07:04 VERSCHIEDENES

Last Chance Tourism: Wenn Gletscher zu Tode geliebt werden

Teaserbild-Quelle: Johann Peter Krafft

Der Ansturm auf die schmelzenden Gletscher wird zum Problem: Der Tourismus bringt die fragilen Eislandschaften den Menschen zwar näher und weckt ihr Interesse an ihnen, aber er könnte die Gletscher auch bedrohen. Dies schreibt ein Team unter Leitung der Universität Lausanne in einem Kommentar in der Fachzeitschrift "Natur Climate Chance", der die Widersprüche, die sich aus diesem Phänomen ergeben beleuchtet.

Rhonegletscher

Quelle: Ka23 13, eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

Rhonegletscher mit einer Plane im Juli 2009.

Die Fachleute warnen davor, dass die Gletscherlandschaften von Touristinnen und Touristen "zu Tode geliebt" werden könnten, die einfach zum nächsten angesagten Reiseziel weiterziehen, sobald die Gletscher verschwunden sind.

Seit dem 18. Jahrhundert ziehen Gletscher Touristen an. Doch die durch den Klimawandel beschleunigte Gletscherschmelze hat das touristisches Interesse in den letzten Jahren stark ansteigen lassen. "Das Bewusstsein für den Klimawandel hat Gletscher als Touristenattraktion in einem Ausmass befördert, wie es Jahrhunderte des Tourismus nie getan haben", heisst es im Kommentar. Mehr als 14 Millionen Menschen besuchen jährlich die zehn bekanntesten Gletscherstandorte. Der Begriff "Last-Chance-Tourism" benennt dieses Verhalten, das laut den Wssemschaftlerinnen und Wissenschaftlern von Alaska bis in die Alpen zu beobachten ist: Man will das Eis "noch einmal" sehen, bevor es verschwindet.

Wie das Forschungteam festgestellt hat, reagieren Tourimsusanbieter darauf, indem sie das Narrativ erweitern: Wo früher vor allem die Schönheit der Gletscher im Zentrum stand, kommen heute Information und Bildung stärker hinzu. So stehen vor vielen Gletschern etwa Tafeln, die ihren Rückzug quantifizieren.

Treppen, Stege und Seilbahnen zum nicht mehr ewigen Eis

Um diesen Tourismusbetrieb aufrechtzuerhalten, greift die Branche zu technischen Anpassungen. Dazu gehört einerseits die Infrastruktur, die es braucht, damit man die Gletscher überhaupt bestaunen kann: etwa Treppen und Stege, Seilbahnen oder Helikopterflüge.  Parallel versucht man im Tourismus, die wirtschaftliche Basis mit entsprechenden Massnahmen zu sichern: Gletscherzungen werden teils mit speziellen Geotextilien abgedeckt, um die Schmelze zu verzögern. Oder es wird Snowfarming betrieben: Schnee wird über den Winter gelagert, um ihn im Sommer nutzen zu können.

Solche Massnahmen sieht das Forschungsteam kritisch: Sie seien oft profitorientiert und würden die grundlegenden Ursachen des Klimawandels nicht angehen. So könnten sie notwendige Veränderungen verzögern. Zudem bergen sie Risiken einer Fehlanpassung, respektive von Lösungen, die kurzfristig helfen, langfristig aber neue Probleme schaffen. So können Geotextilien zu Mikroplastikverschmutzung führen, und Helikopterflüge erhöhen den CO2-Fussabdruck. Ausserdem stellt sich laut den Fachleuten Frage, wer von diesem "Gletscherboom" profitiert. Es bestehe die Gefahr, dass lokale Gemeinschaften mit den negativen Folgen wie Wasserknappheit oder Naturgefahren alleingelassen werden, während die Gewinne an externe Akteure fliessen.

Gletscher als Symbole für den Klimaschutz

Neben den Risiken betont das Team aber auch: Gletscher entwickeln sich auf globaler Ebene zu starken politischen Symbolen für den Klimaschutz. Als Beispiele nennen wird die "Gletscher-Initiative" in der Schweiz angeführt, oder eine Petition in Indien, die zum Schutz eines empfindlichen Ökosystems ein Kletterverbot an einem Berg durchsetzte.

Die Konfrontation mit den schwindenden Gletschern löse bei vielen Menschen emotionale Reaktionen aus. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sprechen von einer "ökologischen Trauer". Dieses Gefühl des Verlusts vertrauter Landschaften führe auch zu neuen Ritualen. So fanden in den letzten Jahren in Island, der Schweiz und weiteren Ländern "Gletscher-Beerdigungen" statt. Diese Zeremonien verbinden Gedenken mit Protest und sollen das öffentliche Bewusstsein schärfen. Ob diese Erlebnisse aber zu einem dauerhaft umweltfreundlicheren Verhalten führen, ist laut den Forschenden noch unklar. Sie verweisen darauf, dass die Entwicklung des Gletschertourismus sorgfältig beobachtet werden muss. Es brauche mehr Forschung, um gerechte und nachhaltige Lösungen für die betroffenen Regionen zu finden. (Céline Elber, Keystone-SDA / mai)

Rhonegletscher im 19. Jahrhundert.

Quelle: Johann Peter Krafft

So sah der Rhonegletscher vor mehr als 150 Jahren aus. (Gemälde von Johann Peter Krafft, Kopie nach Thomas Ender.)

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