10:14 VERSCHIEDENES

Digitaler Ausflugstipp: Auf Zeitreise im Anhalter Bahnhof von Berlin

Teaserbild-Quelle: Hermann Rückwardt, Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin, https://architekturmuseum.ub.tu-berlin.de/P/150612.php, Inventarnummer: BZ-F 08,019, Gemeinfrei

Vom Anhalter Bahnhof in Berlin-Kreuzberg steht heute nur noch ein prächtiger Portikus.  Das Deutsche Technikmuseum und die TU Darmstadt haben ihn digital detailgetreu rekonstruiert. Auf einer eigenen Website laden sie zur interaktiven Zeitreise ein, bei der man nicht nur die Architektur des Bahnhofs erkundet, sondern auch einiges über die Menschen erfährt, die ihn gebaut haben und auf ihm unterwegs gewesen sind.

Portikus des Anhalter Bahnhofs

Quelle: Dosseman, eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

Was übrig blieb: der Portikus des Anhalter Bahnhofs gehört zu Berlins Kulturdenkmälern.

Wo sich einst das Gleisfeld befand und Züge in Richtung Budapest, Rom, Neapel und zeitweise nach Istanbul brausten, erzählen heute nur noch die vom Grün des Elise-Tilse-Parks überwucherten Gleisüberreste und ein imposanter Portikus vom Anhalter-Bahnhof. 1841 erbaut, in den Jahren darauf wegen des zunehmenden Passagieraufkommens mehrfach erweitert und zwischen 1974 und 1880 nach Entwürfen des Berliner Architekten Franz Schwechten ausgebaut, hatte das neue Bahnhofsgebäude bei seiner Eröffnung rekordwürdige Ausmasse: Mit einer Höhe von 34 Metern und einer Binderlänge von 64 Metern hatte die Halle die grösste Spannweite in Kontinentaleuropa.

Der Ziegelsteinbau bot Reisenden allerlei Annehmlichkeiten: gasbetriebene Beleuchtung, einen Gepäckaufzug, der Koffer direkt zum Geleise beförderte, einen Tunnel über den man trockenen Fusses ins gegenüber gelegene Hotel Exelsior gelangen konnte, unterirdische Geschäfte und elegante Wartesäle, von denen der prunkvollste Kaiser Wilhelm I vorbehalten war.


Nationalsozialismus: Von Berlin ins Exil

Über ein halbes Jahrhundert später diente der Bahnhof jedoch nicht mehr nur als Ausgangspunkt für Ferien- und Geschäftsreisen, sondern mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus zunehmend auch der Flucht ins Exil. Später deportierte man von hier aus über 9000 Berliner Juden ins KZ Theresienstadt. Jedoch war der Bahnhof in Berlin-Kreuzberg nur einer von drei Bahnhöfen, von denen aus jüdische Bevölkerung in den Tod geschickt wurde. Insgesamt sind über 50'000 Menschen auf diese Weise aus der deutschen Hauptstadt verschleppt worden.

Als 1940 die ersten Luftangriffe auf Berlin geflogen wurden, lief der Betrieb des Bahnhofs weiter. Die massivsten Angriffe der Alliierten starteten allerdings erst im Januar 1943. Sie sollten bis zum Kriegsende andauern und ein Grossteil der Stadt in Schutt und Asche legen. Im Zuge dessen wurden um den Anhalter-Bahnhof Bunker für Anwohner und Reisende errichtet. Doch im Februar 1945 fiel schliesslich auch der Bahnhof den Bomben zum Opfer. Ab dann tobte in seiner Umgebung ein blutiger Kampf. Hinter den zum Teil zerborstenen Mauern und in den Bunkern suchten sich Tausende von Berlinern in Sicherheit zu bringen.

Nachkriegszeit: Konkurse wegen äusserst stabilem Mauerwerk

Als der Krieg zu Ende war, lag der Anhalter Bahnhof zwar im Westen Berlins oder vielmehr im amerikanischen Sektor, unterstand aber wie die übrige Eisenbahninfrastruktur den sowjetischen Allierten. Schliesslich wurde das Dach instandgesetzt und der Wartsaal wieder geöffnet.

Doch der Bahhnhof sollte nicht mehr zu alter Grösse zurückfinden. Denn mit der Blockade Westberlins durch die Sowjetunion – der Westteil der Stadt war als Enklave in sowjetisch besetztem Gebiet bislang über den Land- und Wasserweg versorgt worden – musste der von den westlichen Allierten besetzte Stadtteil über die Luft mit Gütern beliefert werden.

1952 wurde der Bahnhof stillgelegt. Schliesslich entschied man sich, die Überreste des seit 1930 denkmalgeschützten Gebäudes abzureissen. 1959 starteten die Arbeiten. Doch die mit dem Projekt beauftragten Firmen bissen bei der Arbeit im beinahe wörtlichen Sinn auf Stein, das Mauerwerk war derart hart und stabil, dass sich mehrere Unternehmen verkalkulierten und deswegen Konkurs gingen, wie auf Wikipedia zu erfahren ist. Schliesslich wurde die Halle gesprengt. Übrig blieb der imposante Eingang des Bahnhofs, der heute beim Elise-Tilse-Park entfernt an eine Ruine aus der Antike erinnert.

Heute: Digital auf Zeitreise im Anhalter Bahnhof

Mit seiner bewegten Geschichte ist der Anhalter-Bahnhof ein Symbol für  Berlin, nicht nur für die  jüngere Vergangenheit der Stadt, sondern auch für ihren wirtschaftlichen und technischen Fortschritt.

Visualierung der Gleishalle des Anhalter Bahnhofs

Quelle: FG Digitales Gestalten/TU Darmstadt

Die online begehbare Rekonstruktion des Anhalter Bahnhofs in Berlin.

Seit Kurzem gibt es ihn immerhin digital in seiner beinahe vollen Grösse: Das Deutsche Technikmuseum in Berlin und die TU Darmstadt haben ihn mit dem 360-Grad-Projekt «Anhalter Bahnhof Revisited» wieder zum Leben erweckt und virtuell bis ins kleinste Detail rekonstruiert. Zu finden ist er auf https://anhalter.technikmuseum.berlin. Über diesen Link kann man durch den Bahnhof flanieren, seine prächtige Architektur bewundern, wie die kunstvoll gestalteten Terrakotten an der Fassade, die funkelnden Kronleuchter im Vestibül oder den Eingang des Excelsior-Tunnels, den man damals als längsten Hoteltunnel der Welt anpries. Auch Züge und Dampfloks sind zu sehen. Sie sind wie die Gleislandschaften und Signale originalgetreu wiedergegeben.

Wer mehr erfahren und etwas Berliner Atmosphäre erleben will, klickt auf das Koffer-Symbol unten links auf der Seite: Dann bevölkern auch Menschen den Bahnhof. So berichtet Erich Kästner vom Silvester im Berlin des Jahres 1927, Reichsbahnamtmann Berthold Bäckmann erinnert sich an Reisende wie den italienischen Botschafter, der seinen Hund in Basel vergessen hatte, und Architekt Franz Schwechten und Ingenieur Heinrich Seidel kommen ebenfalls zu Wort. (mai)

Hier gehts zurm virtuellen Anhalter Bahnhof: https://anhalter.technikmuseum.berlin/

Postkarte aus Berlin-Kreuzberg

Quelle: Act. Ges. f. Automatischen Verkauf, Berlin, http://www.zeno.org, Zenodot Verlagsgesellschaft mbH, Gemeinfrei

Die Postkarte vom Anhalter Bahnhof in Berlin dürfte um 1900 verschickt worden sein.

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