Fredy Hasenmaile: Vorteil der Schweiz ist, dass sich hier kein Strukturwandel aufgestaut hat
Im ersten Halbjahr 2026 musste sich die Schweizer Wirtschaft erneut einer Krise von aussen stellen. Das hat sie erstaunlich robust gemeistert. Doch was wird im zweiten Halbjahr wichtig? Dies erklärt Raiffeisen-Chefökonom Fredy Hasenmaile im Interview mit der Nachrichtenagentur AWP.
AWP: Was braucht es, damit die Schweizer Wirtschaft im zweiten Halbjahr an Dynamik gewinnt?
Fredy Hasenmaile: Zunächst müsste endlich einmal diese Industrieflaute zu Ende gehen - hieran kranken wir bereits seit rund drei Jahren und mit der Zeit nagt das dann schon an den Exportfirmen. Zudem müsste die Unsicherheit für die Konsumenten verschwinden, denn sie sind ein wichtiger Treiber. Zwar hat die
jüngste Krise nicht massiv auf den Konsum durchgeschlagen, die Handbremse ist aber derzeit immer in Reichweite.
Welche Branchen dürften die Konjunktur stützen, wo sind die Belastungsfaktoren?
In der Pharmaindustrie ist viel Volatilität verschwunden und sie dürfte daher wieder die Führung übernehmen - trotz der noch mitschwingenden Zollthematik. Hoffnungsträger sind auch die Präzisions- und Medizinaltechnologie. Hingegen muss sich der Maschinenbau durch die Konkurrenz aus China sehr warm anziehen und es gibt bereits Marktanteilsverluste durch extrem kompetitive
Preise. Zudem drohen für Zulieferer gewisse Ansteckungseffekte durch den Strukturwandel in Deutschland, Stichwort Automobilbranche.
Der starke Franken bleibt für die Exportindustrie schwierig. Wie gross ist das Risiko, dass sich das auf den Arbeitsmarkt auswirkt?
Der Vorteil der Schweiz ist, dass sich hierzulande kein Strukturwandel aufgestaut hat. Deswegen glaube ich auch nicht daran, dass Personalfreisetzungen im grösseren Stil notwendig werden.
Ein anderes grosses Thema ist KI. Sehen Sie hier mehr Chancen oder Risiken für den Arbeitsmarkt?
Grundsätzlich beides. Die Technologie ist unglaublich mächtig und hat sich noch nie so rasant entwickelt wie aktuell. Es wird sicher einige Branchen und Unternehmen auf den Kopf stellen. Geschäftsmodelle geraten unter Druck, neue Spieler treten in den Markt und es kann durchaus zu Stellenstreichungen kommen. Noch ist das aber nicht in grossem Stil zu beobachten und noch darf man die KI auch nicht alleine lassen. Der Mensch muss sie begleiten, kontrollieren und steuern.
Blicken wir zuletzt auf die Zinsentwicklung. Rechnen Sie auch vor dem Hintergrund der heutigen Inflationsdaten für das zweite Halbjahr noch mit geldpolitischen Überraschungen von der SNB?
Nein. Aus meiner Sicht ist die Zinsdiskussion für dieses Jahr beendet. Wir sehen eine erste mögliche Zinserhöhung erst in der zweiten Jahreshälfte 2027 und auch das hängt vom weiteren Konjunkturverlauf ab. Sollte sich die Normalisierung fortsetzen, könnte sich die Schweiz wieder auf den Pfad Richtung Potenzialwachstum machen und dann wäre auch früher oder später eine Normalisierung der Geldpolitik möglich.
(Interview: awp)