07:27 BAUBRANCHE

Brutalismus in Osteuropa: «Die Antihelden der modernen Architektur»

Geschrieben von: Stefan Breitenmoser (bre)
Teaserbild-Quelle: Zupagrafika

In den letzten zehn Jahren haben David Navarro und Martyna Sobecka diverse Bücher über modernistische und brutalistische Nachkriegs-Architektur im Ostblock veröffentlicht. Die beiden Köpfe hinter dem polnischen Studio «Zupagrafika» wollen damit für Verständnis sorgen und gleichzeitig verhindern, dass dieser doch eher kontroverse Architekturstil ausstirbt.

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Quelle: Zupagrafika

Ob diese futuristisch anmutenden Wohntürme in Kiew, die im Buch «Brutal East Vol. 2» präsentiert werden, immer noch so aussehen, weiss zurzeit wohl niemand.

Wie kamen Sie auf die Idee, diverse Bücher über modernistische und brutalistische Architektur im östlichen Europa zu publizieren?

Martyna Sobecka & David Navarro: Seit unserem Start im Jahr 2012 sind wir viel gereist und haben, hauptsächlich im ehemaligen Ostblock, modernistische und brutalistische Nachkriegs-Architektur fotografiert und illustriert. Die Dokumen-tation der Distrikte und Gebäude, die wir während der letzten Dekade besucht haben, war die Hauptinspiration für die Bücher. Wir leben und arbeiten in Polen. Die Architektur der sozialistischen Ära, auch Volksrepublik Polen genannt, ist immer noch sehr präsent in unserem alltäglichen Leben. Die Städte in Polen sind umgeben von riesigen Plattenbausiedlungen, die bis heute Heim für Hunderttausende Stadtbewohner sind. Martyna wurde Mitte der 80er-Jahre geboren und wuchs, wie viele Menschen dieser Generation, in einer «Wielka Plyta» Siedlung auf, wie man Plattenbauten auf Polnisch nennt. In unseren Büchern finden sich deshalb viele verschiedene Beispiele dieser vorfabrizierten Konstruktionen. Wir bewundern die Komposition und das Design dieser Gebäude und die Architekten dahinter und empfinden diese als eigene Kunst.

Was genau fasziniert Sie an der brutalistischen Architektur?

Für uns sind die Gebäude und Komplexe, welche wir in unseren Büchern vorstellen, die Antihelden der modernen Architektur. Obwohl diese Siedlungen das Zuhause der Mehrheit der Stadtbevölkerung sind, waren diese Nachkriegs-Vororte, die Mikrorajons und Distrikte von Zentral- und Osteuropa während Jahrzehnten unsichtbar. Viele wünschten sich gar, sie existierten nicht, oder halten sie für selbstverständlich. Viele dieser Strukturen reflektieren die Träume und Ideale einer kontroversen Ära. Zupagrafika versucht deshalb, sie zu porträtieren und somit für ein besseres Verständnis des Nachkriegs-Ostblock mit seinen Träumen, Utopien, Fehlern und Erfolgen zu sorgen.  

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Quelle: Zupagrafika

Seit 2012 reisen David Navarro und Martyna Sobecka (zumeist im Winter) zusammen durch die Ostblock-Staaten und fotografieren die Überbleibsel der Nachkriegs-Architektur.

Viele der Gebäude, welche in Ihren Büchern gezeigt werden, sind verlassen. Sind Ihre Bücher also auch ein Versuch diesen doch sehr umstrittenen Architekturstil zu dokumentieren und somit auch zu konservieren?

Ja, auch wenn Zupagrafika ursprünglich als Designstudio gestartet ist, welches sich auf redaktionelles und graphisches Design in Bezug auf Architektur spezialisiert hat. Gleichzeitig haben wir aber auch damit begonnen, illustrierte, interaktive Bücher über die polnische, modernistische Nachkriegs-Architektur zu erarbeiten und zu publizieren. Damit wollen wir eine Antwort auf das schnelle Verschwinden dieses Architekturtyps geben, der entweder zerstört oder völlig unbedacht renoviert wird. 

«Die Bastelbögen sind unser Versuch, die Gebäude zu zähmen und sie menschenfreundlicher zu machen.»

Martyna Sobecka und David Navarro

Was hat es mit den Bastelbögen von Plattenbauten auf sich, die sich in fast jedem Ihrer Bücher finden?

Die Bastelbögen sind unser Weg, um die Gebäude in ihrer ursprünglichen Form zu erhalten. Wir dachten, wenn diese Betonriesen, welche oft als überwältigend empfunden werden, als kleine Papiermodelle veranschaulicht werden, wirken sie nicht mehr so furchterregend und abscheulich. Die Bastelbögen sind also unser Versuch, die Gebäude zu zähmen und sie menschenfreundlicher zu machen. Wir haben dabei einen sehr detaillierten Stil der Illustration erschaffen, welcher die Fassaden der Gebäude so zeigt, wie sie konstruiert wurden, aber gleichzeitig durch alle möglichen Besonderheiten der vergangenen Zeit und der menschlichen Interventionen wie beispielsweise TV-Antennen, Vorhänge, Graffiti oder gar Dreck besticht.  

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Quelle: Zupagrafika

Die Bastelbögen von Plattenbauten finden sich fast in jeder Publikation von Zupagrafika, damit sie den Betonriesen durch ihre kleine Grösse die Abschreckungskraft nehmen.

Alexander Ostrogorsky schreibt im Vorwort ihres Buches «Brutal East Vol. 2», dass Brutalismus führend innerhalb der Stile «gehasst vom Volk, geliebt von den Architekten» sei. Wieso glauben Sie ist das so?

Wir müssen uns daran erinnern, dass viele dieser Strukturen die Träume und Ideale einer kontroversen Ära sind. Für viele birgt dieser Moment negative Assoziationen trotz der grossartigen Designs, die damals zum Leben erweckt wurden. Die neuen Konstruktionssysteme wie beispielsweise die Vorfabrikation, welche in grossem Massstab entwickelt wurden, waren eher als temporäre Lösung für den Wohnungsmangel nach dem Zweiten Weltkrieg gedacht. Deshalb wurden oft Materialien für den Bau verwendet, die qualitativ nicht die besten waren. Die Gebäude wurden schnell gebaut und die Wände waren nicht gut isoliert. Mit all dem kämpfen die Bewohner dieser Gebäude bis heute. 

In einem der neueren Bücher präsentieren Sie russische «Monotowns» oder «Monostädte» wie Magnitogorsk, Mirny oder Toljatti, welche stark von einem Industriezweig oder einer Fabrik abhängen. Was hat Sie bewogen, dieses Buch zu machen

Russische Monostädte sind urbane Siedlungen, welche rund um einen einzigen Industriezweig im Hinterland der ehemaligen Sowjetunion gebaut wurden; einige gedeihen, einige kämpfen ums Überleben und wieder andere sind teilweise verlassen. Doch auch wenn Workuta, Norilsk, Mirny, Toljatti, Tscherepowez, Magnitogorsk, Montschegorsk und Nikel alle als Monostädte klassifiziert werden können, unterscheiden sie sich so sehr voneinander wie andere Städte. Das wollten wir in diesem Buch zeigen. Für uns war es ein natürlicher Schritt vorwärts, nachdem wir das Buch «Concrete Siberia» im Jahr 2020 veröffentlicht hatten. Wir hatten das Gefühl, dass wir unsere Leser noch mit einem tieferen Einblick in die Architektur und die Bewohner dieser Monostädte versorgen müssen.  

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Quelle: Zupagrafika

Auch wenn diese Plattenbausiedlung in Kirowsk auf der Halbinsel Kola eher verlassen aussieht, konnte sich die Stadt durch die Nähe zu den Chibinen in den letzten Jahren als Skiort neu positionieren.

Worin unterscheiden sich diese Städte vor allem?

Der Hauptunterschied liegt in den Unternehmen, welche für die Gründung dieser Städte massgeblich waren. Die Industriezweige, um welche diese Städte gebaut wurden, reichen von Nickel- und Diamantminen wie in Norilsk und Mirny bis zu Autofabriken wie in Toljatti. Die städtische Landschaft variiert auch beträchtlich, weil viele dieser Monostädte in schwierigen topographischen Verhältnissen gebaut wurden. Deshalb musste die Architektur an die lokalen Herausforderungen angepasst werden. So findet man beispielsweise in Norilsk und Mirny Gebäude, welche auf Betonsäulen errichtet wurden, um sie vor dem Schmelzen des Permafrosts zu schützen. Und es gibt Reihen von Plattenbauten, welche die Innenstadt vom beissenden Wind abschirmen sollen – fast wie bei einer mittelalterlichen Festung. Die Wohnsiedlungen in Norilsk sind pink, grün, orange und blau angemalt. Diese hellen Farben, welche mit dem omnipräsenten Weiss der Landschaft kontrastieren, ziehen sofort die Aufmerksamkeit auf sich und helfen den Kindern, während der langen Polarnächte ihr Zuhause zu finden. 

«Das vermutlich krasseste Beispiel einer Monostadt, die es nicht geschafft hat, ist aber Workuta, dessen Satelliten-Siedlungen Jahr für Jahr weniger Menschen bewohnen.»

Martyna Sobecka und David Navarro

Die meisten dieser «Monostädte», welche im Buch vorkommen, wirken sehr verlassen. Glauben Sie, dass es eine Zukunft für Städte wie Montschegorsk oder Norilsk gibt? Und wie könnte diese aussehen?

Die Privatisierung, welche nach dem Fall der Sowjetunion kam, hat definitiv seinen Tribut von den meisten staatlichen Unternehmen gefordert und so viele Monostädte in Gefahr gebracht. Während Toljatti oder Mirny, deren Wirtschaft immer noch stark von einem Unternehmen abhängig sind, jetzt von einem privaten Unternehmen verwaltet werden, hat man sich in anderen Monostädten entschieden, die Wirtschaft zu diversifizieren. So ist beispielsweise aus Kirowsk ein gedeihender Skiort geworden, welcher von der pittoresken Umgebung der Chibinen profitiert. Doch nicht alle Monostädte haben sich gut an die Realität nach 1992 angepasst. So wurde die letzte Nickelhütte in Nikel im Dezember 2020 geschlossen. Wie es mit der Stadt weiter geht, darüber wird jetzt entschieden. Das vermutlich krasseste Beispiel einer Monostadt, die es nicht geschafft hat, ist aber Workuta, dessen Satelliten-Siedlungen Jahr für Jahr weniger Menschen bewohnen. Wie man im Buch sehen kann, werden dabei Landschaften zurückgelassen, welche einer Geisterstadt gleichen. Dies lässt uns alle über die Zukunft dieser Monostädte reflektieren.   

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Quelle: Zupagrafika

Workuta nördlich des Polarkreises mutiert immer mehr zu einer Geisterstadt.

Ihre Arbeit umfasst nicht nur die Produktion von Büchern. So haben Sie beispielsweise unter dem Titel «Nesting Blocks» einen «Plattenbau Bezirk» für die Vögel in den Wäldern entworfen. Was sind die nächsten Projekte?

Zurzeit reisen wir viel durch die ehemaligen Ostblock-Staaten und schiessen Fotos für die kommenden Bücher. Der Winter ist für uns immer eine speziell kreative Zeit, weil wir diese Zeit für das Fotografieren von Architektur und ihrer Umgebung am meisten lieben. Es kommen also bald noch einige spannende fotographische Exkursionen durch die Wohnsiedlungen von Osteuropa. 

In Ihren Büchern findet man auch Gebäude aus Deutschland oder Grossbritannien. Sehen Sie auch Potential für ein Buch mit dem Titel «Brutal Switzerland»?

Wir arbeiten zurzeit an mehreren neuen Titeln, welche modernistische oder brutalistische Architektur und Bastelbögen der Nachkriegszeit umfassen, einige davon auch aus Westeuropa.


Zupagrafika

Für einige sind es Schandflecken, doch David Navarro und Martyna Sobecka sehen den Charme in den Plattenbauten und anderen Gebäuden aus der sozialistischen Ära. 2012 gründeten der Spanier und die Polin das Grafikstudio «Zupagrafika» im polnischen Posen. Seither haben sie diverse Bücher über die modernistische und brutalistische Nachkriegs-Architektur in den ehemaligen Ostblock-Staaten erarbeitet und publiziert. Diese enthalten zumeist auch Bastelbögen der präsentierten Gebäude, damit man sie zuhause nachbauen kann. Gewisse Bücher, sogenannte «Kits», bestehen gar nur aus Bastelbögen. Ihre Arbeit umfasst allerdings nicht nur Bücher, sondern auch Jenga ähnliche Spiele oder Vogelhäuser, die Plattenbauten nachempfunden sind. Ihre Arbeiten werden immer wieder in Museen und Festivals wie der Biennale ausgestellt und wurden schon mit diversen Preisen und Awards ausgezeichnet. 2022 erschien das Buch «The Tenants», im Jahr davor die Bücher «Monotowns» und «Brutal East Vol. 2». (bre)


Geschrieben von

Freier Mitarbeiter für das Baublatt.

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