09:05 BAUBRANCHE

Buchtipp: Gibt es für deutsche AKW ein Leben nach der Kernenergie?

Teaserbild-Quelle: Oleksandra Bardash, Unsplash

Am 15. April sind in Deutschland die letzten Atomkraftwerke abgeschaltet worden. Was soll nun mit den Anlagen geschehen? Haben sie noch ein Leben nach der Kernenergie? Dieser Frage geht der Band «Nach der Kernkraft – Konversionen des Atomzeitalters» nach und liefert nebst vielen Hintergrundinformationen Denkanstösse und originelle Vorschläge.

Kernkraftwerk Brokdorf.

Quelle: WolfBlur, Pixabay-Lizenz

Das Kernkraftwerk Brokdorf ist zwar eines der jüngsten AKW in Deutschland, es dürfte aber als eine der symbolträchtigsten Anlagen in die eher kurze Geschichte der Atomkraft in Deutschland eingehen.

Wo die Elbe in die Nordsee mündet, rund 60 Kilometer nordwestlich von Hamburg, liegt Brokdorf. Die Umgebung des Orts mit zirka tausend Einwohnern ist geprägt von der Landwirtschaft und vom Meer. Zudem befindet sich hier der einzige Sandstrand der Region. Doch diese Idylle hat ein Makel: das im Dezember 2021 abgeschaltete Kernkraftwerk Brokdorf. Seine Betreiberin, die Preussen Elektra, und die Behörden gehen davon aus, dass mit dem Abbau noch dieses Jahr gestartet werden kann, wie auf der Website des Bundeslandes Schleswig-Holstein zu erfahren ist.

Denkmalschutz für stillgelegte AKW?

Doch macht es in jedem Fall Sinn, Kernkraftwerke rückzubauen? Sollte das eine und andere AKW vielleicht gar unter Denkmalschutz gestellt werden? Liessen sich Schaltzentralen oder Kühltürme umnutzen? Und wenn ja, was für Möglichkeiten bieten sie? Solche Fragen werden im Band «Nach der Kernkraft – Konversionen des Atomzeitalters» anhand von verschiedenen Beispielen erörtert und mit Fachleuten diskutiert.

Daneben rollt das Buch die Geschichte der Atomkraft in Deutschland auf. Zudem weden Vorschläge präsentiert, was aus den stillgelegten Anlagen Neues entstehen könnte. Die Ideen reichen von einer Kunstinstallation – Kühltürme stossen weiterhin Dampfwolken aus – über ein Kernkraftmuseum bis hin zu einem «Lebenskraftwerk» für bedrohte Tiere und Pflanzenarten oder zum Experimentierfeld für die Speicherung überschüssiger Energie von Offshore-Anlagen.

Herausgegeben haben das Buch Stefan Rettich, Architekt und Professor für Architektur an der Universität Kassel, und Janke Rentrop, sie hat Stadt- und Regionalplanung studiert und forscht an der Universität Kassel zur Nachnutzung von Kernkraftwerken. In ihrem Werk bieten die beiden zahlreiche Denkanstösse. Sie laden zu ein, das Thema stillgelegte AKWs aus unterschiedlichsten Blickwinkeln zu betrachten. Im Fokus stehen dabei vor allem fünf spezifische Anlagen.

Demonstration der Superlative in Brokdorf im 1981

Eine davon ist diejenige in Brokdorf. Als 1976 die Bagger für den Bau auffahren sollten, schlug dem Projekt heftiger Widerstand entgegen. 6000 Menschen demonstrierten gegen den Bau. Schliesslich konnte eine Sistierung der Bauarbeiten erwirkt werden, somit liess sich der künftige AKW-Standort vorerst nur entwässern und sichern. 1981 wurde der Baustopp aufgehoben. Es kam abermals zu massiven, teils gewalttätigen Demonstrationen, oder vielmehr zur grössten Demonstration der Bundesrepublik. Zwischen 50'000 und 100'000 Menschen sollen auf die Barrikaden gegangen sein. All dies trotz Versammlungsverbot. Nachdem es Klagen gegen das Verbot gegeben hatte, fällte das Bundesverfassungsgericht mit dem sogenannten Brokdorf-Beschluss eine Grundsatzentscheidung: Seither gilt in Deutschland das Recht auf Versammlungsfreiheit.

Aus diesen Geschehnissen liesse sich die Schutzwürdigkeit des AKWs in Brokdorfs ableiten. So sieht es der Denkmalpfleger und Bauingenieur Michael Bastgen, in dem im Band abgedruckten Gespräch: «Schon alleine der geschichtliche Aspekt ist bei einem Kernkraftwerk wie Brokdorf so ausgeprägt, dass man es als denkmalfähig einstufen könnte.» (mai)

Nach der Kernkraft - Konversionen des Atomzeitalters
Hrsg. Stefan Rettich, Janke Rentrop
Jovis-Verlag
224 Seiten
ISBN 978-3-86859-755-4
Preis 45 Franken 90

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