zeigt». Der Innenausbau läuft parallel dazu.

«Innen steht im geometrischen Zentrum des 30 Meter hohen Bildes ein 15 Meter hoher Turm», erklärt Schweizer. «Dadurch haben die Besucher immer den gleichen Abstand beim Anschauen.» Für die historischen Szenen wurden bereits 2019 Fotos der Stadt und von Darstellern aufgenommen, ergänzt durch Zeichnungen, Skizzen und Malerei. Die Bildteile werden am Computer zusammengesetzt und auf 3 Meter breite und 30 Meter lange Hightech-Stoffbahnen gedruckt. Diese werden anschliessend an einer Rundstange angebracht und wie ein Vorhang auf 360 Grad aufgezogen sowie oben und unten gespannt, um keine Falten zu werfen. Licht- und Tontechnik vertiefen dann das immersive Erlebnis. «So entsteht ein Bild, das einlädt, darin zu verweilen und ganz viele Geschichten zu entdecken. Es gibt keine Bilderflut wie in einer Projektion, sondern die Menschen können ganz in Ruhe die Szenen betrachten», betont Johannes Schweizer. «So wird jeder sein eigener Regisseur.»

Johannes Schweizer, Projektleiter des Asisi-Panoramas von Konstanz.

Quelle: Karin Stei

Projektleiter und Geschäftsführer Johannes Schweizer zeigt anhand der Bauskizze von Blumer Lehmann den Aufbau des Panorama-Holzfachwerks.

Rundpanoramen erleben Renaissance

Vor der Erfindung des Kinos dienten Rundpanoramen als visuelle Unterhaltung und Bildungsangebot. Diese Rundbilder waren vor allem im 19. Jahrhundert beliebt. Viele von ihnen zeigten Schlachten, Städte oder historische Ereignisse, um Geschichte erlebbar zu machen. Bedeutende Beispiel in der Schweiz sind das Bourbaki Panorama in Luzern sowie das Thun Panorama. Letzteres ist das älteste Panorama der Schweiz und gleichzeitig das älteste Rundbild der Welt. Der Basler Kleinmeister Marquard Wocher schuf die Stadtansicht von Thun und Umgebung von 1809 bis 1814. Das Bild ist 7,5 Meter hoch und 38 Meter breit. 

Das Prinzip der Panoramen ist einfach: Die Besucher können sich in ein Bild hineinstellen oder aussen an ihm entlanggehen. Diese 360-Grad-Darstellung erlaubt das Eintauchen in die Illusion, die durch installative Elemente (Faux Terrain) verstärkt wird.

Zeitsprung ins Mittelalter

Eine Renaissance dieser Kunstform löste der Künstler Yadegar Asisi mit seinen modernen, monumentalen Rundbildern aus. Ab 2003 begann er damit, leerstehende Rundbauten, wie zum Beispiel Gasometer, dafür zu nutzen. Asisi kombiniert Fotografie, Malerei und elektronische Bildbearbeitung, um seine riesigen Gemälde zu erschaffen. 

Das Panorama in Konstanz etwa hat einen Umfang von rund 110 Metern und eine Höhe von 30 Metern. Es führt 600 Jahre zurück in die Zeit des Konstanzer Konzils (1414-1418). Dafür liess der Künstler historisch verbürgte Szenen wie den Einzug von Kaiser Sigismund, die Papstwahl sowie die Verbrennung von Jan Hus, aber auch erfundene Szenen mit Menschen nachstellen. Fotografien dieser Szenen kombinierte er mit Aufnahmen der Altstadt. Vorausgegangen waren akribische Szenenplanungen. (ks)

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Freie Mitarbeiterin für das Baublatt.

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