10:09 BAUBRANCHE

Inselbewohner verklagen Holcim wegen Klimaschäden

Teaserbild-Quelle: Jag9889 - Own work wikimedia CC BY-SA 4.0

Vier Bewohnerinnen und Bewohner der vom Klimawandel bedrohten indonesischen Insel Pari haben Zivilklage gegen den Schweizer Baustoffkonzern Holcim eingereicht. Sie machen den Zementhersteller in einem Präzedenzfall für Klimaschäden in ihrer Umwelt verantwortlich und fordern Entschädigungen.

Holcim-Werk in Oberdorf im Kanton Nidwalden

Quelle: Jag9889 - Own work wikimedia CC BY-SA 4.0

Der Schweizer Baustoffkonzern Holcim muss sich mit einer Zivilklage befassen. Im Bild das Holcim-Werk in Oberdorf im Kanton Nidwalden.

«Wegen des Klimawandels steigt der Meeresspiegel, und bei Stürmen wird unsere flache Insel zunehmend überschwemmt», hiess es in einer Mitteilung der Kläger vom Mittwoch. Der Klimawandel bedrohe die Existenz aller 1500 Menschen, die auf Pari nordwestlich der indonesischen Hauptstadt Jakarta lebten. Holcim sei einer der 50 grössten CO2-Emittenten aller Unternehmen weltweit und trage daher einen massgeblichen Teil der Verantwortung an den Folgen des Klimawandels.

Erstmals soll sich damit ein Schweizer Unternehmen für seine angebliche Rolle beim Klimawandel vor Gericht verantworten. Die Kläger verlangen vom Weltmarktführer der Zementbranche eine anteilsmässige Entschädigung und Geld für Flutschutzmassnahmen. Zudem wollen sie, dass Holcim seine CO2-Emissionen im Vergleich zu 2019 bis 2030 um 43 und bis 2040 um 69 Prozent reduziert.

Konkret machen die Kläger eine Persönlichkeitsverletzung aufgrund des «übermässigen CO2-Ausstosses» durch Holcim geltend. Dieser soll zu Schäden auf der Insel geführt haben. Die Klage wurde am Montag beim Zuger Kantonsgericht eingereicht. In dem Kanton hat die Holcim-Gruppe ihren Hauptsitz. Zuvor war es im Oktober 2022 zu einer Schlichtungsverhandlung ohne Einigung gekommen.

Holcim weist Forderungen zurück

Holcim wies die Forderungen zurück. Gerichtsverfahren, die sich auf einzelne Firmen konzentrierten, seien kein wirksamer Mechanismus, um die globale Komplexität des Klimaschutzes zu bewältigen, teilte der Konzern der Nachrichtenagentur Keystone-SDA auf Anfrage mit.

Der Klimaschutz habe für Holcim höchste Priorität und stehe im Mittelpunkt der Strategie des Unternehmens, schrieb der Konzern in seiner Stellungnahme. Holcim verfolge einen «wissenschaftlich fundierten Ansatz» mit Netto-Null-Zielen der Branche, die in Einklang mit dem 1,5-Grad-Pfad stünden. Fast alle Staaten der Erde bekräftigten 2015 in Paris das Ziel, den menschengemachten globalen Temperaturanstieg durch den Treibhauseffekt mit Massnahmen auf 1,5 Grad zu begrenzen.

Holcim konzentriere seine Bemühungen auf Partnerschaften über die gesamte Wertschöpfungskette des Bausektors hinweg, um den Übergang zu einem Netto-Null-Energieverbrauch zu beschleunigen, hiess es.

Holcim zählt zu den grössten Baustoffproduzenten der Welt. Das Unternehmen beschäftigt gegen 70'000 Mitarbeitende. Der Umsatz kletterte 2021 kräftig um 11,3 Prozent auf 26,8 Milliarden Franken. Der wiederkehrende Betriebsgewinn sprang auf 4,6 Milliarden Franken.

«Existenz ist bedroht»

Die Klägerinnen und Kläger sehen ihr Dasein auf der Insel Pari gefährdet. «Unsere Existenz ist bedroht», teilten sie mit. «Wir wollen, dass die Verantwortlichen nun endlich handeln.»

Die Insel wurde den Angaben zufolge im letzten Jahr fünfmal überflutet. Die Kläger verweisen gleichzeitig auf eine Studie des Interessenverbands Global Climate Forum, wonach Schäden auf Pari nachweislich durch die Klimaerwärmung verursacht worden seien. Der höchste Punkt der Insel liegt 1,5 Meter über dem Meeresspiegel.

Unterstützt werden die Insulaner in dem Rechtsstreit vom Schweizer protestantischen Hilfswerk Heks, dem Europäischen Zentrum für Verfassungs- und Menschenrechte (ECCHR) und der indonesischen Umweltorganisation Walhi. Die Klimaklage ist Teil der Kampagne «Call for Climate Justice» (deutsch: Ruf nach Klimagerechtigkeit) und soll einen Präzedenzfall schaffen für weitere Forderungen.

Das Hilfswerk Heks kritisiert die Klimapläne von Holcim mit den Worten «zu wenig und zu spät». Es zweifelt nach einer Analyse an der Wirksamkeit und teils an der technischen Realisierbarkeit. Zudem gebe sich Holcim mehrheitlich relative Emissionsziele, also eine Verringerung des CO2-Ausstosses pro Tonne Zement, ohne absolute Ziele zu setzen. (sda)

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