Tom Avermaete, Städtebauhistoriker: «So wenig wie möglich Gebäude abreissen»
Zürich wächst – aber braucht die Stadt dafür zusätzliche, neue Hochhäuser? Nein, sagt ETH‑Städtebauhistoriker Tom Avermaete. Sein Forschungsprojekt mit Architekturprofessor Jonathan Sergison zeigt: Mittelgrosse Gebäude und gezielte bauliche Verdichtung können das Wachstum auffangen.
Quelle: Alessandro Della Bella / ETH Zürich
Der ETH-Professor Tom Avermaete hat untersucht, wie sich Zürich entwickelt hat und wie die Stadt sich weiterentwickeln könnte. Das Stadtmodell steht im ZAZ Bellerive – Zentrum Architektur Zürich und zeigt die Verdichtungspotenziale auf. Gebaut haben es Studierende der Università della Svizzera italiana (USI).
Zürich gilt als eine der lebenswertesten Städte Europas. Sie haben die Entwicklung der Stadt untersucht. Kann Zürich wachsen, ohne seine Qualitäten zu verlieren?
Tom Avermaete: Zürich ist eine ausgesprochen lebenswerte Stadt. Dennoch: Wenn die Bevölkerung in den kommenden Jahren um bis zu 25 Prozent wächst, muss die Stadt vorausschauend handeln – sonst büsst sie an Qualitäten ein.
Mit welchem Bevölkerungswachstum rechnen Sie?
Wir haben ein Szenario durchgespielt, in dem Zürich bis 2040 um rund 100'000 Menschen zunehmen könnte. Diese Frage beschäftigt die Wissenschaft ebenso wie Politik, Praxis und Gesellschaft, die alle nach Lösungen dafür suchen. Wir wollten städtebaulich fundierte Antworten geben, wie Zürich wachsen und dabei seine Qualitäten bewahren kann. Dazu haben wir die historische Entwicklung und konkrete Situationen untersucht, wo in Zürich überhaupt Spielraum für Verdichtung besteht. In einer engen Verbindung von historischer Forschung an der ETH Zürich und projektorientierter Planung an der Accademia di architettura di Mendrisio (USI) haben wir untersucht, wie eine qualitativ hochwertige Zukunft für Zürich aussehen kann.
Welche Schlüsse ziehen Sie?
Die
fortschreitende Ausdehnung der Stadt durch Bauen auf der grünen Wiese
ist heute keine zukunftsfähige Strategie mehr. Wir schlagen daher einen
nachhaltigen Ansatz der inneren Verdichtung vor, der von der Tradition
lernt, auf mittelhohe Bauten setzt und ein ausgewogenes Verhältnis von
Erhalt, Umnutzung und Neubau anstrebt – und zwar so, dass möglichst
wenige bestehende Gebäude abgerissen werden müssen.
Welche Lösungen sehen Sie für das Wohnen in Zürich, wenn die Bevölkerung wächst?
Wer städtebaulich über Verdichtung nachdenkt, fragt sich nicht nur, wie
viele Menschen in einer Stadt Platz finden, sondern wie sich eine Stadt
neu organisiert, wenn die Ansprüche ändern. Wir haben untersucht,
welche historischen Gebäudetypen – in der Fachsprache sprechen wir von
Typologien – sich für das zukünftige Wohnen in Zürich besonders eignen.
Zwei davon stechen hervor: der Blockrandbau und mittelhohe Gebäude mit
sechs bis neun Geschossen, die bis zu 30 Meter hoch sind und die wir
niedrige Türme nennen.
Warum sind Blockrand und niedriger Turm Zürichs beste Antwort auf das Wachstum?
Beide
Typologien haben sich seit dem späten 19. Jahrhundert bewährt und sind
in Zürich etabliert. Sie lassen sich gut in die bestehende Stadt
eingliedern. Wir haben in der Altstadt, am Zürichberg oder am See in
Wollishofen weitere, für sie geeignete Standorte entdeckt.
Blockrandbauten finden sich heute oft in Aussersihl und in Wiedikon. Sie
sind auch künftig eine gute Lösung für die Ebene in Richtung
Limmattal.
Welche Vorzüge haben Blockrandbauten?
Sie umschliessen
einen gemeinschaftlichen Innenhof und verbinden Wohnen mit
Erdgeschossnutzungen wie Läden, Ateliers oder Kinderkrippen. Dadurch
entsteht eine dichte, lebendige Nutzungsmischung. Gleichzeitig lässt
sich, wie unsere historische Forschung zeigt, diese Bauweise gut auf
neue Bedürfnisse anpassen – etwa durch neue Kombinationen von privaten
und gemeinschaftlichen Räumen.
Weshalb sind niedrige Türme besonders zur Verdichtung geeignet?
Niedrige Türme wirken im Stadtbild nicht wie Wolkenkratzer – auch wenn
in Zürich formal alle Gebäude ab 25 Metern als Hochhäuser gelten. Unsere
Forschung zeigt, dass ihre mittlere Höhe es historisch erlaubt hat,
viele Menschen aufzunehmen und zugleich einen Bezug zum Strassenraum zu
bewahren. In unserem Zukunftsszenario könnten 807 niedrige Türme im
Prinzip das ganze Bevölkerungswachstum auffangen. Da in flachen Gebieten
jedoch Blockrandbauten vorzuziehen sind, sehen wir für niedrige Türme
ein Potenzial für rund 40'000 Menschen.
Sie schlagen also Blockrandbauten und niedrige Türme als
Wohnbauten für Zürichs Stadtentwicklung vor. Wie wirken diese sich auf
die Mieten aus?
Unser Ansatz passt gut zum Ein-Drittel-Ziel der
Stadt Zürich, wonach rund ein Drittel des städtischen Wohnraums
preisgünstig sein soll. Unsere Analysen zeigen, dass die Stadt das
Bevölkerungswachstum bewältigen kann, wenn vorrangig bestehende Gebäude
umgebaut werden. Die Geschichte zeigt, dass Ersatzneubauten oft mit
deutlich höheren Mieten einhergehen, während Bestandserhaltung eher
kostendämpfend wirkt. Ersatzneubauten könnten kompakter gebaut werden –
und sie sollten mindestens 50 Prozent mehr Bewohner:innen aufnehmen als
die abgerissenen Gebäude sowie rund 30 Prozent bezahlbarem Wohnraum
bereitstellen. Diese Vorgaben wären für städtische, genossenschaftliche
und private Bauherrschaften sinnvoll.
Wie betrifft eine kompaktere Bauweise die Wohnfläche pro Einwohner:in?
Der Flächenbedarf pro Person ist in den vergangenen Jahrzehnten stetig
gestiegen und beträgt derzeit durchschnittlich rund 41 Quadratmeter.
Diese Wohnfläche liesse sich in Blockrandbauten und niedrigen Türmen
ohne grosse Einbussen an Wohnqualität auf rund 30 Quadratmeter senken,
zumal wenn grössere Gemeinschaftsflächen oder flexibel nutzbare Innen-
und Aussenräume verfügbar sind.
Wie beurteilen Sie die Zukunft von Hochhäusern und Einfamilienhäusern in Zürich?
Eine Stadt lebt von der Vielfalt an Wohntypologien, dazu zählen auch
Hochhäuser und Einfamilienhäuser. Wenn jedoch 100'000 zusätzliche
Menschen in die Stadt ziehen, ist das Einfamilienhaus städtebaulich
nicht optimal. Neue Hochhäuser wären vom Fassungsvermögen her zwar in
der Lage, diesen Zuwachs aufzunehmen – städtebaulich aber werfen sie
Fragen auf.
Welche?
Wie gut sich Hochhäuser in eine historisch
gewachsene Stadt einfügen, hängt stark von der jeweiligen Lage und
Umgebung ab. Unsere historische Forschung hat gezeigt, dass es in Zürich
sowohl gelungene als auch weniger überzeugende Beispiele gibt. Wie
unsere Analysen belegen, kann Zürich 100'000 zusätzliche Personen sehr
gut in Blockrandbauten und niedrigen Türmen aufnehmen. Dieses
Forschungsergebnis hat uns selbst überrascht: Ursprünglich dachten wir,
dass die Stadt zwingend viele Hochhäuser benötige.
Quelle: Tobias Quezado Deckker
Blockrandbauten und niedrige Türme mit sechs bis neun Etagen sowie vereinzelt Hochhäuser entlang der Bahngleise – so liesse sich Zürich verdichten.
Der Bau eines Hochhauses wäre demnach situativ zu beurteilen?
Ja, mit Fokus auf Lage, Umgebung und Nutzungsdurchmischung. Das
entspricht der Tradition europäischer Städte, dass Wachstum ohne
Hochhäuser möglich ist, und dass je nach Ort und Situation verdichtet
wird.
Gilt das auch für Bürohochhäuser?
Ja. Auch sie sind
situativ zu beurteilen. Wir können von der Entwicklung von Städten wie
Brüssel, wo ich herkomme, viel lernen: Reine Bürohochhaudistrikte wirken
abends und an Wochenenden wie ausgestorben. Solche urbanen Monokulturen
werden heute hinterfragt, und es wird sehr viel investiert, um sie
stärker mit Wohnen, Arbeiten und Freizeit zu durchmischen und so zu
beleben.
Wie sehen Sie die optimale Durchmischung von Wohnen und Arbeit in Zürich?
Wohnen und Arbeiten vermischen sich zunehmend – das ist eine
tiefgreifende Transformation unserer Städte. In Zürich zeigt das
Hunziker-Areal exemplarisch, wie sich beides verbinden lässt. Die
Schlüsselfrage lautet: Wie lassen sich Arbeit und Wohnen künftig so
kombinieren, dass sie in der Stadt nahe beieinander oder sogar im selben
Gebäude Platz finden?
Spielt dabei Homeoffice eine Rolle?
Ja. Homeoffice ist
ein Ausdruck für die verschobenen Grenzen zwischen Wohn- und
Arbeitsräumen. Deshalb brauchen wir in Zürich mehr Gebäude, die beide
Funktionen integrieren – etwa mit Arbeitsräumen, die in demselben
Gebäude wie die Wohnungen sind, oder mit teilbaren Büroflächen in der
Überbauung. Ein Beispiel ist in Zürich die Wohn- und Gewerbesiedlung
Kalkbreite. Auch dafür eignen sich Blockrandbauten und niedrige Türme
gut. Neubauten sind nicht in jedem Fall nötig. Bestehende Gebäude lassen
sich umnutzen und aufdatieren – auch ältere Hochhäuser. Das Erweitern
und Anpassen des Bestands sind uns ein grosses Anliegen.
Was ist die Alternative zu einseitig genutzten Stadtteilen?
Die Zehn- oder Fünfzehn-Minuten-Nachbarschaften: Wohnen, Arbeiten und
der tägliche Bedarf befinden sich da in Gehdistanz. Die Stadt wird sich
noch stärker polyzentrisch entwickeln, also mehrere Nebenzentren
ausbilden. Diese können wie Fünfzehn-Minuten-Nachbarschaften
funktionieren. Kinder etwa hätten dann Spielplätze, Sportanlagen und
Grünräume in der Nähe.
Welche Rolle spielen Schulen für die Stadtentwicklung?
Schulen hatten in Zürich stets eine Bedeutung, die über reine
Bildungsstätten hinausgeht. Mit ihren Pausenplätzen, Sportanlagen und
Infrastrukturen wirken sie als kleine Zentren der Nachbarschaft – als
Treffpunkte, die sich abends und an Wochenenden für Quartieranlässe,
Sport und Kultur nutzen lassen, für Kinder wie für Familien und ältere
Menschen. Diese zentrumsbildende Rolle der Schule ist im internationalen
Vergleich nicht selbstverständlich und wird mit der polyzentrischen
Entwicklung noch wichtiger – generell empfehlen wir für öffentliche
Gebäude, verschiedene und zeitlich gestaffelte Nutzungen einzuplanen.
Was heisst das für die städtischen Grünräume?
Grünflächen waren historisch von zentraler Bedeutung für das städtische
Leben, das Klima und die Biodiversität Zürichs. Mit einem weiteren
Wachstum der Stadt werden die Ansprüche an sie jedoch vielfältiger –
Grünräume werden noch stärker von verschiedenen Altersgruppen und
Lebensstilen beansprucht. Umso mehr sind sie so zu gestalten, dass sie
unterschiedliche Nutzungen zulassen und gut mit Velo- und Spazierwegen
sowie mit dem öffentlichen Verkehr erschlossen sind.
Welche Ansätze sehen Sie für die städtische Mobilität vor?
Die stadt- und verkehrsplanerischen Ansätze des 20. Jahrhunderts
liefern heute nicht mehr die Lösungen der Zukunft. Wie unsere
historische Forschung zeigte, hat Zürich dem Auto lange sehr viel Raum
eingeräumt – bis hin zu massiven Eingriffen wie der Sihlhochstrasse oder
der Hardbrücke. Nun werden Fuss- und Velowege, öffentlicher Verkehr
wichtiger sowie die multimodalen Knotenpunkte, wo jemand umsteigen kann –
etwa von der S-Bahn aufs E-Bike. Zürich kann Parkplätze in der Stadt
reduzieren. Umweltfreundliche Mobilität, Car-Sharing und die
Fünfzehn-Minuten-Nachbarschaft machen das möglich.
Was passiert mit den Parkplätzen?
Verschiedene Studien
zeigen, dass Autos über 90 Prozent der Zeit parkiert sind – oft auf
öffentlichem Grund. Diese Flächen lassen sich anders nutzen. Die
Parkierungsflächen, die bereits stark versiegelt sind, lassen sich für
neue Gebäude nutzen, etwa mittelhohe Türme. Diejenigen, die sich
entsiegeln lassen, liessen sich zu Grünräumen umbauen.
Wie sehen Sie das Verhältnis von Nachhaltigkeit und baukulturellem Erbe, beziehungsweise von erhalten und neu bauen?
Diese Frage hat in den letzten etwa fünfzehn Jahren zu einem echten
Paradigmenwechsel in der Architektur insgesamt und besonders an der ETH
Zürich geführt. Das Prinzip lautet heute: So wenige Gebäude wie möglich
abreissen, so viele wie möglich erneuern, transformieren, aufwerten –
auch solche, die auf den ersten Blick kaum kulturellen Wert haben.
Denkmalpflege und ökologische Nachhaltigkeit mögen in Planungsverfahren
bisweilen wie Gegensätze erscheinen. Tatsächlich ergänzen sie sich.
Inwiefern?
Ein respektvoller Umgang mit dem
baukulturellen Erbe lässt sich sowohl denkmalpflegerisch als auch
ökologisch begründen. Wir können ein Gebäude erhalten, weil es als
schön, typisch oder prägend für eine Epoche ist. Zugleich stecken in
jedem bestehenden Gebäude erhebliche materielle Ressourcen und gebundene
graue Energie, die bei der Frage nach seiner Zukunft zu berücksichtigen
sind. Die Weiterverwendung des Bestands sollte heutzutage Vorrang vor
dem Abriss haben, denn wer Bausubstanz erhält, leistet einen Beitrag zur
CO2-Reduktion im Bausektor.
Wie stehen Sie zur Regulierung von Verdichtung in Zürich?
Die Planungs- und Bauvorschriften sollten weiterentwickelt werden, um
qualitativ hochwertiges städtisches Wachstum zu ermöglichen. Die
allgemeinen Regeln müssen in der Anwendung flexibel genug sein, um den
spezifischen Anforderungen des jeweiligen Standorts zu entsprechen. In
ausgewählten Gebieten sollte es möglich sein, höher und dichter zu bauen
als heute vorgesehen. Mit einem entsprechend angepassten Regelwerk
können wir die Stadt verdichten, indem wir aus der Geschichte lernen und
so wenig wie möglich abreissen. (Interview: Florian Meyer, Hochschulkommunikation, ETH)
Dieses Interview erschien zuvor in den ETH-News unter: https://ethz.ch
Quelle: Henrique Ferreira, Unsplash
Zürich ist in Bewegung und wandelt sich. Im Bild: der Primetower vom Gleisfeld hinter dem Hauptbahnhof Zürich gesehen.