13:03 BAUBRANCHE

Trafotürme: Eine Architekturform, die nicht mehr gebaut wird

Geschrieben von: Stefan Gyr (stg)
Teaserbild-Quelle: Tierfriedhof, eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

Rund 2000 Transformatorentürme stehen noch in der Schweiz. Einige sind in Betrieb, andere wurden umgenutzt. Viele sind verschwunden, weil die Stromleitungen heute grösstenteils unterirdisch verlaufen. Trafofans haben eine Internet-Dokumentation der Stromhäuschen zusammengestellt.

Trafoturm Dornach Goetheanum Rudolf Steiner

Quelle: Hans E. Gisler

Einzigartig: Der Trafoturm in Dornach SO unweit des Goetheanums (rechts im Hintergrund) wurde vom Anthroposophie-Begründer Rudolf Steiner entworfen.

Sie stehen fast überall: in Städten, Dörfern, auf Feldern und in Wäldern. Mit ihrer Höhe sind sie eigentlich unübersehbar. Trotzdem werden sie kaum beachtet. Doch die Transformatorentürme haben durchaus ihre Liebhaber. Einer von ihnen ist der Solothurner Stephan Ruch. Seit 2009 betreibt er die Website www.swisstrafos.ch. Hier werden die Trafotürme in der Schweiz nach Standorten aufgelistet und mit Fotos gezeigt. Wer sich durch diese Internetseiten klickt, erfährt auch Wissenswertes über die einzelnen Objekte und die Geschichte dieser Bauwerke. «Mir geht es darum, ein Stück Technik- und Industriegeschichte zu bewahren», erklärt Ruch. Die älteren Türme seien noch sehr aufwendig gebaut worden. Je später ein Objekt entstanden sei, desto nüchterner sei es gestaltet worden.

Über seine Person mag Ruch öffentlich nichts preisgeben: «Die Trafotürme sollen im Vordergrund stehen.» Die Drahthüsli, wie sie hierzulande auch genannt werden, seien ihm schon in jungen Jahren ins Auge gestochen. «Türme übten schon immer eine Faszination auf mich aus – auch Kirch- und Leuchttürme.» Und eines Tages habe er sich gefragt, welche Funktion die vielen Stromhäuschen eigentlich haben und was sich in ihnen verbirgt. Er habe aber kaum Informationen gefunden. Das habe ihm den Anstoss gegeben, ein Inventar der Transformatorenhäuschen in der Schweiz aufzubauen.

Aus der Zeit der Elektrifizierung

Trafotürme stammen aus der Zeit, als die Menschen begannen, Strom zu nutzen. Die meisten dieser Bauwerke wurden zwischen 1890 und 1950 errichtet. Die Bauherren waren oft dorfeigene Elektrizitätsgenossenschaften, manchmal auch die Elektrizitätswerke selbst. Die Kleinbauten wurden auf einer geringen Grundfläche aus Stein, Backstein, Holz oder Beton erstellt. Damals floss Hochspannungsstrom über weit oben gespannte oberirdische Leitungen in die Trafostationen. Deshalb errichtete man diese als kleine Türme. Die darin eingebauten Transformatoren wandelten den Strom in die vom Endverbraucher benötigte niedrigere Spannung um.

Trafoturm Ebikon

Quelle: Hans E. Gisler

Die Trafostation in Ebikon LU zeichnet sich durch gesprosste Eckpfeiler und ein geschweiftes Satteldach mit Klebedachspickeln aus.

Trafoturm Niederwil

Quelle: Hans E. Gisler

Trafotation in Niederwil AG: Auffällig sind das Satteldach und die querliegenden, gesprossten Fensterbänder, die asymmetrisch an den Fassaden angeordnet sind.

Heute sind dafür keine hohen Bauten mehr notwendig. Denn die Stromleitungen werden grösstenteils unterirdisch geführt. Die modernen Transformatoren fallen im Gegensatz zu früher kaum mehr auf. Sie finden heute in unscheinbaren Betonkästen Platz. Viele Trafotürme sind denn auch bereits verschwunden. Stephan Ruch spricht deshalb von einer vergänglichen Bauform. Nach seinen Schätzungen stehen heute in der Schweiz noch rund 2000 Turmtrafos. Ein beträchtlicher Teil der Stromstationen ist noch in Betrieb.

Wie viele es in der Zeit der Elektrifizierung gab, ist unklar. Ruchs Mitstreiter Hans E. Gisler hat fast 4000 solche Bauten in einer Excel-Tabelle erfasst – mit Bild, Standort, Baujahr und Koordinaten. Gisler hat inzwischen nach eigenen Angaben rund 150 000 alte Luftaufnahmen aus dem ETH-Archiv angeschaut, um möglichst alle Trafohäuschen ausfindig zu machen. Ob er aIIe gefunden hat, ist offen. Die Suche geht weiter. Als begeisterter Modellbauer hat er auch Bastelbögen von verschiedenen Türmchen angefertigt, die von der Swisstrafos-Website heruntergeladen werden können.

Traforeporter im ganzen Land

Über tausend Stromhäuschen sind heute auf diesen Internetseiten zu finden. Weitere 500 Objekte werden in der nächsten Zeit dazukommen. Die Fotos sind bereits vorhanden, doch Ruch muss noch Informationen über die Bauwerke beschaffen. Viele Angaben findet er in Büchern, im Internet und auf alten Luftaufnahmen. Auch in Gesprächen mit der Nachbarschaft lässt sich einiges herausfinden.

Ruch kann inzwischen auf die Unterstützung durch rund 40 sogenannte Traforeporter in der ganzen Schweiz zählen, die Bilder und wertvolle Hinweise liefern. Er pflegt auch Kontakte zu Trafoliebhabern in anderen europäischen Ländern. Aus Deutschland stammt zum Beispiel die Website www.trafoturm.eu, die nach eigenen Angaben «die schönsten Trafohäuschen Europas» zeigt. Die Internetseiten werden allerdings seit 2016 nicht mehr weitergepflegt.

Trafoturm Mümliswil

Quelle: Hans E. Gisler

Das Mauerwerk des Turmtrafos in Mümliswil SO wurde aus rotem und gelbem Sichtbackstein gebaut.

Trafoturm Embrach

Quelle: Hans E. Gisler

Kabinentrafo in Embrach ZH: Über dem quadratischen Kubus befindet sich ein spitz zulaufendes Türmchen aus Blech, an dessen Ende sich die alten Keramikisolatoren befinden.

Die Trafofans, wie sie sich selbst nennen, können sich für die Vielfalt der Architektur begeistern. «Damit eine Trafostation ins Ortsbild passte, wurden auch auf Druck der Heimatschutzvereine Elemente wie verschiedene Dachformen, spezielle Anstriche und detailreiche Zierelemente bei der Planung und Ausführung berücksichtigt», ist auf der Swisstrafos-Website zu lesen. Da gibt es schlanke Säulentrafos, die vor allem in dicht besiedelten Gebieten zu finden sind, wo der Platz knapp ist. Diese Trafobauten können nicht betreten werden und werden von aussen bedient. Mehr Platz für die Einrichtungen und das Bedienpersonal bieten Flaschentrafos. Sie haben die Form einer Flasche und sind mit einem helmartigen Dach versehen.

Andere Bautypen weisen ein Mauerwerk aus Backstein auf, das oft von durchdachten Zierelementen geschmückt wird. Damit habe man sich in der Schweiz an einem ungewöhnlichen Stil versucht, der wohl von der aufwendigen Klinkertechnik nördlicher Länder beeinflusst gewesen sei, heisst es auf der Swisstrafos-Website. Eine Seltenheit geblieben sind Kleintürme mit einem über dem Dach befestigten Eisenbügel. Dies aus ästhetischen und sicherheitstechnischen Gründen: Die Freileitungen werden hier nicht wie üblich über Vorrichtungen an der Fassade oder im Dachgiebel zum Transformator geführt, sondern über einen auf dem Dach sitzenden Bügel.

Architekturwettbewerbe für Trafos

Zweckmässig und schlicht wurden die modernen Trafohäuschen gebaut. Auf aufwendige Verzierungen, spezielle Anstriche oder Sonderdetails wurde verzichtet. Daneben sind verschiedene regionale Bauformen entstanden. Die Betreiber beziehungsweise Energieunternehmen beauftragten häufig Architekten mit der Gestaltung der Turmtrafos. Die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) schrieben sogar Architekturwettbewerbe aus. Bis zu 124 Projekte wurden dabei eingereicht. Zu den Ergebnissen gehörte ein aufwendig gestalteter, eleganter Flaschentrafo, der ein Obergeschoss mit Bedienraum besass.

Trafoturm Gossau

Quelle: Hans E. Gisler

Die Trafostation in Gossau ZH weist ein helmartiges Dach aus Blech mit Lukarnen auf, über dem sich ein schlankes Eisenbetontürmchen befindet.

Trafoturm Russikon

Quelle: Hans E. Gisler

Eine Seltenheit: Beim Trafohaus in Russikon ZH wurde über dem Satteldach ein grosser Eisenbügel mit Aufbauten für die Stromzufuhr angebracht.

Trafoturm Montreux

Quelle: Hans E. Gisler

Der flaschenförmige Steintrafo mit einem Helmdach in Montreux VD wurde mit einem Rundbogen versehen.

Laut der Industriearchäologin Yvonne Scheiwiller gibt es Trafotypen, die nur in einem Tal vorkommen. Häufig lasse sich an den Bauwerken ablesen, wer die Gegend damals elektrifiziert hat. Im Kanton Schwyz zum Beispiel stehen in Freienbach und in Einsiedeln typische Trafobauten der EKZ. Der innere Kantonsteil hingegen wurde von den Centralschweizerischen Kraftwerken (CKW) elektrifiziert.

Vom Elektrizitätswerk Schwyz (EWS) erbaut wurde dagegen der Trafoturm auf dem Stoos, dessen Fassade wohl dem Landschaftsbild zuliebe teilweise mit Holzschindeln verkleidet wurde – eine Rarität in der Schweiz. Einzigartig ist auch der Transformatorenturm in der Nähe des Goetheanums in Dornach SO, den der Anthroposophie-Begründer Rudolf Steiner in unverkennbarer Formensprache selber entworfen hat.

Lebenserwartung erreicht

Heute haben viele dieser historischen Bauten ihre Lebenserwartung erreicht. Wenn Sanierungen anstehen, müssen die Elektrizitätsunternehmen entscheiden, ob die alten Gebäude weiter verwendet werden können. Je nach Bausubstanz oder der verfügbaren Fläche kann ein Neubau einer Fertigkabine die einfachere und günstigere Lösung sein. Manche Türme werden deshalb abgebrochen. Was den Trafostationen ebenfalls oft zum Verhängnis wird: Nur zu gern ergänzen benachbarte Liegenschaftsbesitzer ihr Areal durch die Fläche, wo der Turm steht – nicht in der Absicht, diesen Bau zu erhalten.

Trafoturm Worb

Quelle: Hans E. Gisler

Bei diesem Trafobau in Worb BE fallen die hochstehenden, gesprossten Fensterbänder in Kombination mit hochrechteckigen Mauervertiefungen auf.

Trafoturm Niedergösgen

Quelle: Hans E. Gisler

Der Trafoturm in Niedergösgen SO wurde inzwischen abgebrochen. Eine Besonderheit war der über eine Aussenleiter und einen Balkon erschlossene Hochzugang.

Trafoturm Tramelan

Quelle: Hans E. Gisler

Die Trafostation in Tramelan BE wurde zweckmässig mit einfachen Fenster- und Türformen sowie einem Satteldach gestaltet.

Die Abrisse stossen selten auf Widerstand. Die Trafofans erfahren meistens eher zufällig im Nachhinein davon. Auf der Swisstrafos-Website werden dann die Fotos der verschwundenen Stromhäuser mit einem schwarzen Todeskreuz versehen. Stephan Ruch zeigt aber Verständnis für die Elektrizitätsunternehmen: «Man kann nicht alle Trafobauten um jeden Preis erhalten.» Es sei eben eine andere Zeit angebrochen: «Das muss man akzeptieren.»

Er sei dankbar, Bilder der alten Bauwerke für die Nachwelt festhalten zu können. Mit seiner Website möchte Ruch mehr Aufmerksamkeit für die kleinen Bauten schaffen. «Zumindest die hübschen Türme sollte man behalten», findet er. Immerhin beginne sich auch die Denkmalpflege allmählich mit diesen Zeitzeugen der Elektrifizierung zu beschäftigen. Einige Objekte wurden zumindest zum kommunalen Schutz empfohlen. Ob die Standortgemeinden die Türmchen tatsächlich erhalten, steht allerdings dahin.

In Wohnhäuser umgebaut

Manche Turmbauten, die nicht mehr für die Stromumwandlung verwendet werden, sind umgenutzt worden. Der Fantasie scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein. Einige Berühmtheit hat der frühere Trafoturm in Möhlin AG erlangt. Ein Werbefachmann rettete die ehemalige Stromstation vor dem Abbruch und baute sie zu einem Einfamilienhaus mit Anbau aus. Zeitungen und Magazine in ganz Europa berichteten über das «kleinste Hochhaus der Welt». 

Trafoturm Grenchen

Quelle: Ulrike Nitzschke

Zaubertürmli: Das Trafogebäude in Grenchen SO wurde von einem pensionierten Unternehmer mit vielen guten Ideen und Liebe zum Detail in ein Wohnhäuschen umgebaut

Trafoturm Tierfriedhof Läufelfingen

Quelle: Tierfriedhof, eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

Der Transformatorenturm in Läufelfingen BL dient heute als Abdankungsraum des Tierfriedhofs.

Ein weiteres bekanntes Beispiel ist das Zaubertürmli in Grenchen SO. Ein pensionierter Unternehmer erwarb das stillgelegte Trafogebäude und baute es liebevoll in ein Wohnhäuschen um. So entstand eine Wohnfläche von 65 Quadratmetern auf drei Etagen. Seinen Namen verdankt das Zaubertürmli nicht seinem märchenhaften Erscheinungsbild, sondern dem Grenchner Zauberer Orsani, der in den 1970er-Jahren darin ein einfaches Clublokal für seinen Zauberring eingerichtet hatte. In Läufelfingen BL dient der Trafoturm der ehemaligen Gipsfabrik als Abdankungsraum des Tierfriedhofs. Ein altes Türmchen in Zürich beherbergt heute die Bierbrauerei Hirnibräu. Zu einem romantischen Café ist ein Trafogebäude in Locarno TI geworden.

Häufig erhalten die Elektrizitätsunternehmen auch Anfragen von ornithologischen Vereinen oder Naturschützern. Diese möchten die Kleinbauten als Unterkunft für Vögel oder Fledermäuse nutzen. In Frenkendorf BL hat zum Beispiel die Stiftung Pro Artenvielfalt eine Trafostation zu einem Artenschutzturm für Vogelarten wie Haussperling, Mauersegler, Hausrotschwanz, Kleiber oder Star sowie für Fledermäuse umgebaut. Auch als Gartenhäuschen, Clublokal, Remise, Lager, Werbeträger oder als öffentliche Toilette werden die Gebäude genutzt. Stephan Ruch hat sich auch schon überlegt, einen Trafoturm zu kaufen, liess es aber bleiben. «Ich wusste nicht, wofür ich ihn nutzen könnte.»

Geschrieben von

Ehemaliger Redaktor Baublatt

Stefan Gyr war von April 2015 bis April 2022 als Redaktor für das Baublatt tätig. Seine Spezialgebiete waren politische, rechtliche und gesellschaftliche Fragen sowie Themen der Raumentwicklung.

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