15:06 BAUPRAXIS

Instandsetzung der Neuen Nationalgalerie in Berlin von Mies van der Rohe

Geschrieben von: Robert Mehl (rm)
Teaserbild-Quelle: Simon Menges

In Berlin wurde die von Mies van der Rohe entworfene Neue Nationalgalerie durch das Büro David Chipperfield Architects umfassend saniert. Dabei begriffen sich die Planer als «unsichtbare Architekten», um gemäss der Bauherrenvorgabe «So viel Mies wie möglich» umzusetzen.

Neue Nationalgalerie Berlin Mies van der Rohe

Quelle: Simon Menges

Die Neue Nationalgalerie stammt von Ludwig Mies van der Rohe und gilt als Ikone der Klassischen Moderne.

Ein Gebäude von solch unantastbarer Autorität zu zerlegen, war eine merkwürdige Erfahrung, aber auch ein Privileg», stellt der Architekt David Chipperfield in einem Memorandum fest. Weiter ergänzt er, dass die Neue Nationalgalerie für seine Arbeit und die vieler anderer Architekten Massstäbe gesetzt hat. Hinter diese Fassade zu blicken, hat ihre Genialität und zugleich ihre Mängel offenbart, jedoch seine Bewunderung für Mies‘ Vision nur verstärkt.

Daher war Chipperfields Arbeit von chirurgischer Natur. Sie befasste sich mit technischen Belangen, um Mies' Vision zu schützen. Ein solches Unterfangen in einem Gebäude, in dem man nichts verstecken kann, bezeichnet Chipperfield als «einschüchternd». Aber sein Büro hofft, den «Patienten» dem Anschein nach unberührt entlassen zu haben – nur in viel besserem Zustand.

Martin Reichert, Partner und Managing Director im Büro Chipperfield, ergänzt dazu: «Dieses Bauvorhaben war in vielerlei Hinsicht bemerkenswert: die Ernsthaftigkeit, mit der selbst scheinbar marginale denkmalpflegerische Fragen von allen Beteiligten diskutiert wurden, die hohe Wertschätzung der materiellen Substanz, die differenzierte Abwägung der unterschiedlichen Interessen und Belange sowie die explizite Botschaft, dass nach Abschluss der Baumassnahme nicht mehr zu sehen ist, als ein mit grosser Sorgfalt instandgesetztes Hauptwerk der späten Moderne. Es gab kein Versprechen auf neuen Glanz, keine Verheissung neuer Qualitäten, keine Neuinterpretation oder ästhetische Auffrischung. Nur eine denkmalgerechte Grundinstandsetzung des letzten Werks von Ludwig Mies van der Rohe.»

Diese beiden Zitate benennen plastisch die grosse Herausforderung, vor der das Büro Chipperfield stand, als es vor zehn Jahren, im Juli 2012, das europaweite, offene Architekten-Auswahlverfahren für sich entscheiden konnte und vom Bauherrn der Stiftung Preussischer Kulturbesitz mit der Grundinstandsetzung der Neuen Nationalgalerie beauftragt wurde.

Formuliert war zunächst, die über die fast fünfzigjährige Existenz des Gebäudes entstandenen bzw. konstruktionsbedingten Bauschäden abzustellen und den Bau an die heute geltenden Bauvorschriften anzupassen. Eine sorgfältige Untersuchung, ergänzt durch eine fast einjährige Archivrecherche, insbesondere im Museum of Modern Art (MoMA) in New York, zeigte jedoch, dass dies nicht möglich war, ohne das Gebäude in seinem inszenierten Purismus stark zu verfälschen.

Erschwerend kam hinzu – und das spricht Chipperfield eingangs an – dass sich beim Rückbau herausstellte, dass die Qualität der Ausführung mitunter zu wünschen übrig liess oder das manches versteckte Detail erschreckend profan war und schon zur Bauzeit nicht mehr dem Stand der Technik entsprach.

Blickfang Ausstellungshalle

Die grosse Ausstellungshalle mit ihrem 50 Meter im Quadrat messenden, monumentalen Flachdach, das auf acht im Verhältnis dazu schlanken Stahlstützen ruht, die frei vor der eingerückten Glasfassade stehen, ist das ikongrafische Gesicht der Neuen Nationalgalerie. Diese geometrisch einfache Struktur in seiner Reduziertheit zu erhalten, stellte die schwierigste Herausforderung dar.

Zunächst galt es, einem baukonstruktiven Mangel entgegenzuwirken, denn die aus überdimensional grossen Scheiben bestehende Glasfront wies keine Dehnungsmöglichkeiten auf. Selbstverständlich heizte sich alljährlich die mattschwarz gestrichene Stahlkonstruktion im Sommer stark auf und kühlte sich im Winter entsprechend stark ab. Daher kam es seit Eröffnung des Museumstempels am 15. September 1968 immer wieder zu Glasschäden, die man nun endgültig in den Griff bekommen wollte.

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