12:11 BAUBRANCHE

Beschleunigtes Bauen: Kurz aber heftig

Teaserbild-Quelle: André Murer

Langwierige Strassenbaustellen nerven, besonders an neuralgischen Punkten. Die intensive Bauweise ist der praxiserprobte Lösungsansatz für solche Fälle. Ganz ohne lärmige Nachtarbeit können damit Bauprozesse beschleunigt und die Bauzeiten verkürzt werden.

Verkehrsbehinderungen, Lärm, Staub und Schmutz – Strassenbaustellen sind für die Betroffenen immer ein Ärgernis und oft eine Belastung. Werden wichtige Verkehrsachsen oder städtische Quartierstrassen erneuert, müssen besonders viele Anwohner, Verkehrsteilnehmer und Gewerbetreibende darunter leiden.

Und dies oft jahrelang, Bauetappe um Bauetappe. Es ist klar, Unterhaltsarbeiten an Strassen sind ein notwendiges Übel. Doch sind sie stets im gewohnten Klein-Klein mit Bauinseln und unter ständig fliessendem Verkehr auszuführen, obwohl diese langwierige Bauweise hohe volkswirtschaftliche Kosten mit sich bringt?

Am vierten IST-Infrastrukturtreff an der HSR Hochschule für Technik Rapperswil diskutierten namhafte Experten aus dem Strassen- und Infrastrukturbau über mögliche Alternativen. «Beschleunigtes Bauen – auf was es ankommt» entpuppte sich als Thema mit Strahlkraft, fanden doch rund 170 Ingenieure, Planer sowie Vertreter von Bauunternehmen und öffentlichen Bauherren den Weg auf den HSR-Campus.

Weniger Immissionen für Städter

«Die konventionelle Bauweise und nicht das beschleunigte Bauen wird bei städtischen Infrastrukturprojekten der Normalfall bleiben», betont Bauingenieur Thomas Kieliger im Namen der Fachgruppe Stadt- und Gemeindeingenieure, einer 2014 gegründeten Kommission des Schweizerischen Städteverbandes.

Schliesslich schone das bewährte etappenweise Vorgehen die Ressourcen und garantiere eine qualitativ hochwertige Ausführung der Strassenbauarbeiten, dies unter Berücksichtigung vieler Anforderungen von Beteiligten und Betroffenen. «Innerstädtische Grossbaustellen sind jedoch oft Totalsanierungen. Und solche können für alle, die dort wohnen, arbeiten oder durchfahren zu extremen Beeinträchtigungen führen», sagt der Projektentwickler im öffentlichen Infrastrukturbau und Mitinhaber der Kieliger & Gregorini AG. «In solchen Fällen drängt sich erfahrungsgemäss der Lösungsansatz ‹kurz aber heftig› auf.»

Bei der sogenannten intensiven Bauweise wird der Verkehr komplett umgeleitet, wodurch der Unternehmer ungestört mit mehreren Bauequipen gleichzeitig arbeiten kann. In Kombination mit einem Zweischichtbetrieb beschleunigt dies den Bauprozess markant. Die Bauzeit wird verkürzt, die negativen Auswirkungen der Baustelle auf Verkehr und Anrainer sind deutlich geringer.

«Dennoch ist das beschleunigte Bauen nicht massiv teurer», sagt Kieliger im Namen der Fachgruppe. «Die Kosten sind vergleichbar mit denjenigen bei konventioneller Bauweise.» Kieliger räumt ein, dass für umfangreiche Verkehrsumleitungen und Provisorien Zusatzkosten anfallen. Kompensiert würden diese jedoch durch Kosteneinsparungen im öffentlichen Verkehr sowie durch reduzierte volkswirtschaftliche Kosten, also geringere Stau-, Lärm- und Umweltkosten sowie Umsatzeinbussen.

Totalsanierung der Stadtzürcher Riedtlistrasse

Quelle: André Murer

Eine heikle Strassenbaustelle im urbanen Umfeld: Um die Akzeptanz unter den Anwohnern zu erhöhen, erfolgte 2014 die Totalsanierung der Stadtzürcher Riedtlistrasse in intensiver Bauweise.

«Siebesiech» gesucht

Für die intensive Bauweise listet die Städteverband-Fachgruppe fünf Voraussetzungen auf. Als wichtigsten Erfolgsfaktor brauche es ein klares Bekenntnis von Politik und Verwaltung. «Ohne die Rückendeckung durch die entsprechenden Chefs geht es nicht», sagt Kieliger. Grundvoraussetzung für einen kurzen aber hocheffizienten Bauprozess ist genügend Platz. Schliesslich sind mehrere Bauarbeiter-Equipen mit grossen Maschinen im Einsatz. Eine Logistikspur ist sinnvoll, die totale oder zumindest teilweise Verkehrssperrung unabdingbar.

Als dritte Voraussetzung braucht es mehr Baustellenpersonal und die Bereitschaft zur Mehrschichtarbeit. «Um die Bauzeit zu verkürzen sind Einsätze ausserhalb der Normalarbeitszeiten notwendig, also auch am Mittag, Abend und an Wochenenden. Nachtarbeit gilt es hingegen möglichst zu vermeiden», konkretisiert Kieliger.

Die vierte Erfordernis ist eine frühzeitige und detaillierte Planung. Die notwendige generalstabsmässige Vorbereitung von Projektierungs- und Realisierungsphase bedinge «mindestens ein Jahr Vorlaufzeit», sagt Kieliger. Denn in der Ausführung seien keine Projektänderungen mehr möglich.

Er rät bei intensiver Bauweise zu einem straffen Terminplan mit fixen Start-, Zwischen- und Endterminen. «Das schafft Sicherheit bei allen Beteiligten.» Nicht zuletzt brauche es auf der Bauherrenseite einen bestens qualifizierten und überdurchschnittlich motivierten Gesamtprojektleiter, bei dem alle Fäden zusammenlaufen und der adressatengerecht nach innen und aussen kommuniziert. Oder schlicht und einfach «än Siebesiech», wie Kieliger mit einem Augenzwinkern anmerkt.

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Ehemaliger Stv. Chefredaktor Baublatt

Gabriel Diezi war bis November 2020 als stellvertretender Chefredaktor beim Baublatt tätig.

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