06:00 VERSCHIEDENES

Frank Kunert und die Architektur der Absurdität

Geschrieben von: Simone Matthieu
Teaserbild-Quelle: Frank Kunert

Der Frankfurter Künstler Frank Kunert schafft mit seinen fotografierten Miniaturwelten Gelegenheiten, im Kleinen das Grosse zu entdecken. Doch schon beim zweiten Blick bricht die Illusion. 

Eine Miniatur des Frankfurter Künstlers Frank Kunert

Quelle: Frank Kunert

«Ein Platz an der Sonne» lautet der Titel dieses Fotos. Wie hübsch es auf den ersten Anblick auch scheint, so schal wird der Beigeschmack bei genauerem Hinsehen.

Frank Kunert baut Welten im Massstab der Hand. Seine fotografierten Miniaturen wirken wie Architekturaufnahmen. Zumindest so lange, bis die Betrachtenden die kleinen Verschiebungen bemerken, welche den Blick kippen lassen: zugemauerte Balkone, ein Snackstand im Laufoval, ein Esstisch auf einem Sprungturm im Schnee. Das Absurde wird zum Prüfstand für Funktion, Detail und Wahrnehmung. Die Motive seiner Fotografien fertigt Kunert in langwieriger, kniffliger Handarbeit an, ähnlich wie im Modellbau mit handgebauten Miniaturen. Seine Bühnen sind menschenleer – und gerade deshalb voller Geschichten.

Für sein Werk erhielt der Frankfurter diverse Auszeichnungen. Ein Gespräch mit dem Künstler über Licht als Baustoff, darüber, warum er seine Modelle neben den Fotografien zeigt, und vieles mehr.

Frank Kunert, Ihre Szenen lesen sich zunächst wie klassische Architekturaufnahmen. Ab wann kippt es in die Surrealität?

Der Kipppunkt liegt meist im Detail. Ich baue so, dass eine Fassade, ein Fenstersturz, eine Treppe erst einmal plausibel sind. Erst auf den zweiten Blick merkt man: Da stimmt etwas nicht – die Funktion ist blockiert, der Kontext verschoben. Das Realistische holt die Betrachterin hinein, der Bruch hält sie fest.

Zu Beginn haben Sie mit Knetfiguren gearbeitet. Warum haben Sie diese «Bewohner» verbannt?

Weil die Kulissen immer realistischer wurden und irgendwann für sich sprachen. Menschen sind physisch abwesend, aber ihre Spuren sind da: ein Glas, Müll, eine angelehnte Tür. Architektur wird zur Metapher für unser «zivilisiertes» Leben – und zur Projektionsfläche. Bühnenbild statt Besetzung.

Eine Miniatur-Aufnahme des Frankfurter Künstlers Frank Kunert

Quelle: Frank Kunert

Essen findet heutzutage nur noch selten im Kreise der Familie statt. In die TV-Röhre zu glotzen und dabei irgendetwas zu verdrücken ist oft einfacher.

Sie betonen oft «Patina». Was interessiert Sie daran – auch baulich?

Patina ist gespeicherte Zeit. Abplatzende Farbe, Rostfahnen, Verschmutzungskanten – das sind im Modell harte konstruktive Aufgaben: Materialien schichten, altern, ohne zu übertreiben. Mich irritiert im Alltag, wenn Vertrautes «wie neu» erscheint. In meinen Arbeiten bekommt das Gealterte einen Platz – inklusive all der Improvisationen, die wir im Bestand kennen.

Ihr Werk zielt stark auf Bau-Realismen: Proportion, Fügung, Licht. Wie «planen» Sie?

Mit Skizzenbüchern. Ideen bleiben dort manchmal Jahre. Dann kommt ein Modellbauprozess, bei dem ich Komposition und Licht schrittweise herausarbeite. Es ist ein analoges «Entwerfen am Objekt»: Masse, Fugen, Schattenwurf – alles wird am physischen Modell entschieden. Ich arbeite mit Holz, Gips, Papier, Farbe; Tapeten male ich, Jalousien baue ich. Das dauert. Aber es schafft eine Präzision, die Software so nicht liefert.

Licht ist bei Ihnen fast schon ein Baustoff. Wie gehen Sie vor?

Wie ein Kameramann. Künstliches Licht modelliert Raum. Ein falscher Schatten, und die Illusion bricht. Ich lege Blickachsen so an, dass Tragwerk, Öffnungen und «Fehler» – etwa ein zugemauerter Balkon – lesbar bleiben. Licht führt die Wahrnehmung, genau wie auf der Baustelle eine Musterfläche zeigt, ob ein Detail tragen kann.

«Die besten Plätze» – drei Grabsteine, die wie ein Siegerpodest angeordnet sind – wurde viel besprochen. Eine formale Pointe, aber auch eine, die an die Logik von Plätzen rührt.

Ja, die Arbeit stellt eine sehr menschliche Ordnung auf ein Terrain, wo sie absurd ist. Mich reizt diese Reibung: Gestaltung, die funktioniert – und trotzdem ins Leere läuft. Für Architektinnen und Planer ist das gar nicht so fern: Wir prüfen täglich, wo Regeln Sinn stiften und wo sie blockieren.

Der Frankfurter Künstler Frank Kunert mit einer seiner Miniaturen

Quelle: Frank Kunert

Frank Kunert wirft mit dieser Miniatur Fragen nach dem Tod auf - und danach, was auf diesen folgt.

Sie sind für «handwerkliche Brillanz» ausgezeichnet worden. Was heisst handwerklich in Ihrem Kontext?

Geduld, Materialkenntnis und eine gewisse Demut. Ich säge, spachtle, patiniere, bis die Oberfläche «atmet». Kanten sind wichtig, Fugen, die Körnung eines Putzes. Analoge Arbeit zwingt mich, langsam zu entscheiden. In Zeiten der KI ist das vielleicht nicht effizient – aber es ist erkenntnisreich.

Viele Baubüros arbeiten mit physischen Mock-ups, um Details zu testen. Zeigen Sie deshalb Modelle neben den Fotos?

Genau. Das Modell offenbart die «Konstruktion», das Foto die Illusion. Interessanterweise wirkt die Fotografie oft realistischer als das Objekt. Beides zusammen schärft den Blick: Was macht eine Oberfläche glaubwürdig? Wie «ziehen» Fugen? In einer Zeit allgegenwärtiger Bildmanipulation finde ich diese Transparenz produktiv.

Ihre Sujets oszillieren zwischen Wohnungsbau, öffentlichem Raum und Sportanlagen – mit «Fehlstellen». Ein Snackstand, der in die Laufbahn ragt, macht die Runde unmöglich. Geht es Ihnen um Funktionskritik?

Eher um Bewusstmachung. Ich verschiebe die Funktion nur ein wenig. Dieses «zu nah an der Realität» erzeugt die Irritation. Viele meiner Motive sind im Kern Alltagsarchitektur, die wir am Rand sehen. Ich gebe ihr eine Bühne.

Humor ist dabei zentral – aber nie Klamauk.

Humor schafft Distanz. Der Ernst des Lebens ist auf Dauer nur mit einer Prise Humor bekömmlich. Das gilt fürs Bauen genau so: Ein Augenzwinkern hilft, festgefahrene Routinen zu hinterfragen.

Eine Miniaturwelt des Frankfurter Künstlers Frank Kunert

Quelle: Frank Kunert

«Live-Übertragung» nennt Frank Kunert dieses Bild. Was auf dem Bildschirm zu sehen ist, darf sich jede und jeder selbst ausmalen.

Was zieht sich als roter Faden durch Ihr Werk?

Ambivalenzen: Hoffen, Ängste, Scheitern, Weitermachen. Wie wir miteinander umgehen. Und die Frage, warum unsere Lösungen oft kleinteilig und aktionistisch bleiben – mit Nebenwirkungen. Architektur bildet das ab, bewusst oder unbewusst.

Ein Schlüsselmoment war ein Haus im Elsass, im Jahr 2001. Warum?

Ich sah es im Vorbeifahren – unauffällig, würdevoll, mit einer leisen Tristesse. Da wurde mir klar, dass Gebäude Geschichten erzählen, die über das Architektonische hinausgehen. Zusammen mit meinen realistischeren Kulissen war das der Startschuss für meine heutige Arbeitsweise.

Wie positionieren Sie sich zur Digitalisierung?

Ich fotografiere digital, aber die Basis bleibt analog. Die Langsamkeit des Bauens am Modell führt zu anderen Entscheidungen. Ich halte das in einer schnellen Zeit für eine Bereicherung – auch als Schulung des Blicks.

Der Frankfurter Künstler Frank Kunert an einer Ausstellung

Quelle: Frank Kunert

Frank Kunert zeigt an Ausstellungen regelmässig das Modell seines Sujets und das daraus entstandene Foto: Der Künstler selbst findet, dass die Fotografie interessanterweise oft realistischer wirkt, als das Objekt.

«Dreams Come True» heisst Ihre neue Serie. Worum geht es?

Um das Surreale im Alltäglichen: Treppen ohne Ziel, schmale Häuser, Innenräume am falschen Ort. Erste Arbeiten zeige ich bereits, teils zusammen mit den Kulissen. Vielleicht wird daraus ein Bildband.

Was können Planerinnen und Planer aus Ihren Miniaturen in die Praxis mitnehmen?

Drei Dinge: Erstens, wie stark Licht die Konstruktion «liest». Zweitens, wie sehr Oberflächenwahrheit – also glaubwürdige Materialalterung – Räume prägt. Drittens, dass kleine Funktionsverschiebungen reichen, um Nutzung radikal zu verändern. Dieses «Was passiert, wenn …?» ist ein gutes Werkzeug am Zeichentisch.

Und wenn Sie Ihre Arbeit in einen Satz für die Baupraxis fassen müssten?

Ich baue kleine, analoge Modelle, um mit Licht und Patina das Grosse im Alltäglichen zu zeigen – und die Funktion mit einem leisen Dreh neu lesen zu lassen.

Buchtipp

Ein Bildband mit Werken des Frankfurter Künstlers Frank Kunert

Quelle: Frank Kunert

Das Cover eines Bildbands mit ausgewählten Werke Frank Kunerts.

Frank Kunerts neues Buch «Best of» führt durch seine imposantesten Werke. Vom gedeckten Tisch auf dem Sprungbrett in den Swimmingpool etwa. Oder dazu, was seiner Meinung nach im TV zu sehen ist. Und zur  ultimativen Entfremdung eines Paars, das zum Essen nur noch Fernseher braucht. Manchmal zeigt sich dabei die Zeitkritik sofort, manchmal braucht es einen zweiten Blick. Eines ist klar: Wer so viel Zeit in Miniaturmodelle steckt, um sie danach abzulichten, ist ein Besessener, ein Getriebener. Und noch wichtiger: Seine Bilder entlocken stets ein Lächeln – wenn man die Absurdität von Kunerts Welt erfasst hat. (sma)

«The Best of Frank Kunert»

Gebunden, 112 Seiten, deutsch und englisch, 55 Farbfotos, 23,40 x 23,40 cm, ISBN 978-3-7757-5927-4, 1. Auflage, Juni 2025, zirka 37 Franken, Hatje Cantz Verlag 

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