Schauatelier: Tinguelys fleissige Helfer
Im Museum Tinguely in Basel stehen die Maschinen von Jean Tinguely nie still. Damit das so bleibt, arbeiten zwei Restauratoren im Schauatelier mit viel Präzision und eigenen Kniffen am Erhalt der kinetischen Skulpturen – und Besucher können ihnen dabei sogar über die Schulter schauen.
Quelle: zvg, Museum Tinguely
Der Künstler um 1960 in Paris auf der Suche nach Material für seine Skulpturen. Auch im Ausland gab es viele Schrotthalden, ausserdem lebte Tinguely eine Zeitlang in der französischen Hauptstadt.
In einem Raum des Museum Tinguely lagert ein weltweit einzigartiger Wissensschatz über das Werk von Jean Tinguely (1925-1951): Im Schauateiler, der Werkstatt für Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten an Tinguelys Skulpturen. Hier arbeiten Andy Hofmann und Jean-Marc Gaillard am Erhalt der grössten Sammlung an Werken des schillernden Schweizer Künstlers. Damit Museums-Besucher den beiden Restauratoren bei ihrer Arbeit zusehen können, wurde deren Arbeitsstätte mit einer Glasfront versehen.
Seit 2021 gibt es das Schauatelier. «Lange
arbeiteten wir im Verborgenen, nun hat man live einen direkten Einblick und
kann uns über die Schultern schauen», sagt Jean-Marc Gaillard. Er ist seit 23 Jahren im Museum angestellt, sein Kollege Andy Hofmann seit zwei Jahren. Hofmann kommt aus dem
Metallbau-Fach. Während des Zivildienstes arbeitete er im Verkehrshaus Luzern.
Das fand er so interessant, dass er danach ein fünf Jahre dauerndes Studium in
Konservierung und Restaurierung in Angriff nahm und sich in Bern auf
zeitgenössische Kunst und technisches Kulturgut spezialisierte.
Quelle: zvg, Museum Tinguely
Tinguely mit seinem Kunstwerk «Moulin à Prière» (Gebetsmühle). Erstmals seit der Gründung des Museums 1996 wird die gewachsene Werksammlung des Künstlers wieder umfassend in der grossen Halle unter dem Ausstellungstitel «La roue = c’est tout» gezeigt.
Eine Lebensaufgabe
Mit seinen kinetischen Skulpturen gehört Tinguley international zu den wichtigsten Wegbereitern der Kunst nach 1950. Die Sammlung umfasst 218 Skulpturen, von denen mehr als die Hälfte ausgestellt und mehrheitlich in Bewegung zu erleben sind. Die Erhaltung ihrer Beweglichkeit zählt zu den zentralen Anliegen der Restaurierungsabteilung. Sie wird einerseits gewährleistet durch die tägliche Beobachtung und Betreuung in der Ausstellung, andererseits durch vorausschauende Planung und spezifische Konservierungsstrategien.
Das Baublatt hat ein Rendez-vous mit dem
Restauratoren-Team. Beim Ankommen entstaubt Andy Hofmann mithilfe von Pinsel
und Staubsauger vorsichtig einen schwarz lackierten, mit bunten Federn
verzierten Helm. Es stellt sich heraus, dass es eine Fasnachts-Larve ist. Auf
einer zweiten, ebenfalls schwarzen Larve sind ein K und ein B montiert - die
Buchstaben stehen für «Kuttlebutzer», Tinguelys Fasnachtsclique. Ein
leidenschaftlicher Fasnächtler sei er gewesen, wissen die beiden Restauratoren.
Quelle: Simone Matthieu
Feinstarbeit: Mit Pinsel und Ministaubsauber entfernt Restaurator Andy Hofmann den Staub von zwei Larven. Tinguely war ein leidenschaftlicher Fasnächtler, hatte eine eigene Clique, die «Kuttlebutzer» - deshalb auch die Initialen K und B auf der einen Larve.
Was einst für den Moment gedacht war, soll nun für die Ewigkeit halten
Was viele nicht wissen: Tinguelys Oeuvre war nicht für die Ewigkeit gedacht – zumindest aus Sicht des Künstlers. Heute möchte man sein einzigartiges Schaffen für die Nachwelt am Leben erhalten – eine besondere Herausforderung: «Das Knifflige am Restaurieren von Tinguelys Kunst ist, dass kaum Skizzen oder andere Vorlagen existieren», erklärt Hofmann. «Wir sind manchmal darauf angewiesen, dass wir irgendwo Fotografien oder Beschreibungen der Skulpturen finden. Doch wenn die Bilder schwarz-weiss sind, gibt uns das keinen Aufschluss über das verwendete Material und dessen Farbfassung.»
Gerade steht eine solche Skulptur, an der ein Teil fehlt, im Restaurierungs-Atelier in Bearbeitung. Von dem Stück, das fehlt, wissen die Restauratoren nicht, wie es ausgesehen hat: «Das ist ein Frühwerk von 1955. Wir forschen nach allen möglichen Arten von Dokumenten, die uns sagen können, wie das Objekt einst ausgesehen hat», sagt Hofmann. «Die Bilder, die wir bis jetzt davon fanden, sind leider schwarz-weiss. Wir überlegen, wie wir nun weitermachen.»
Jedes zur Sammlung des Museum Tinguely
gehörende Kunstwerk besitzt eine eigene Aufbewahrungsbox. Dort kommt alles rein,
was bei der Recherche – die oft wie
Detektivarbeit anmutet – zutage kommt. Diese Teile und Informationen werden für zukünftige
Restauratoren-Generationen beiseitegelegt.
Quelle: Simone Matthieu
Fehlende Teile an Tinguely-Skulpturen sind eine grosse Herausforderung für die Restauratoren. Von dem abgebrochenen Stück des hier im Atelier in Bearbeitung stehenden Werks konnten die Profis noch keine Beschreibung oder ein Farbbild auftreiben. Da das Werk von 1955 stammt gibt es wenig Hoffnung auf einen deutlichen Hinweis. Notfalls belassen die Restauratoren die Skulptur wie sie ist, anstatt sie falsch zu restaurieren.
Quelle: Simone Matthieu
Fehlende Teile an Tinguely-Skulpturen sind eine grosse Herausforderung für die Restauratoren. Von dem abgebrochenen Stück des hier im Atelier in Bearbeitung stehenden Werks konnten die Profis noch keine Beschreibung oder ein Farbbild auftreiben. Da das Werk von 1955 stammt gibt es wenig Hoffnung auf einen deutlichen Hinweis. Notfalls belassen die Restauratoren die Skulptur wie sie ist, anstatt sie falsch zu restaurieren.
Die Tinguely-Profis lassen ihre Schützlinge nicht aus den Augen
Weltweit existieren rund 1600 Tinguely-Werke. Diejenigen, die nicht zum Museum Tinguely gehören, befinden sich international an Ausstellungen oder in privaten wie öffentlichen Sammlungen. Leihgaben gibt es immer wieder, vor allem letztes Jahr im Rahmen von Tinguelys 100. Geburtstag gab es zahlreiche Werke, die auf Tournee waren. Transport und Handling sind eines der grössten Risiken beim Leihverkehr von Kunstwerken. Das Tinguely-Profi-Duo Gaillard/Hofmann lässt die Schätze deshalb nie aus den Augen. Bei einer Leihgabe ist stets einer von ihnen dabei. «Eben war eine Tinguely-Ausstellung in Paris. Wir begleiten die Kunstwerke mit mehreren Kisten voller Werkzeuge, die wir teilweise selbst angefertigt haben, und die wir zu Aufbau, Justierung und Behebung allfälliger Schäden unterwegs brauchen.»
Gewisse Kunstwerke
sind bereits rund siebzig Jahre alt. Hofmann und Gaillard geben alles, um die
Skulpturen originalgetreu zu restaurieren. «Zu Tinguelys Zeiten waren Schrauben
und Gewinde aus Messing, nicht verzinkt, wie wir sie heute kennen. Dann müssen
wir schauen, ob wir solche Schrauben noch irgendwo auftreiben können», erklärt
Gaillard. Dasselbe gilt für den Ersatz von Glühbirnen, die es kaum noch gibt. Gaillard
und Hofmann hatten Glück und konnten bei einer eingegangenen Fabrik in
Deutschland 50 000 Glühbirnen erwerben.
Quelle: Simone Matthieu
Formel-1-Rennen waren eine von Tinguelys grossen Leidenschaften. Nach Unfällen rannte er auf die Rennstrecke und sammelte Trümmerteile, die dann in Kunstwerke verarbeitet wurden. Dieser «Altar» aus zwei Langstrecken-Rennwagen-Chassis gebühren dem 1972 in Le Mans verstorbenen Fahrer Joakim Bonnier.
«Der reichste Kommunist der Welt»
Auf die Frage, warum sie Ersatzstücke nicht einfach via 3D-Druck fertigten, erstarren die Gesichter der Restauratoren. «Das ist ein No-Go! 3D hat keine Seele. Man muss Tinguelys Werke in ihrer Zeit sehen», sagt Hofmann. «Tinguely hatte damals nur Schrott zum Verarbeiten, der war gratis. Zu dieser Zeit schlossen viele Fabriken und Industrieschrott war in Hülle und Fülle vorhanden.» Gaillard fügt an: «Gelegentlich machen wir öffentliche Aufrufe, ob im Nachlass eines Verstorbenen, bei der Schliessung einer Fabrik oder generell bei der Suche in Dachboden und Keller alte Metallwaren zum Vorschein kommen, die zu Tinguelys Werken passen. Und dass wir diese Sachen gerne übernehmen würden.»
Als sein
Bekanntheitsgrad grösser wurde und sein Einkommen merklich stieg, leistete er
sich der gebürtige Fribourger mehrere Mitarbeiter, die für ihn alle möglichen
Arbeiten wie Schweissen, Bauen oder Schrottplätze durchkämmen, erledigten. So
kam er zu seinem Übernamen «reichster Kommunist der Welt». Jean-Marc Gaillard
war von 1986 bis zu Tinguelys Tod 1991 beim Künstler als Assistent tätig und
kennt sich deshalb nicht nur mit Tinguelys Werk besonders gut aus – er hat auch
viele Anekdoten zu erzählen.
Quelle: Simone Matthieu
Das Schauatelier gibt es seit 2001 im Museum Tinguely in Basel. Hier können Besucher den Restauratoren von Tinguelys Kunst über die Schulter blicken.
Im «Übergwändli» ins Privatflugzeug
Etwa, wie Jeannot, wie ihn seine Freunde und Bekannten nannten, zu einem Flug in einem Privatflugzeug im Arbeitsoverall auf dem Rollfeld erschien. Seine in Pelzmäntel gekleideten, wohlhabenden Mitflieger gaben ihm ganz selbstverständlich ihr Gepäck – sie meinten, er sei ein Flughafenarbeiter. Tinguely verstaute die Gepäckstücke mit lockerem Schwung in der Ladeluke – dafür war er sich nicht zu schade – und stieg dann wie die anderen ein.
Da Tinguely mit Bargeld aufgewachsen war, bevorzugte er Scheine gegenüber einer Kreditkarte. Manchmal lief er mit einer Handvoll Tausendernoten in seinem «Pochettli» durch die Gegend. Mit denen ging er dann etwa zu den Stadtwerken in Melun bei Paris und verlangte, dass der Strom wieder eingeschaltet werde, damit er Schweissen könne. Er legte ein paar Noten auf den Tisch und sagte in etwa: «Zieh den Betrag ab, den ich euch schulde, und schreibt mir den Rest als Gutschrift für die nächste Rechnung auf.»
Formel-1-Rennen waren eine seiner grossen Leidenschaften. Er verpasste keinen GP, so Gaillard. Entweder am Fernseher, aber noch lieber vor Ort. Denn: Gab es einen Unfall rannte er auf die Rennstrecke und sammelte Trümmerteile des kollidierten Wagens ein. Diese wurden dann in Kunstwerke verarbeitet. Als Formel-1-Fahrer Joakim Bonnier 1972 in Le Mans beim 24-Stunden-Rennen starb, errichtete Tinguely 1985 aus zwei Lola Langstrecken-Rennwagen-Chassis einen «Altar» zu Ehren Bonniers.
Sowohl Gaillard als
auch Hofmann sind mit Freude und Leidenschaft am Werk – und zollen so dem
Künstler, dessen Arbeit sie täglich in den Händen halten, Respekt: «Innerhalb
von 40 Jahren über 1600 teils sehr komplexe Kunstwerke zu erschaffen, zeugt von
einem grossen Feuer im Innern. Das ist schon eine Leistung», lobt Gaillard.
Quelle: Simone Matthieu
Jedes Kunstwerk im Museum Tinguely hat eine eigene Box. Dort kommt alles rein, was bei der Recherche – die oft wie Detektivarbeit anmutet – zutage kommt. Diese Teile und Informationen werden für zukünftige Restauratoren-Generationen beiseitegelegt.
Quelle: Simone Matthieu
Jean-Marc Gaillard und Andy Hofmann posieren mit Fasnachtslarven vor Foto von Tinguely und Skulptur.
Aktuelle Ausstellung
Quelle: Simone Matthieu
Das Schauatelier gibt es seit 2001 im Museum Tinguely in Basel. Hier können Besucher den Restauratoren von Tinguelys Kunst über die Schulter blicken.
Was: Ausstellung «La
roue = c'est tout»
Wo: Museum Tinguely in Basel
Erstmals seit der Gründung des Museums 1996 wird die ständig wachsende Werksammlung des Künstlers wieder in der grossen Halle des Hauses ausgestellt. Ergänzt durch einige Leihgaben wichtiger Schlüsselwerke eröffnet sich damit ein umfassender Überblick über Tinguelys Schaffen. Die Ausstellung läuft bis am 3. Januar 2027.
Weitere Infos: Ausstellung.