14:08 BAUBRANCHE

Neues Konzept für Windkraft: Eine 300 Meter hohe Wand aus Windrädern im Meer?

Geschrieben von: Pascale Boschung (pb)
Teaser-Quelle: Wind Catching Systems

Eine bis zu 300 Meter hohe vertikale Windkraftanlage im Meer: Geht es nach dem Unternehmen Wind Catching Systems (WCS), soll das bald Realität sein. Die «Wind Catching»-Anlage besteht aus mehreren kleinen, übereinander liegenden Windrädern.

Visualisierung Wind Catching System

Quelle: Wind Catching Systems

Das «Wind Catching»-System besteht aus einem grossen bis zu 350 Meter breiten Gerüst mit mehreren kleinen Windrändern, das auf einer Plattform im Meer zu liegen kommt.

Das Konzept der neuen Anlage soll einen «anderen Ansatz» für die Energiegewinnung mit Windkraft liefern, wie das norwegische Unternehmen WCS erklärt. Anders sieht das «Wind Catching»-System mit Sicherheit aus: Die Visualisierungen zeigen ein grosses Gerüst mit mehreren kleinen Windrädern, das auf dem Wasser zu liegen kommt. Über 300 Meter hoch soll die Anlage laut WCS-Webseite sein – und damit praktisch die gleiche Höhe erreichen wie der Eiffelturm. 

Das spezielle Design sei insbesondere darauf ausgelegt, die Energieproduktion von einem «schwimmenden» Windkraftwerk zu optimieren. So setzt sich die Anlage aus mehreren kleineren Windrädern zusammen, die auf einer Breite von rund 350 Metern vertikal übereinander angeordnet auf einer Plattform montiert werden. Dadurch könne eine doppelt so grosse Fläche für die Erzeugung von Windenergie abgedeckt werden, als bei einem herkömmlichen 15-Megawatt-Windrad, so WCS. 

Plattform im Meeresboden verankert 

Da die Windräder der Anlage eher klein sind und übereinander montiert werden, wäre auch die Herstellung laut dem Unternehmen wesentlich einfacher, da keine massiven Einzelkomponenten nötig wären. Einfacher wäre zudem auch die Montage, da das System lediglich aus handlichen Komponenten besteht. Für den Aufbau seien dadurch keine Spezialkräne oder -schiffe nötig, wie sie bei konventionellen Windrädern zum Einsatz kommen.  Auch die Wartung sei aufgrund der Gitterkonstruktion einfacher. 

Die Plattform selbst soll mit «bekannter Technologie» aus der Öl- und Gasindustrie im Meeresboden verankert werden. Die Anlage verfügt ausserdem über ein integriertes Umspannwerk auf einem «Mutterschiff», das alle Einheiten miteinander verbindet und die erzeugte Energie an Land exportiert. 

Visualisierung Grössenvergleich Wind Catching System

Quelle: Wind Catching Systems

Grössenvergleich: Das «Wind Catching»-System soll bis zu 300 Meter hoch werden.

Kleinere Windräder vertragen mehr Windlast 

Hinsichtlich der Produktion soll das «Wind Catching»-System bis zu 80 000 europäische Haushalte mit Strom versorgen können. So könnten fünf Einheiten der Anlage gemeinsam die gleiche Menge an Energie erzeugen wie 25 konventionelle Windräder, behauptet WCS. Dies erklärt das Unternehmen unter anderem mit den kleineren Rädern: Diese könnten bei Windgeschwindigkeiten von 25 bis 27 Meilen pro Stunde viel besser arbeiten als grosse Anlagen. 

Dies, weil grössere Windkraftanlagen ab einer Windstärke von sechs Beaufort – zwischen 39 bis 49 Stundenkilometern – aus Sicherheitsgründen dazu tendieren würden, entweder ihre Rotorblätter zu kippen oder komplett abzuschalten, um mögliche Schäden zu verhindern. Dabei gehe aber wertvolle Energie verloren. Die Lebensdauer für eine «Wind Catching»-Anlage wird mit 50 Jahren angegeben. Wohingegen jene für ein herkömmliches Windrad bei 30 Jahren liege. 

Offshore-Windenergie zu Netzparität? 

Die Anlage soll auch über «Power to X»-Technologie verfügen, um überschüssige Energie zu speichern oder umzuwandeln. Das Unternehmen will nach eigenen Angaben die sogenannten Levelized Costs of Electricity (LcoE), also die Kosten für die Umwandlung von einer Energieform in elektrischen Strom, radikal reduzieren. Dies, um künftig Offshore-Windenergie zu Netzparität liefern zu können – also zum gleichen Preis wie Strom von einem Netzbetreiber. 

Visualisierung Wind Catching System

Quelle: Wind Catching Systems

Darstellung eines Offshore-Windparks mit den neuen Anlagen.

Die norwegische Firma arbeitet bei der Planung und Entwicklung der neuartigen Anlage mit Aibel, einem in der Öl, Gas- und Offshore-Windindustrie tätigen Ingenieurbüro mit Sitz in Norwegen, und dem Institute for Energy Technology (IFE) zusammen. Finanzielle Unterstützung erhält WCS von Investmentgesellschaften wie North Energy und Ferd. 

Prototyp soll 2022 gebaut werden

Die «Wind Catching»-Anlage ist bislang lediglich ein theoretisches Konzept. Noch in diesem Jahr soll allerdings die Technik auf Herz und Nieren geprüft und verifiziert werden. 2022 soll zudem ein erster Prototyp gebaut werden. Die Grundlage dafür wäre theoretisch auch vorhanden: Norwegen strebt den Aufbau einer eigenen Offshore-Windindustrie an. 

Anfang 2021 gab die Regierung so etwa die zwei Seegebiete «Utsira Nord» und «Südliche Nordsee II» an der norwegischen Küstenlinie für das Genehmigungsverfahren frei. Konkrete Pläne für entsprechende Offshore-Windparks im Meer scheinen damit gar nicht mehr so weit von der Realität entfernt. 

Weitere Informationen: windcatching.com

Geschrieben von

Redaktorin Baublatt

Zeichnet, schreibt und kreiert gerne. Themenbereiche: Bauprojekte sowohl international als auch regional, News aus Wissenschaft, Forschung, Technik und Design.

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