13:11 BAUBRANCHE

Japanische Stadt Kanazawa will historische Machiya-Häuser retten

Geschrieben von: Pascale Boschung (pb)
Teaserbild-Quelle: Daderot, Gemeinfrei

In der Stadt Kanazawa in Japan werden jedes Jahr zahlreiche historische «Machiya»-Häuser abgerissen. Um die wertvollen Holzbauten zu erhalten, unterstützt eine städtische Behörde Besitzer bei Renovationen und der Vermittlung von potenziellen Käufern.

Machiya-Haus in Kanazawa in Japan

Quelle: Daderot, Gemeinfrei

Solche Objekte will die Stadt retten: Ein traditionelles Machiya-Haus in Kanazawa.

Bei den Kanazawa-Machiya handelt es sich um traditionelle Kaufmannshäuser, einstige Samurai-Residenzen oder vor 1950 erbaute, moderne Häuser. Da Kanazawa vom Zweiten Weltkrieg verschont worden ist, sind viele dieser historischen Holzbauten erhalten geblieben. Der Begriff «Machiya» steht im Grunde für «Stadthäuser», die zu den Hauptvertretern der historischen Siedlungsarchitektur von Japan zählen. 

Die traditionellen Gebäude dienten meist städtischen Händlern als Wohn- und Geschäftshaus. Typischerweise sind die Bauten direkt mit dem öffentlichen Strassenraum verbunden und weisen eine relativ weite Gebäudetiefe auf. Im Erdgeschoss befindet sich oft ein öffentlicher Bereich, der je nach Nutzung eine Werkstatt, ein Büro oder auch eine Verkaufsfläche beinhaltet. Die äusserliche Erscheinung ist in den meisten Fällen von dunklen Holzelementen geprägt. 

Hausbesitzer bei Renovationen unterstützen 

Im Gegensatz zu Osaka und Kyoto, wo viele solcher Machiya ursprünglich von wohlhabenden Personen als Mietwohnungen gebaut wurden, lehnen die meisten Besitzer solcher Häuser in Kanazawa seit jeher die Vermietung ab, da viele der Gebäude ursprünglich für die Eigennutzung gebaut wurden. Ein Grossteil ist aber sanierungsbedürftig und die Besitzer wissen oftmals nicht, wie die Objekte renoviert werden sollten. Anfang der 2000er Jahre begann die Stadt Kanazawa unter anderem deshalb, sich aktiv um den Erhalt der historischen Häuser zu bemühen. 

Laut einer städtischen Erhebung von 2017 gab es damals in Kanazawa 6‘124 Machiya-Häuser. Im Zuge dessen wurde das Kanazawa Machiya Information Center gegründet, das Eigentümer bei Renovationen unterstützt und mit Menschen zusammenbringt, die die Gebäude nutzen oder kaufen möchten. In einigen Fällen wird hierfür auch finanzielle Unterstützung für Restaurierungen gewährt. Um förderfähig zu sein, müssen aber Kriterien erfüllt sein. So dürfen für eine Renovation etwa ausschliesslich traditionelle Baumethoden zur Anwendung kommen.

Machiya-Häuser in Kyoto

Quelle: marjorie plenge flickr CC BY-NC-SA 2.0

Die Holzgebäude dienten meist städtischen Händlern als Wohn- und Geschäftshaus. Im Bild: Machiya-Haus in Kyoto.

Machiya-Häuser in der japanischen Stadt Mino

Quelle: T.Kiya flickr CC BY-SA 2.0

Die traditionellen Bauten sind über ganz Japan verteilt zu finden. Im Bild: Machiya-Häuser in der Stadt Mino.

Nachfrage übersteigt das Angebot 

Das Center nahm im Jahr 2016 seinen Betrieb auf und findet pro Jahr im Durchschnitt zwischen eins und sieben Übereinstimmungen, respektive Lösungen zur Rettung eines Machiya. Dazu werden in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Architekten und Ingenieure der Präfektur Ichikawa in einem Online-Portal des Infomationszentrums Häuser im Machiya-Stil registriert, von Fachpersonen beurteilt und bewertet, renoviert und anschliessend an potenzielle Käufer vermittelt. 

Die Nachfrage übersteigt das Angebot mittlerweile, wie die Immobilienagentur Japan Property Center kürzlich in einem Beitrag berichtete. Jedes Jahr gäbe es zwischen 30 und 40 neue Interessenten, aber nur etwa zehn Immobilienangebote. Die Verkaufspreise für die Kanazawa-Machiya liegen dabei zwischen 4 und 21 Millionen Yen, umgerechnet zwischen 32‘000 und 170‘000 Schweizer Franken. Einige Häuser werden aber auch zur Miete angeboten, wobei sich die Kosten zwischen 690 und 1‘300 Franken pro Monat bewegen. 

Bis zu 100 Bauten pro Jahr abgerissen

Neben der Vermittlung für die weitere Nutzung der Bauten widmet sich das Informationscenter aber auch der Aufklärung der Eigentümer. Denn viele würden die historische Bedeutung ihrer Immobilie nicht erkennen oder verstehen, wie aus dem Beitrag hervorgeht. Immobilienmakler würden den Besitzern dann meist zu einem Abriss des Hauses raten, wodurch trotz dem städtischen Dienst noch immer bis zu 100 Machiya-Häuser pro Jahr abgerissen würden. 

Das Kanazawa Machiya Information Center ist aber trotzdem erfolgreich. Im August 2021 gab die Stadt etwa bekannt, dass 2017 eine Rekordzahl von Verträgen zwischen Machiya-Hausbesitzern und Käufern, respektive Mietern abgeschlossen werden konnte. Insgesamt zwölf Verträge wurden unterzeichnet. 

Um den Schutz der Häuser weiter zu verbessern, erwägt die Stadt inzwischen auch eine Verordnung, nach der Kanazawa-Machiya bei der Restaurierung bestimmte Anforderungen des Baugesetzes nicht erfüllen müssen. 

Geisha-Viertel Gion in Kyoto mit Machiya-Häusern

Quelle: Wally Gobetz flickr CC BY-NC-ND 2.0

Auch die Strassen im Geisha-Viertel Gion in Kyoto werden von zahlreichen Häusern im Machiya-Stil gesäumt.

Machiya-Haus in Kyoto

Quelle: sodai gomi flickr CC BY 2.0

Die äusserliche Erscheinung der Häuser ist in den meisten Fällen von dunklen Holzelementen geprägt.

Traditionelles Bauhandwerk von Unesco anerkannt

Am 15. Dezember 2020 hat die Unesco 17 traditionelle japanische Baufertigkeiten und –techniken unter der Rubrik «Traditionelle Fertigkeiten, Techniken und Kenntnisse zur Erhaltung und Weitergabe der Holzarchitektur in Japan» in die Repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen. 

Nebst der Restaurierung von Schreinen und Tempeln sind auch der Bau und die Renovierung traditioneller Stadthäuser (Machiya) und Bauernhäuser (Nōka) Teil dieser Liste. Dazu gehören unter anderem die allgemeine Holzverarbeitung, Strohbedachung, das Dachziegelhandwerk sowie Verputzarbeiten. 

In einem Artikel des Newsportals «Japan Forward» werden die traditionellen Handwerkstechniken ausführlich beleuchtet (Englisch).

Geschrieben von

Redaktorin Baublatt

Zeichnet, schreibt und kreiert gerne. Themenbereiche: Bauprojekte sowohl international als auch regional, News aus Wissenschaft, Forschung, Technik und Design.

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