Legionellen-Erkrankungen und Hitzeperioden gehen Hand in Hand
Der Legionellenausbruch in Basel im vergangenen Sommer lässt sich auf eine Kühlanlage mit Verdunstungskühlung zurückführen. Frederik Hammes, Umweltmikrobiologe am Wasserforschungsinstitut Eawag, ordnet im Interview den Fall ein .
Quelle: CDC/James Gathany - CDC Public Health Image Library (ID#: 7925), Gemeinfrei
Legionellenkolonien auf einer Agarplatte; sie sind mit ultraviolettem Licht beleuchtet, um den Kontrast zu verstärken.
Kühltürme sind schuld. Ist das Legionellen-Problem damit geklärt?
Frederik Hammes: Der Basler Ausbruch scheint von den Verantwortlichen
rasch und wirksam eingedämmt worden zu sein, aber die grössere
Herausforderung im Umgang mit Legionellen bleibt bestehen. Denn
Legionellenausbrüche aus Kühltürmen, wie jener in Basel, machen nur
einen kleinen Anteil der Fälle in der Schweiz aus. Da dürfen wir das
Gesamtbild nicht aus den Augen verlieren.
Zu den weiteren bekannten Quellen gehören Wasserinstallationen, wie
Duschen, Autowaschanlagen, Abwasserreinigungsanlagen, Dentalsysteme,
Gartenschläuche, Regenwasserspeicher, Thermalbäder und
Toilettenspülkästen. Idealerweise sollte das Infektionsrisiko überall
reduziert werden.
Kühltürme können Brutstätten sein für Legionellen. Was muss
zusammentreffen, damit sie zu Schleudern dieser Krankheitserreger
werden?
Verschiedene Ereignisse, wie beispielsweise der Eintrag eines
pathogenen Legionellenstamms, Veränderungen der Nährstoffbedingungen,
Fehlfunktionen der Desinfektionssysteme und/oder Änderungen im Betrieb,
können zu einem unvorhergesehenen Wachstum von Legionellen beitragen.
Kühltürme können während längerer sommerlicher Hitzeperioden
gewissermassen zu einem «perfekten Sturm» werden. Dafür gibt es drei
wesentliche Gründe. Erstens: eine stärkere Nutzung der Anlagen aufgrund
des erhöhten Kühlbedarfs, wodurch insgesamt mehr Aerosole gebildet und
verbreitet werden; zweitens: höhere Umgebungstemperaturen, die zu
höheren Temperaturen im Kühlturm führen und damit das Wachstum
pathogener Legionellenstämme begünstigen, die im Allgemeinen warmes
Wasser über 30 °C bevorzugen; und drittens: Menschen verbringen mehr
Zeit im Freien oder bei geöffneten Fenstern, wodurch die Exposition
gegenüber kontaminierten Wassertröpfchen zunehmen kann.
Die Basler Anlage steht auf dem Dach eines Bürogebäudes. Wie nahe
muss man sich dort aufhalten, um in Gefahr zu kommen, angesteckt zu
werden?
Dies hängt von der Grösse des Kühlturms und den vorherrschenden
Windverhältnissen ab. Bei kleinen bis mittelgrossen Kühltürmen liegt die
typische Ausbreitungsdistanz bei etwa zwei bis vier Kilometern. So
traten beispielsweise bei einem kürzlich erfolgten Ausbruch in Bregenz
die meisten Fälle innerhalb eines Radius von zwei Kilometern um den
Kühlturm auf. Grundsätzlich nimmt das Risiko mit zunehmender Distanz zum
Kühlturm ab. Es sind jedoch auch Fälle dokumentiert, bei denen deutlich
grössere Entfernungen erreicht wurden.
Sie haben aufgrund früherer Untersuchungen (z.B. Synthesebericht
2025 zum LeCo-Projekt) schon erwähnt, dass es nicht sein kann, dass die
Duschen einzige Quellen von Legionellose-Fällen sind. In Empfehlungen
haben sie u.a. auf Nasskühltürme hingewiesen. Brauchte es erst den
Basler Fall, um das ernst zu nehmen?
Es ist richtig, dass die Ergebnisse des LeCo-Projekts darauf
hindeuten, dass neben Duschen auch weitere mögliche Quellen stärker
berücksichtigt werden sollten, auch in der Gesetzgebung. Das von
Kühltürmen ausgehende Risiko ist aber seit Jahrzehnten bekannt; ein
Beispiel dafür ist der Ausbruch 2017 in Genf mit über 30 Fällen. Doch
die Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in praktische Massnahmen
und gesetzliche Regelungen erfolgt zu Recht sorgfältig, unter Abwägung
und unter Einbezug verschiedener Interessengruppen. Es ist daher kein
schneller Prozess.
Die Schweiz kennt – anders als fast alle anderen Länder in Europa -
keine gesetzliche Regelung für die Kontrolle von Legionellen in
Verdunstungskühltürmen. Ist das der Grund für die steigenden Fallzahlen
in der Schweiz?
Dazu verfügen wir über keine verlässlichen Vergleichszahlen.
Grundsätzlich gibt es in der Schweiz gute Branchen-Normen und
BAG/BLV-Empfehlungen zum Thema. Eine Norm ist jedoch nicht dasselbe wie
ein Gesetz. Ich habe in den letzten Jahren sowohl Anlagen gesehen, die
genau nach den geltenden Normen erstellt und betrieben werden, als auch
solche, bei denen das Wissen über Legionellen – und entsprechend auch
die Massnahmen dagegen – vollständig fehlten. Ein Gesetz allein kann das
Problem jedoch nicht kurzfristig lösen. Aus- und Weiterbildung sowie
die Sensibilisierung der Betreibenden sind ebenfalls entscheidend. Ich
würde zwei konkrete Massnahmen besonders empfehlen. Die erste wäre
relativ einfach umzusetzen: ein obligatorisches Register aller
Verdunstungskühlanlagen. Damit könnten die Behörden Anlagen mit
potenziell erhöhtem Risiko identifizieren und bei Ausbrüchen verdächtige
Kühlsysteme schneller lokalisieren. Zweitens: Eine obligatorische
Untersuchung auf Legionellen, mit zusätzlichen Untersuchungen während
längerer Hitzeperioden. Dadurch könnten Anlagen mit erhöhtem Risiko
frühzeitig erkannt und Korrekturmassnahmen eingeleitet werden.
Häufigere und längere Hitzeperioden führen zu mehr Kühlanlagen und damit zu erhöhter Legionellengefahr?
Nein, so einfach ist es nicht. Nicht alle Kühlsysteme sind gleich. In
der Schweiz gibt es zahlreiche Trockenkühlanlagen, die
definitionsgemäss überhaupt kein Legionellenrisiko darstellen. Ein etwas
erhöhtes Risiko geht von sogenannten hybriden (oder adiabatischen)
Kühlsystemen aus. Diese werden überwiegend trocken betrieben, schalten
jedoch bei besonders hohen Temperaturen auf einen Betrieb mit Wasser um,
um eine effizientere Kühlung zu ermöglichen. Aufgrund ihrer Bauweise
stellen diese Systeme ein deutlich geringeres Risiko dar als
konventionelle Nasskühlsysteme, unter anderem aufgrund der geringeren
Aerosolbildung. Ihre voraussichtlich zunehmende Nutzung in Zukunft ist
jedoch ein Faktor, der berücksichtigt werden sollte. Das höchste Risiko
geht offensichtlich von konventionellen Nasskühltürmen aus. Diese sind
weniger verbreitet, was auch bedeutet, dass sie gezielter kontrolliert
und überwacht werden können. (Interview: Andri Bryner, Eawag)
Legionellenerkrankungen in der Schweiz häufiger
Am Eawag-Infotag vom 8. September 2026 hat Frederik Hammes aufgezeigt, dass die Schweiz im Ländervergleich, etwa zu den USA oder den Niederlanden, anteilmässig besonders stark von Legionellenfällen betroffen scheint, aber auch, dass die Zahl der erfassten Krankheitsfälle weltweit steigt. Neben dem Klimawandel und einer alternden Bevölkerung nannte Hammes fehlende gesetzliche Regelungen und das Energiesparen mit tiefen Warmwassertemperaturen als mögliche Gründe für die Situation. Der Artikel im Infotag-Magazin und den Vortrag (Präsentation) können hier abgerufen werden. (mgt)