Permafrost ist kein Kleber, der die Alpen zusammenhält
Vom kleinen Nesthorn oberhalb Blatten bis zum Pizzo Cengalo bei Bondo scheinen die Alpen zu zerfallen. Was tauender Permafrost und schmelzende Gletscher damit zu tun haben und was nicht, weiss Permafrost-Forscher Robert Kenner.
Quelle: Stefan Suhner
Grosses Nesthorn: Rot umrahmt ist eine Ausbruchsnische zu sehen, dasselbe könnte am gelb umrissenen Hang passieren. Das Eis hat dort einen sehr steilen Hang geschaffen, der Potenzial für Sturzaktivität bietet.
Der Experte arbeitet für das Institut für Schnee- und Lawinenforschung der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) und hat entsprechende Erkenntnisse in einem ausführlichen Fachartikel zusammengefasst. Dieser erschien im Swiss Bulletin für Angewandte Geologie. Im Interview erklärt Kenner die wichtigsten Punkte.
Robert Kenner, wie kommt es zu einem Bergsturz?
Damit
ein Teil einer felsigen Bergflanke abstürzen kann, braucht es eine
passende Kombination von geologischer Struktur, Felseigenschaften und
Topografie. Jeder Berg hat Schwächezonen. Wenn diese ungünstig
ausgerichtet sind, kann die Schwerkraft über lange Zeit Brüche in ihnen
verursachen. Dann muss die Felsflanke steil genug sein und braucht
Platz, um überhaupt in Bewegung geraten zu können. Diesen Platz haben in
den Alpen vor allem die Gletscher geschaffen, indem sie die Basis der
Felshänge wegerodiert haben. Einige Hänge sind dadurch zu steil
geworden, um langfristig stabil zu bleiben.
Sie schreiben, Permafrost sei nicht der Kleber der Alpen – was ist er dann?
Permafrost
kann verschiedene Einflüsse auf das Gebirge haben. Permafrosteis kann
tatsächlich kleinere Mengen Lockergestein stabilisieren. Bei hohen
Belastungen wie im Fall von grossen Berghängen verhält sich Eis aber
plastisch und gibt dem Druck nach. Über lange Zeiträume hat Permafrost
sogar eine destabilisierende Wirkung, weil das langsame Wachstum von Eis
in den Klüften zur Felszerrüttung und Erosion beiträgt. Die Vorstellung
eines Klebers, der den Berg zusammenhält, ist für grosse
Hanginstabilitäten deshalb unpassend. Ist der Permafrost kalt genug, ist
er eher der Dichtstoff der Berge und verhindert das Eindringen von
Wasser.
Was richtet dieses Wasser im Berg an?
Durch
das Wasser in den Klüften können sich Staudrücke aufbauen, die
erhebliche Spannungen im Fels verursachen. In einzelnen Fällen kann das
Wasser in grösserer Tiefe wieder gefrieren, wodurch Eisdrücke von bis zu
10 Megapascal (MPa) entstehen – ein Druck, als wäre man 1000 Meter
unter Wasser. Einen anderen Fall beobachten wir beim Spitzen Stei in
Kandersteg: Manche Felsarten können durch eindringendes Wasser
geschwächt werden. Am Spitze Stei betraf das eine Mergelschicht an der
Basis der Felsmasse. Gleichzeitig bildet sich hier jeden Sommer mit der
Schneeschmelze ein grosser Wasserdruck im Berg und führt zu einer
Beschleunigung der Hangbewegung.
Gibt es noch weitere Beispiele, die mit dem tauenden Permafrost zusammenhängen?
Nach
dem Bergsturz am Pizzo Cengalo kamen 2011 massive Eiskeile im Anriss
zum Vorschein, die auf eine langfristige destruktive Wirkung des
Permafrosts hindeuten. Im weiteren Verlauf bildeten sich auch hier hohe
Wasserdrücke aus. Im Anriss von 2017 war schliesslich zu sehen, dass die
Wassersäule in den Klüften teils mehr als 80 Meter hoch war. Auch am
Bergsturz am Piz Scerscen von 2024 spielte Wasser eine Rolle: Die
Gletscherkappe auf dem Berg hatte sich zuvor so stark erwärmt, dass
erstmals seit langer Zeit Schmelzwasser durch sie hindurch und bis in
den Berg hineinlief. Dieses gefror im noch immer kalten Felsen wieder.
Quelle: Marcello Negrini
Pizzo Cengalo, Bondo, GR: Nach dem Bergsturz 2011 kam massives Klufteis zum Vorschein.
Trifft dies auch für das Kleine Nesthorn oberhalb von Blatten zu?
Am
Kleinen Nesthorn konnten wir bisher keine Hinweise auf einen der zuvor
genannten Prozesse finden. Im Anrissbereich trafen wir eine trockene,
weitgehend eisfreie und durch geologische Prozesse sehr stark zerrüttet
Felsmasse an. Vermutlich war der Permafrost hier noch so kalt, dass
bisher kaum Wasser eingedrungen ist. Die Felsstruktur war ausserdem so
stark zerstört, dass sich auch beim Auftauen kein Wasserdruck hätte
aufbauen können. Entsprechend kam es auch nicht zu einem grossen
Absturz, sondern das zerrüttete Material fiel in zahllosen kleinen
Paketen auf den Gletscher. Dieser Gletscher war möglichweise auch die
Ursache für die Hanginstabilität. Über viele Jahrtausende hat er den
Hangfuss erodiert und hier zu einer sichtbaren Versteilung geführt.
Ähnlich wie bei einem Sandhaufen, dem man die Basis abgräbt, kann das
langfristig zu einem Versagen des darüber liegenden Materials führen.
Werden grosse Bergstürze durch die Erderwärmung nun häufiger?
Im
Permafrostgebiet, also im Hochgebirge oberhalb von rund 3000 Metern
über Meer, ist das wahrscheinlich – über die Häufigkeit ist man sich
aber noch unsicher. Niemand weiss genau, wie weit verbreitet die
destabilisierenden Prozesse sind und wie viele Hänge dafür anfällig
sind. Da es lange Zeit keine systematische Erfassung von Felsstürzen im
Hochgebirge gab, fehlt bisher ein statistischer Nachweis. Während kleine
Felsstürze und Steinschlag mit der Klimaerwärmung deutlich zunehmen,
deutet vieles darauf hin, dass grosse Fels- und Bergstürze trotz einer
Häufung auch in Zukunft seltene Ereignisse bleiben werden. (Interview: Delia Landolt, SLF News)
Lesetipps:
- Den Artikel Tiefgründige Felsbewegungen im (vergletscherten) Permafrost : das dünne Eis des Kenntnisstands von Robert Kenner auf www.e-periodica.ch lesen.
- Weitere Informationen zum Thema Permafrost auf der Website des SLF auf www.slf.ch
Quelle: Anidaat, eigenes Werk, CC BY-SA 4.0
Val Bondasca rund sechs Jahre nach dem Bergsturz des Pizzo Cengalo: Schuttkegel mit Vegetation.