11:11 BAUBRANCHE

Die Stadt nach Corona: Was von der Pandemie bleibt

Geschrieben von: Silva Maier (mai)
Teaserbild-Quelle: Tina Witherspoon, Unsplash

Das Virus wirkt sich auf die Städte aus: Wegen Homeoffice und Online-Shopping geraten die Zentren unter Druck, Laden- und Büroflächen entleeren sich. Dass dieser neu entstandene Raum auch Chancen bietet, ist eines der Themen, in dem es im Essay-Band „Die Stadt nach Corona“ geht.

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Quelle: Georgia de Lotz, Unsplash

Blick ins Grüne statt auf Beton und Autos: Wer einem Bürojob nachgeht, ist Dank Homeoffice nicht unbedingt auf die Stadt angewiesen.

„Dass sich der städtische Alltag innerhalb weniger Tage grundlegend verändern kann, ist die kollektive und bisweilen verstörende Erfahrung der Pandemie“, konstatieren Doris Kleilein, Architektin und Verlegerin, und Friederike Meyer, Chefredaktorin bei Baunetz.de, im Vorwort zu „Die Stadt nach Corona“.

Die Spuren, die das Virus in den Städten hinterlassen hat, dürften so schnell nicht verschwinden. Denn auch wenn 3G und Social Distancing eines Tages Geschichte sind, dürfte das Virus ebenso grosse Metropolen wie Kleinstädte über die Pandemie hinaus prägen. Das legen die Texte von Fachleuten aus Architektur und Stadtplanung nahe, die der handliche Band versammelt. Gleichzeitig liefern sie Denkanstösse und zeigen Chancen auf, die sich aus den pandemiebedingten Herausforderungen ergeben können. Zum Beispiel aus sich im Zuge zunehmenden Online-Shoppings entleerenden Zentren.

Aufwendige Digitalisierung für kleine Läden

„Immer mehr Geschäfte schliessen, Innenstädte drohen zu veröden“, schreibt der Berliner Stadtökonom Felix Hartenstein. Die coronabedingten Umsatzeinbussen im Einzelhandel und der gleichzeitige Schub für den Onlinehandel verstärkten diesen Trend. „Nichts deutet darauf hin, dass er sich noch einmal umkehren wird.“

Der erste, naheliegende Reflex liegt laut Hartenstein in der Regel darin, den Handel retten zu versuchen, indem man die Digitalisierung vom Buchladen oder vom Haushaltwarengeschäft um die Ecke zu fördern versucht. Die Krux daran: Die Digitalisierung von Angeboten ist für Händler aufwendig. Schliesslich muss ein Online-Shop mit virtuellen Bezahlmöglichkeiten auch gepflegt werden. Neue Produkte müssen eingestellt, beschrieben und je nachdem auch auf Social-Media-Kanälen beworben werden. Der logistische Aufwand sei enorm und personalintensiv, rechnet Hartenstein vor. Er befürchtet, dass die Digitalisierung des stationären respektive kleiner volumigen Handels nicht funktionieren wird.

Leere Innenstädte als Chance

Neue Konzepte sind gefragt. Die Lockdowns scheinen ihnen gar einen Schub verliehen zu haben. Als Beispiel führt Hartenstein Click-and-Collect-Angebote an: Waren werden im Internet bestellt und danach in einer Filiale abgeholt. Oder „hybride Nischenmodelle“: Um sich von der Konkurrenz abzuheben, werde immer mehr der Weg „der radikalen Spezialisierung“ gewählt. Das heisst, das Angebot ist zwar ausgewählt und klein. Dafür wird entsprechendes Fachwissen geboten, dass auch über Onlinekanäle verbreitet werden kann. 

Zudem wagt Hertenstein ein Gedankenpiel: „Eine bisher wenig beachtete Möglichkeit im Umgang mit dem schrumpfenden Handel wäre, ihn einfach ‚sterben‘ zu lassen – statt ihn mit teuren Rettungsmassnahmen künstlich am Leben zu erhalten.“ Er stellt sich vor, dass auf diese Weise eingesparte Födermittel in die sozial-räumliche Infrastruktur der Städte investiert und so ein gesellschaftlicher Mehrwert erzielt werden könnte. Seine Zukunftsvision: Einkäufe werden mehrheitlich online erledigt. „Die hinterlassenen Freiräume eröffnen Platz für andere Geschäftszweige, die aufgrund hoher Ladenmieten bislang keine Möglichkeit hatten, sich in innerstädtischen Zonen anzusiedeln.“ Als Beispiel führt er nicht mehr genutzt Kaufhäuser an: Häufig in den 70er-Jahren in betonbasierter Skelettbauweise errichtet, ermöglichten sie daher eine maximale Flexbilität. „Sie lassen sich beinahe beliebig umbauen und ermöglichen modulare Konzepte für ein agiles Nebeneinander von Produktion, Handwerk, Büros, Bildung und Forschung, sozialen Einrichtungen, Orten der Gemeinschaft – und sogar Wohnen.“

Lust aufs Landleben

Während sich die Zentren leeren, dürfte sich ein neuer Trend zum Leben auf dem Land etablieren: „Das Leben in der Stadt wird immer beengter“ schreibt Doris Kleilein in ihrem Beitrag „Stadtmüde“. Der ländliche Raum erfahre eine neue Wertschätzung. „Mehr Platz für weniger Geld, mehr Grün, mehr Freiraum.“

Noch lägen keine Zahlen vor, die belegen könnten, ob aus der Stadtmüdigkeit eine Flucht aufs Land werde. Das Homeoffice biete zumindest denjenigen, die einem Bürojob nachgehen, neue Freiräume. „Noch nie konnten so viele Menschen ihren Job aufs Land mitnehmen, oder sind nicht mehr täglich zur Arbeit in die Stadt gependelt“, bemerkt Kleilein. In der Stadtplanung stelle dies Gewissheiten infrage, und zwinge zu einer Neubewertung und Kanalisierung von Entwicklungen von der Mobilität über gesellschaftliche Teilhabe bis hin zum Umgang mit Grund und Boden.

Ob dies der Verdichtung dienlich ist? „Das freistehende Einfamilienhaus mit Garten, längst aus ökologischen Gründen als Auslaufmodell gehandelt, wird seit Beginn der Pandemie wieder vermehrt nachgefragt“, so Kleilein. Laut Kleilein braucht es Alternativen zum Einfamilienhaus. Eine Möglichkeit sieht sie in Landgenossenschaften oder vielmehr in kollektiven Wohnprojekten: „Sanierungsbedürftige Höfe und Gutshäuser, stillgelegte Industrieanlagen und aufgelassene Militär- und Bahngelände“, könnten Raum für gemeinschaftliche Wohnformen bieten.

Clusterwohnungen im Kloster

Wie die Zukunft ländlichen Wohnens aussehen könnte, illustriert sie anhand mit Beispielen. Etwa mit dem rund eine Autostunde von Berlin entfernten Hof Prädikow, der zirka 100 Menschen Wohnraum bietet sowie über  eine Kneipe, Veranstaltungsbereiche und Coworking Spaces verfügt. Oder das Cohaus Kloster Schlehdorf am Kochelsee in Bayern: Hier sind die verbliebenen Schwestern in einen Neubau auf dem Areal gezogen, im früheren Kloster plant die Wogeno München eG Clusterwohnungen.

Auch wenn die Beiträge auf Deutschland fokussieren – die Auswirkungen des Virus dürften sich in besiedelten Gebieten nicht signifikant von jenen und in der Schweiz unterscheiden. Der Band ist lesenswert. Er liefert Denkanstösse und zum Teil neue Sichtweisen auf nicht mehr ganz so neue Probleme.

Die Stadt nach Corona; Hrsg. Doris Kleilein, Friederike Meyer; Verlag: Jovis Berlin; 192 Seiten; broschiert;  ISBN:  978-3-86859-671-, Preis 31 Franken 90

 

 


Geschrieben von

Chefredaktorin Baublatt

Ihre Spezialgebiete sind Architekturprojekte, Kultur- und Wissenschaftsthemen sowie alles Schräge, was im weitesten Sinn mit Bauen zu tun hat.

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