15:12 BAUBRANCHE

Geschichte: Die Flaschenöfen der Töpferindustrie

Geschrieben von: Pascale Boschung (pb)
Teaserbild-Quelle: John Lord flickr CC BY 2.0

Die Töpfer-Kunst ist seit der Antike bekannt. Wie weit die Geschichte genau reicht und wie gefährlich das traditionelle Handwerk früher war, zeigt ein kleiner Einblick in die Arbeit auf dem einst grössten Töpferindustrie-Areal Grossbritanniens.

Das erste echte Porzellan fand seinen Anfang in China. Über ein Jahrtausend schafften es die Chinesen, das Rezept geheim zu halten. Bis Anfang des 18. Jahrhunderts einer deutschen Fabrik in Dresden der Durchbruch gelang: Innerhalb weniger Jahre entstanden zahlreiche Porzellanfabriken in Bayern, Neapel und vielen weiteren Orten. So auch in Grossbritannien, wo sich kurzerhand das North-Staffordshire-Areal zum Zentrum der Töpferproduktion des Landes wandelte.

Die Innovationen von Staffordshire

Die Töpferindustrie in Staffordshire konzentrierte sich damals auf sechs Städte – Tunstall, Burslem, Hanley, Stoke, Fenton und Longton. Kurzerhand wurde die Region unter dem Namen «The Potteries» bekannt. Viele Innovationen der Töpferherstellung fanden hier ihren Anfang und verteilten sich schlussendlich auf die weltweite Industrie. Die sogenannten «West Midlands», wo Staffordshire zustande kam, waren damals perfekt für das Handwerk geeignet. Denn Ton war dort in Hülle und Fülle vorhanden, ebenso Kohle, um die Öfen zu befeuern. Blei, Salz und feiner Sand wurde ebenfalls von den umliegenden Grafschaften geliefert.

Im Jahre 1777 eröffnete dann der Bau des Trent-Mersey-Kanals neue Möglichkeiten. Mit dem Kanal, der durch die Regionen «East Midlands», «West Midlands» und «North West England» führte, konnten die «Potteries» den weissen China-Ton aus Cornwall, Dorset und Devonshire importieren lassen. Dieser erleichterte unter anderem die Herstellung des chinesischen Knochenporzellans und der sogenannten «Creamware». Letztere sind cremefarbene Steingute, die in Staffordshire erfunden und im frühen 19. Jahrhundert sehr populär waren.

«Creamware»-Geschirr war damals sehr beliebt.

Quelle: Leeds Museums and Galleries flickr CC BY-NC 2.0

«Creamware»-Geschirr war damals sehr beliebt.

Charakteristische Flaschenöfen

Die Kreationen von Staffordshire wurden in charakteristisch geformten Flaschenöfen mit runden Sockeln hergestellt. In der Blütezeit der Töpferindustrie gab es in den sechs Städten des Areals über 4‘000 Flaschenöfen – in den 1950er Jahren waren es nur noch 2‘000.

Die speziellen Öfen waren so geformt, um das Innere vor den Wetterbedingungen zu schützen. Im Hohlraum platzierte man auf einen Schlag Tausende Töpfe. Durch den Sog des hohen Schornsteins wurden die Flammen nach oben in den Flaschenhals gezogen und vollendeten damit die kunstvollen Kreationen. Damit die wertvollen Waren im Ofen nicht mit der entstehenden Kohlenasche in Berührung kamen, wurden die Töpfe zudem in Schamottkästchen gelegt und in hohen Säulen im Ofen aufeinandergestapelt.

Die Schamottkästchen wurden in den Öfen aufeinandergestapelt.

Quelle: Lee Haywood flickr CC BY-SA 2.0

Die Schamottkästchen wurden in den Öfen aufeinandergestapelt.

14 Tonnen Kohle pro Durchgang

Einer der gefährlichsten Jobs war damals derjenige des sogenannten «Placers». Diese waren damit beauftragt, die Ware aus den Öfen zu holen. Im Normalfall konnten die Töpfereien für rund 48 Stunden abkühlen. Manchmal verlangten die Fabrikbesitzer aber bereits früher danach und zwangen die «Placer», die Brennöfen zu betreten – auch wenn einige noch rot glühten. Zum Schutz trugen die Arbeiter rund fünf Lagen Kleidung und feuchte Tücher um den Kopf.

Bei der Befeuerung eines Ofens wurden 14 Tonnen Kohle benötigt. Der Prozess war damals sehr ineffizient und verschwenderisch: Die Hälfte der erzeugten Wärme stieg in Form von Rauch bis zu18 Meter hoch aus den Schornsteinen und legte sich auf die umliegenden Gebäude und Strassen der Stadt. Laut den lokalen Einheimischen sagte man sich gegenseitig: «Es war ein schöner Tag, wenn du die andere Seite der Strasse gesehen hast.» Denn wenn die Öfen des Areals in vollem Betrieb waren, war es unmöglich,die eigene Hand vor dem Gesicht zu sehen.

Das Ende der Flaschenöfen kam dann in den 1960er Jahren, als sich die Gesellschaft mehr und mehr der enormen Luftverschmutzung bewusst wurde. Die bestehenden Öfen wurden daraufhin abgerissen, heute stehen nur noch 47 vor Ort und gelten als denkmalgeschützte Gebäude.

Für eine Befeuerung wurden 14 Tonnen Kohle gebraucht.

Quelle: John Lord flickr CC BY 2.0

Für eine Befeuerung wurden 14 Tonnen Kohle gebraucht.

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Redaktorin Baublatt

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