Erste Lagermauer in Vindonissa wohl unter Kaiser Tiberius erbaut
Die erste Lagermauer von Vindonissa wurde vermutlich in der frühen Herrschaftszeit von Kaiser Tiberius (14–37 n. Chr.) erbaut. Das zeigen die Resultate einer elfmonatigen Rettungsgrabung der Kantonsarchäologie in Windisch AG.
Quelle: Kantonsarchäologie, Kanton Aargau
Drohnenaufnahme der Ausgrabungsfläche an der Zürcherstrasse in Windisch Mitte Juni, kurz vor Abschluss.
Die Holz-Erde-Mauer verlaufe etwa 70 Meter südlich der Lagermauer des späteren Legionslagers und biege später nach Nordwesten ab, teilte der Kanton Aargau am Mittwoch mit. Der Verlauf dieser Lagermauer sowie der zugehörige Spitzgraben von Vindonissa, dem heutigen Windisch, seien erstmals belegt worden.
Damit bestünden nun eine bessere Vorstellung von der Fläche des ersten Truppenlagers und klare Indizien für den weiteren Verlauf der zugehörigen Lagermauer. Anhand von Pioniervegetation in der Verfüllung des Grabens habe sich zudem zeigen lassen, dass die Wehranlage wahrscheinlich längere Zeit nicht gepflegt und später neu instandgesetzt worden sei.
Münzen, Werkzeuge und Gemme aus Karneol
Die Kantonsarchäologie hat zudem eine Mannschaftsbaracke für Legionäre gefunden: ein neun Meter breites und mindestens 30 Meter langes Gebäude mit regelmässig angeordneten Stuben und Vorräumen. In den Schuttschichten vor dem Legionslager sei auch eine Fülle an Münzen aus der Zeit der römischen Republik bis in die Spätantike gefunden worden, darunter ein unter Kaiser Tiberius geprägter «Aureus» aus Gold.
Zu den weiteren Fundstücken gehören gemäss Mitteilung Werkzeuge von Legionären und der ausserhalb des Lagers lebenden Zivilbevölkerung, etwa Schmiedeutensilien, Lederwerkzeug und der Bodenstein einer römischen Handmühle sowie eine rund einen Zentimeter grosse Gemme aus Karneol mit der Darstellung der Siegesgöttin Victoria.
Quelle: Kantonsarchäologie, Kanton Aargau
Gemme aus Karneol mit der Darstellung der Siegesgöttin Victoria mit Stab und Kranz.
Im Osten, direkt innerhalb der ersten Lagermauer, fanden sich zudem die Überreste eines möglichen Backofens. Dabei könnte es sich um die Überreste der Handwerkszone des älteren Lagers handeln. Direkt daneben, im Innenraum eines noch älteren und damit wohl aus der Pionierzeit von Vindonissa stammenden Gebäudes, fand die Kantonsarchäologie die Esse einer Feldschmiede.
«Die Resultate der Ausgrabung haben die Kenntnisse zum ersten römischen Truppenlager in Vindonissa entscheidend erweitert. Die Vielzahl an Funden gibt Einblicke in die vielfältige Nutzung des Areals vom 1. bis zum 4. Jahrhundert nach Christus», heisst es in der Medienmitteilung weiter.
Ausgrabungen sind nun abgeschlossen
Bereits im Frühling gab der Kanton bekannt, dass während der aktuellen Ausgrabungen unter anderem zum ersten Mal in der Schweiz ein römisches Brot gefunden worden sei.
Die Ausgrabungen an der Zürcherstrasse in Windisch dauerten elf Monate und erfolgten aufgrund einer geplanten Überbauung – auf dem Gelände soll unter dem Namen «Via Romana» neuer Wohnraum entstehen. Vor ihrer Zerstörung sollten die archäologischen Überreste ausgegraben und dokumentiert werden. Auf dem rund 4000 Quadratmeter grossen Bauareal legte das Grabungsteam laut Mitteilung insgesamt 2225 Quadratmeter frei.
Ein Team aus 20 Personen war an der Rettungsgrabung beteiligt. Finanziert wurde sie durch einen Sonderkredit. Dank guter Planung und Koordination mit der Bauherrschaft habe das Areal fristgerecht am 17. Juli 2026 für den Bau freigegeben werden können, heisst es in der Mitteilung. Nun sind die Ausgrabungen abgeschlossen. (pb/mgt/sda)
Quelle: Kantonsarchäologie, Kanton Aargau
Überreste der Holz-Erde-Mauer des ersten Truppenlagers von Vindonissa. Für die bessere Sichtbarkeit sind moderne Kanthölzer in die Pfostengruben gestellt.
Quelle: Kantonsarchäologie, Kanton Aargau
Das zweitletzte Schichtprofil der Ausgrabung wird Ende Juni präpariert und dokumentiert.
Quelle: Kantonsarchäologie, Kanton Aargau
Der als Tierkopf ausgestaltete Griff eines möglichen Skalpells wird im Restaurierungslabor sorgfältig freigelegt.