09:02 BAUBRANCHE

GDI-Studie «Wie will die Schweiz wachsen?»: Besorgtes Ja zur Verdichtung

Geschrieben von: Silva Maier (mai)
Teaserbild-Quelle: Sebastian Meier, Unsplash

Während die Wohnungssuche immer schwieriger wird, wächst die Schweizer Bevölkerung. Dass sie auf zehn Millionen anwächst, ist absehbar. Mit Verdichtung liesse sich das Problem lösen, das steht laut einer Studie des Gottlieb-Duttweiler-Instituts für die meisten fest. Aber: Abstriche wollen die wenigsten machen.

Bahnhof Bern

Quelle: Sebastian Meier, Unsplash

Wer in den urbanen Zentren wohnt bemerkt es auch in der Rushhour: Es sind mehr Menschen unterwegs. (Im Bild: Bahnhof Bern).

Die Schweiz wächst. Am Ostersonntag um 18 Uhr zeigte der Bevölkerungszähler auf der Website des Bundesamts für Statistik (BFS) 9'143'303 Menschen an. Er wird laut BFS alle drei Monate neu kalibriert, damit er mit den vierteljährlich publizierten Bevölkerungszahlen kohärent ist. Damit steigt die Bevölkerungszahl gemäss der letzten Kalibrierung vom 2. April etwa in jeder achten Minute um eine Person – respektive alle sieben Minuten und zwölf Sekunden. Am Tag, an dem dieses Baublatt bei seinen Leserinnen und Lesern im Briefkasten landet, werden es demzufolge etwa 5000 mehr sein.

Wie sich die Bevölkerung künftig entwickelt, hat das BFS in drei Szenarien dargestellt: ein tiefes, ein hohes und ein mittleres. Für 2055 bedeutet dies: Beim tiefen Szenario werden es rund 9,3 Millionen sein, beim hohen etwa 11,6 Millionen und beim Referenzszenario etwas mehr als 10,4 Millionen. Im Kanton Zürich, dem bevölkerungsreichsten Kanton, dürfte sich die Wohnbevölkerung gemäss den BFS-Berechnungen von rund 1,7 Millionen Personen im Jahr 2025 um 18 Prozent auf knapp 1,9 Millionen erhöhen. Den prozentual stärksten Anstieg prognostiziert das BFS für den Kanton Luzern: Hier wächst die Bevölkerung von rund 439'000 im Jahr 2025 auf rund 581'000 an.

Die Fragen, die sich in diesem Zusammenhang stellen, sind vielfältig – vor allem angesichts des erhitzten Wohnungsmarkts oder des vielbeklagten «Dichtestresses». Wie soll man mit dem Raum umgehen? Wie lässt sich die Lebensqualität sichern? Wie wird nachhaltig verdichtet? Und wie wollen die Menschen in der Schweiz künftig zusammenleben? Bei diesen Fragen setzt die vor Kurzem erschienene Studie im Auftrag des Migros-Pionierfonds von Jakub Samochowiec und Johannes C. Bauer vom Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI) an. Sie zeigt auf, worum sich die Bevölkerung sorgt und was sie sich erhofft, und sie benennt zentrale Zielkonflikte.

Zwei Drittel mit Wohnsituation zufrieden

Für die Studie haben über 2000 Menschen – repräsentativ für alle Landesteile, Altersgruppen (16 bis 79 Jahre) sowie Geschlechter – in einer Online-Umfrage Auskunft darüber gegeben, wie sie über den Umgang mit dem Bevölkerungswachstum denken und wie sie zu konkreten Massnahmen stehen.

Abgefragt wurden verschiedene Themenbereiche: Zufriedenheit mit der eigenen Wohnsituation, Handlungsbedarf bezüglich Wohnraums für eine steigende Bevölkerung, bauliche Verdichtung sowie Präferenzen für Szenarien im Umgang mit dem Wachstum. Dabei zeigte sich: Rund drei Viertel der Befragten sind mit ihrer Wohnsituation zufrieden, das Bedürfnis nach einem Wechsel ist gering. Zwei Drittel – und ebenso das Gros der unter 30-Jährigen – wollen auch in zehn Jahren noch dort wohnen, wo sie heute zu Hause sind. 

Dennoch sehen die Befragten Handlungsbedarf beim Wohnraum für die wachsende Gesellschaft. Dass es beim Zusammenleben Veränderungen braucht, dieser Ansicht sind drei Viertel ganz oder teilweise. Lösungsansätze, die den persönlichen Raum oder Landwirtschaftsflächen einschränken, stossen allerdings auf Widerstand. Verdichtet werden soll laut der Umfrage vor allem in den Innenstädten – das sehen sowohl die ländliche als auch die städtische Wohnbevölkerung so.

Schwieriges Teilen und befürchtete Verluste

Geht es um konkrete bauliche Verdichtungsmassnahmen am eigenen Wohnort, zeigt sich ein durchzogenes Bild: 62 Prozent der Befragten stimmen dem Neubau von Mehrfamilienhäusern in der direkten Umgebung, die wenige Geschosse höher sind als in der Nachbarschaft üblich, ganz oder teilweise zu. Bei der Aufstockung des eigenen Wohngebäudes sind es 53 Prozent.

Greifen Massnahmen zu stark in den persönlichen Alltag ein, sinkt die Zustimmung klar.  Auf deutliche Ablehnung stossen Massnahmen, bei denen zugunsten gemeinschaftlich genutzter Räume auf Wohnraum verzichtet wird oder die Wohnung mit anderen Menschen geteilt werden soll. Das heisst: Das Verzichten auf Wohnraum befürworten ganz oder teilweise 33 Prozent, das Teilen der eigenen Wohnung mit Mitbewohnern 36 Prozent.

Fragezeichen gibt es auch sonst bei der Verdichtung: Rund 65 Prozent sorgen sich um einen möglichen Verlust von Grünflächen und Biodiversität oder um die Versiegelung der Böden, 22 Prozent teilweise. Langfristig mehr Lärm, Abfall und Verkehr durch mehr Menschen befürchten 65 Prozent, 23 Prozent teilweise. Ebenfalls ganz weit oben auf dem Sorgenbarometer stehen steigende Mieten respektive die Entwertung der eigenen Immobilie: Dies beunruhigt 61 Prozent, 24 Prozent teilweise. Der Blick auf die Verdichtung ist widersprüchlich: Man befürwortet sie und ist gleichzeitig besorgt.

Zuhause in der Kleinstadtidylle oder der Supercity

Wo könnte all dies hinführen, und wie sieht der Alltag in der Schweiz der Zukunft aus? Geht es nach den Befragten, verteilt sich das Bevölkerungswachstum auf kleine und mittelgrosse Orte, die als urbane Knotenpunkte dienen und eine moderne Infrastruktur bieten. «Kleinstadtidylle trifft Grossstadtleben: ganz ohne Pendeln, dank neuer Co-Working-Hubs», umreissen die Studienautoren dieses Szenario unter dem Titel «Polyzentrisch und vernetzt – der Raum der kurzen Fernen». Es stiess bei 33 Prozent auf Zustimmung. Das Szenario entspreche der gewünschten Wohnsituation einer Mehrheit der Befragten, heisst es in der Studie.

An zweiter Stelle rangiert das Szenario «Super Cities mit Grüngürtel: Städte und Agglomerationen wachsen (zusammen)». Von diesem fühlen sich 25 Prozent angesprochen. Mit dem Bevölkerungswachstum sind die urbanen Zentren der Schweiz zu Supercities geworden; diese wachsen in erster Linie an ihren Rändern: Zentrum und Agglomeration haben sich damit zu dichten, vernetzten Metropolregionen entwickelt. Für den ökologischen Ausgleich sorgt ein Grüngürtel. Auch bei diesem Szenario zeigt sich laut den Studienautoren das gleiche Dilemma: «Viele Menschen befürworten zwar die Verdichtung der Innenstädte, ziehen jedoch gleichzeitig das Leben auf dem Land vor.»

Weniger Anklang finden die Szenarien «Kompakt und regenerativ – Die Stadt wächst nach innen» und «Wohnraum im Fluss – die mobile Schweiz» mit jeweils 21 Prozent. Beim erstgenannten Szenario findet das Bevölkerungswachstum in den urbanen Zentren statt, indem aufgestockt, umgenutzt und jeder Quadratmeter für Wohnen und Grünflächen optimal genutzt wird. Die Fläche pro Kopf ist kleiner geworden, dafür profitiert die Bevölkerung von mehr Gemeinschafts- und Begegnungsflächen. 

Beim zweiten Szenario wird das Wachstum nicht mittels Neubauten, sondern durch eine «effizientere Verteilung auf bestehender Fläche» aufgefangen. Das heisst, Wohnungen und Häuser können dank modularer Bauweise an neue Bedürfnisse angepasst werden: «Umziehen ist keine Hürde mehr, Wohnungstausch wurde zum neuen Standard, die Schweizer Bevölkerung zu modernen Nomaden.»


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