17:09 BAUMARKT

7. Immobilien-Summit der FRZ: Das Gebäude als Rohstofflager

Autoren: Ben Kron (bk)
Teaserbild-Quelle: FRZ

Baurohstoffe werden knapp, ebenso der Deponieraum für Mischabbruch. Die Baubranche muss deshalb lernen, in Kreisläufen zu denken, und Gebäude zugleich als Rohstofflager der Zukunft zu behandeln. Das Zauberwort heisst Urban Mining, und es gibt dazu auch in der Schweiz vielversprechende Ansätze. Darum ging es unter anderem am Immobilien-Summit der FRZ Flughafenregion Zürich, Wirtschaftsnetzwerk & Standortentwicklung.

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Quelle: FRZ

Claudio Saputelli, Chief Investment Officer Global Real Estate bei der UBS Switzerland, ging der Frage nach, wie sich Homeoffice auf den Immobilienmarkt und insbesondere den Büroflächenmarkt auswirkt. (Im Bild im Gespräch mit Sylwina Spiess.)

Mit jährlich 7,5 Millionen Tonnen ist die Bauwirtschaft der grösste Abfallverursacher der Schweiz. Doch im Zuge der Eskalation der Um-weltprobleme und der knapp werdenden Rohstoffe ist die Branche gefordert: Der Bau muss zirkulär werden. Unter diesem Aspekt stand der siebte Immobilien-Summit der FRZ Flughafenregion Zürich, Wirtschaftsnetzwerk & Standortentwicklung. Der Event des Netzwerks stand unter dem Titel: «Lebensraum der Zukunft. Neu denken. Neu handeln.»

Wie dies aussehen kann, zeigte Patrick Eberhard, in dritter Generation am Ruder des Familienunternehmens. «Den Rohstoff der Zukunft gewinnen wir durch Urban Mining. Schon heute sind einige Materialien für den Bau in den Städten in grösseren Mengen zu finden als in der Natur.» Der Bedarf an Baumaterialien – vor allem Sand, Kies und Kalkstein – wächst unaufhörlich. Doch diese werden in der Natur knapp – der Bau muss lernen, verbaute Materialien wiederzuverwerten.

Intelligente Sortierroboter

In der Schweiz ist vor allem der Mischabbruch ein Thema. Patrick Eberhard da-zu: «Er macht ein Drittel der jährlichen 7,5 Millionen Tonnen Rückbaumaterial aus und erfährt entweder eine Wiederverwertung in Form eines Downcycling, oder er landet auf der Deponie.» Das Unternehmen präsentiert deshalb mit «EbiMIK» («Material im Kreislauf») ein Aufbereitungszentrum, das Ende September in Betrieb geht. Zuvor findet am 25. September ein «Tag der offenen Tür» für alle Interessierten statt.

«Die Anlage bringt den gesamten Bauabfall in eine Kreislaufwirtschaft, ohne dabei ein Downcycling zu betreiben», so Eberhard. «Die Materialien, die aus dem Gebäude Schweiz fliessen, behalten wir werterhaltend im Kreislauf.» Konkret kann die Anlage Mischabbruch in grossen Mengen trennen: «Der Kern der Anlage sind mehrere intelligente Sortierroboter, die über künstliche Intelligenz gesteuert werden.» Die Roboter sortieren das Material sauber, sodass homogene Sekundärrohstoffe die Anlage verlassen. Aus diesen werden wieder hochwertige Baustoffe. «Noch zehn Generationen nach mir sollen die Menschen mit genau demselben Stein bauen können», hält Eberhard fest.

Emissionen gezielt gesenkt

Neben der Anlage für Mischabbruch stellte Eberhard auch ein neues Produkt mit Namen «Zirkulit» vor. «Es handelt sich um den ersten zirkulären Beton der Schweiz, mit maximaler Zirkularität, maximalem Einsatz von Sekundärrohstoffen und Senkung des Kohlendioxydausstosses.» Der Beton ist zertifiziert, entspricht allen Normen und ist und für alle Anwendungen geeignet.

Die Emissionen von Zirkulit wurden in drei Schritten reduziert. Als erstes ging man zurück auf den Mindestgehalt an Zement gemäss Norm, als zweites verwendete man nur CO2-armen Zement, als drittes entwickelte man eine neue zertifizierte Speichertechnologie für das Kohlensäuregas.

Für die Methode braucht es ausschliesslich alten Beton. Dieser wird zu einem Granulat gebrochen und in einem Reaktor mit CO2 beaufschlagt. «Die Kieskörner weisen an ihrer Oberfläche viele Poren auf, die CO2 einlagern.» Das Kohlendioxyd wird auf dem Betongranulat gebunden und in Kalkstein umgewandelt. So man die Zirkularität um total 75 Prozent erhöht und dazu den CO2-Ausstoss gegenüber Primärbeton um 10 Prozent gesenkt.

Materialien Identität geben

Nachhaltigkeit im Bau ist auch das Ziel der Madaster Services AG. «Madaster ist ein Materialkataster, das wie ein Grundbuch die Materialisierung eines Gebäudes erfasst, führt Marloes Fischer aus, CEO Schweiz des niederländischen Konzerns. «Unser Ziel ist es, Bauabfälle komplett zu vermeiden, indem wir den Materialien eine Identität geben.» Konkret ist eine Lösung geschaffen worden, die Bauherren helfen soll, die richtige Materialwahl für ihr Gebäude zu treffen.

Hierfür liest man bei Madaster alle technischen Baudaten ein, kombiniert diese mit externen Datenquellen und generiert daraus ein Materialdossier, das alle Kennwerte zu allen verbauten Materialien enthält und damit als Entscheidungshilfe dienen kann. Ist ein Gebäude fertig, bleiben diese Informationen in einem Materialpass dem Besitzer und Benutzer zugänglich, für spätere Umbauten, Sanierungen und den unvermeidlichen Rückbau.

Madaster bietet Online-Plattform

Dazu bietet Madaster eine Online-Plattform, das dem User eine Portfolio-Übersicht all seiner Projekte liefern kann, Dossiers zu den einzelnen Gebäuden mit allen technischen Daten aus der Quelldatei sowie weitere relevante Dokumente. Insgesamt erhält der Bauherr eine zentral organisierte Datenbank mit allen Informationen zum Bau über den gesamten Lebenszyklus.

Ziel von Marloes Fischer und der Madaster AG ist ein System, das die Modularität und Rückbaubarkeit von ganzen Gebäuden ermöglicht. «Wir sollten Dinge so bauen, das wir sie wieder auseinandernehmen und etwas Neues daraus schaffen können», so Fischer. Paradebeispiel ist ein Gebäude der Triodos-Bank in den Niederlanden: Es besteht aus Holz, das mit 264 000 Schrauben zusammengefügt worden und komplett demontierbar ist. Fischer dazu: «Jedes Brett und jede Schraube kann wieder verwendet werden.»

Das Baublatt ist Goldpartner des Immobilien-Summit und Medienpartner der FRZ Flughafenregion Zürich, Wirtschaftsnetzwerk & Standortentwicklung.

Corona und der Immobilienmarkt

Wird die Corona-Pandemie und damit Home Office zum Game-Changer im Immobilienmarkt? Dieser Frage widmete sich Claudio Saputelli, Chief Investment Officer Global Real Estate bei der UBS Switzerland AG und Autor des UBS Real Estate Bubble Index.

Saputelli sieht durch Corona ganz klar einen Durchbruch fürs Home Office, das es indes seit Jahrzehnten bereits gibt: «Home Office ist keine Revolution, sondern lediglich eine Evolution einer bereits lange bestehenden Idee.» Deshalb sei die Pandemie auch insgesamt «kein Game Changer». Es habe in der Krise Gewinner und Verlierer gegeben, so Saputelli. «Alles, was nicht mit sozialer Interaktion zu tun hat, ging hoch. Also Data Center, Industrie, Self Storage und Ähnliches». Was mit Interaktion zu tun hatte, litt: Hotels, Restaurants, Retail, Office. Laut Saputelli erholen sich die-se Segmente wieder.

Hauspreise um zehn Prozent gestiegen

Wichtig ist das Eigenheim geworden: «Die Hauspreise sind während der Pandemie um zehn Prozent gestiegen. Der Zweitwohnungsmarkt boomt; Händler in Graubünden erzählen, dass sie auch den letzten Ladenhüter verkaufen können.» Weil die Preise steigen, kaufen viele in der Peripherie. Die UBS hat ermittelt, dass vor allem Regionen profitieren, die vor Corona zu weit abseits lagen. Dies gilt zum Beispiel für das Unterwallis, die Bodenseeregion oder das Churer Rheintal. Im Zuge von Home Office sind die-se Gebiete attraktiv geworden.

Statt Grossraumbüro flexible Raumstruktur

Allerdings bedeutet diese Zunahme des Home Office nicht automatisch ein Minus bei den Büros: «Ein Rückgang bei der Bürofläche könnte durch den Faktor Pandemietauglichkeit kompensiert werden, denn dies heisst mehr Fläche pro Mitarbeiter.» Die Nachfrage wird also bleiben, aber nicht jedes Büro hat Zukunft, wie Saputelli ausführt. «Das Erfolgsrezept: Flexibilität. Nicht Grossraumbüros erstellen, sondern flexible Raumstrukturen, mit denen sich Höhepunkte abfangen lassen.» (bk)

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