14:12 BAUPRAXIS

Ökologische Gebäudehüllen für mehr Biodiversität in der Stadt

Teaserbild-Quelle: Fred Romero flickr CC BY 2.0

Biologische Vielfalt geht in urbanen Gebieten zunehmend zurück – etwa aufgrund der Verdichtung. Forscher der TU München schlagen im Zuge eines Projekts nun einen «artenübergreifenden Entwurfsprozess» mit ökologischen Gebäudehüllen vor.

Bosco Verticale in Mailand

Quelle: Fred Romero flickr CC BY 2.0

Blick auf die Fassade der begrünten Zwillingstürme «Bosco Verticale» in Mailand. (Symbolbild)

Natur in der Stadt hat positive Auswirkungen auf das Wohlbefinden von Menschen, heisst es in einer Pressemitteilung der Technischen Universität München (TUM) von Donnerstag. Gleichzeitig gehe die biologische Vielfalt in urbanen Gebieten aber immer weiter zurück, beispielsweise aufgrund der zunehmenden Verdichtung.

Forscher unter Federführung der TUM suchen daher mit dem Projekt «Ecolopes» nach Lösungen, um eine grüne Infrastruktur mit einer höheren biologischen Vielfalt auch in Stadtgebieten zu ermöglichen. Eine Schlüsseldisziplin hierfür sehen die Forscher in der Architektur, die einen erheblichen Einfluss auf die bebaute Fläche und damit auch auf die Biodiversität hat.

Architektur für Regeneration der Umwelt

«Im Allgemeinen planen Architekten nicht für die biologische Vielfalt. Umgekehrt konzentrieren sich Naturschutzbemühungen meist auf die nicht bebauten Areale der Stadt. Die Bedeutung der Architektur für die Schaffung einer städtischen grünen Infrastruktur wird dabei ignoriert», wird Wolfgang Weisser, Professor für Terrestrische Ökologie an der TUM, in der Mitteilung zitiert.

In der Architektur könne man sich heute nicht länger damit begnügen, Gebäude zu schaffen, die die Umwelt möglichst wenig belasten. Stattdessen müsse man eine Architektur entwickeln, die zur Regeneration der Umwelt sowie zum Erhalt der Artenvielfalt beitrage und gleichzeitig den Kontakt zwischen Mensch und Natur fördere.

Artenübergreifender Entwurfsprozess

Genau hier setzt das Projekt «Ecolopes» (Ecological envelopes) an. Das im April 2021 begonnene interdisziplinäre Vorhaben zielt darauf ab, Architektur so zu konzipieren und zu gestalten, dass sich die gebaute Umwelt der Stadt und die Natur – einschliesslich des Menschen – gemeinsam zu einem neuen und vielfältigeren System weiterentwickeln können. 

Nach Ansicht der Forscher muss dafür die Förderung der biologischen Vielfalt zu einer wichtigen Triebkraft der architektonischen Gestaltung werden. Um dies zu erreichen, ist aber ein Wandel der bisherigen Gestaltungsgrundsätze in der Architektur nötig, die sowohl menschliche als auch nicht-menschliche Bedürfnisse adressieren sollen.

«Die Architektur muss neben dem Menschen auch andere Organismen wie Tiere, Pflanzen und sogar Mikroorganismen als zusätzliche Klienten einbeziehen», erklärt Ferdinand Ludwig, Professor für Green Technologies in Landscape Architecture an der TUM.

Dieser neue Gestaltungsansatz bringt sowohl für die Architektur als auch für die Ökologie Herausforderungen mit sich, denn eine artenübergreifende Gestaltung geht über die bestehenden Ansätze in Architektur und Ökologie hinaus. Mit dem neuen Entwurfsansatz wird ökologisches Wissen in den architektonischen Entwurfsprozess eingebunden.

Illustration Ecolopes Projekt der TUM

Quelle: Tum Ecolopes

Vielschichtigkeit ist eines der erklärten Ziele beim Ecolopes Projekt.

Gebäudehülle für verschiedene Organismen

Um einen artenübergreifenden Lebensraum zu schaffen, schlagen die Forscher die Gestaltung von Gebäuden mit einem «Ecolope» vor – einer nach mehreren Kriterien gestalteten Gebäudehülle, die den Bedürfnissen verschiedener Organismen Rechnung trägt. Für die Gestaltung eines solchen Ökosystems greifen die Forscher in einem artenübergreifenden Entwurfsprozess auf Kenntnisse der Ökologie, der Architektur und der computergestützten Gestaltung zurück.

Gebäudehüllen sollen damit als neuartiger architektonischer Raum gesehen werden, der von einer Vielzahl an Lebensformen genutzt wird. Der «Ecolope» kann laut Mitteilung etwa eine begrünte Fassade oder ein begrüntes Dach sein, der als Teil des Ökosystems der Umgebung und damit als gemeinschaftlicher Raum von Menschen, Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen gilt.

«Architekturen, die mit Hilfe eines Multi-Spezies-Ansatzes entworfen werden, können ein wichtiger Schritt sein, um vorteilhafte Mensch-Natur-Beziehungen in Städten zu schaffen. Sie tragen zum menschlichen Wohlbefinden in der Stadt und zur Erhaltung der biologischen Vielfalt bei», so Weisser. (mgt/pb)

Zur Mitteilung der Technischen Universität München: www.tum.de
Zur Projektwebseite: 
www.ecolopes.org

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