Ausstellungstipp: In Zürich auf den Spuren der Saisonniers in der Photobastei
Unter dem Titel «Wir, die Saisonniers…» wird in der Photobastei die Geschichte der Saisonniers aufgerollt. Sie erzählt von geschätzten Arbeitskräften, die als Menschen ausgeschlossen wurden, und liefert so ein vielschichtiges Bild vom Leben als Saisonnier.
Ohne sie wären keine Strassen asphaltiert, keine Brücken gebaut, keine Tunnel ausgebrochen und keine Wohnhäuser hochgezogen worden: die Saisonniers. Meist mit dem Bau in Verbindung gebracht, waren sie auch in anderen Branchen tätig: Sie trugen in der Industire, in Landwirtschaftsbetrieben, Privathaushalten oder im Gastgewerbe und ebenfalls massgeblich zum Schweizer Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit bei.
Arbeiten für eine Saison und dann zurück in die Heimat zur Familie
Der Saisonnierstatut geht auf eine Neuregelung des «Bundesgesetzes über Aufenthalt und Niederlassung der Ausländer» von 1931 zurück: Sie ermöglichte es Unternehmen Arbeitskräfte für eine begrenzte Zeit – eine Saison – einzustellen. Ihre Familien, ihre Ehefrauen oder -männer durften ihnen nicht folgen. Zu Beginn konnten Saisonniers 11,5 Monate in der Schweiz arbeiten, anfangs der 1970er-Jahre wurde die Aufenthalts auf 9 Monate herabgesetzt. War ihr Vertrag abgelaufen, mussten die Saisonniers die Schweizer verlassen; sie waren als Arbeitskräfte hochwillkommen, nicht aber als Menschen. Sie wohnten in Baracken und behelfsmässigen Unterkünften, häufig unter prekären Bedingungen. Davon zeugen bis heute die Saisonnierbaracken beim Bahnhof Biel, sie gehörten einst de Baufirma Bührer & Co. - Abgeschafft wurde dieser Aufenthaltsstatus erst 2002.
Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_L25-0540-0001
Italienische Gastarbeiter bei der Arbeit am Bellevue in Zürich um 1976.
Solche Geschichten erzählt die aktuelle Ausstellung in der Photobastei in Zürich: Mit historischen Dokumente, mit Interviews, Bild- und Filmmaterial zeichnet die Schau vielschichtiges Bild vom Leben unter dem Saisonnierstatut. Sie erzählt persönliche Geschichten und macht so gesellschaftliche Zusammenhänge sichtbar– von 1931 bis heute.
Von Genf nach Biel und Zürich
Konzipiert und erstmals gezeigt worden ist die Ausstellung in Genf 2019. Wegen des Publikumserfolgs übernahm sie das Neue Museum Biel, erweiterte sie und stellte sie in den Kontext Biel und erweitert wurde. Nachdem sie ebenfalls in Biel auf grosses Interesse gestossen war, ist sie erstmals in der Deutschschweiz zu sehen: Der Verein «histoire publique» passte sie an Zürcher Verhältnisse an und bringt die Ausstellung in die Zürcher Photobastei, gleich neben dem Hauptbahnhof.
Nicht allzu weit vom Museum entfernt, in zirka 20 Minuten Gehdistanz, an der Brauerstrasse, befinden sich zwar keine Saisonnierbaracken aber die Junggesellenheime der SBB. Die vier dreigeschossigen Wohnhäuser in Plattenbauweise waren 1965 für unverheiratete Gleisbarbeiter errichtet worden – und haben wohl auch Saisonniers als Unterkunft gedient. Seit über 20 Jahren sind die eher unspektakulären kleinen Gebäude im baulichen Inventar der Stadt Zürich gelistet. (mai)
Die Ausstellung Wir, Saisonniers...: Zürich 1931-2026 bis 21. Juni in der Photobastei
Adresse: Sihlquai 125
Öffnungszeiten: Mittwoch 12 bis 18 Uhr, Donnerstag bis Samstag 12 bis 21 Uhr, Sonntag 12 bis 18 Uhr
Weitere Informationen: www.photobastei.ch und www.histoire-publique.ch
Quelle: Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich
Demonstration von Saisonniers aus dem ehemaligen Jugoslawien um 1994.