Ausflugstipp: 900 Jahre alte Baukunst in Giornico
Unterwegs in den Süden lohnt ein kurzer Umweg über Giornico: Etwas mehr als 20 Autominuten vom Gotthardtunnel entfernt, lädt das am Ticino gelegene Dorf mit einem mystischen Architekturjuwel zum kurz Innehalten. Aber nicht nur.
Quelle: ArtProjection, eigenes Werk, CC0
Das Innere der Kirche San Nicolao: Unterhalb des Chors befindet sich die Krypta.
Die rohen Granitmauern, das wuchtige romanische Taufbecken und die grob in die Säulenkapitelle gehauenen Fabelwesen und Tiere - etwa der Kopf einer Geiss, ein Kaninchen oder ein Löwe - verströmen im Innern der Chiesa San Nicolao eine beinahe mystische Atmosphäre. Die Zeit scheint hier seit Jahrhunderten still zu stehen. Unangetastet vom Gang des Jahres herrscht hier auch bei wochenlang gleissender Sommersonne kühle Dämmerung.
Haben sich die Augen an das spärliche Licht gewöhnt, entdeckt man auf dem unverputzten Grund zahlreiche Freskenreste, abgesehen von den leuchtenden spätgotischen Malereien in der Apsis vom Tessiner Maler Nicolao da Seregno (erstmals erwähnt 1463, letztmals 1500). Im Gegensatz dazu ist über die Erbauer der am westlichen Dorfrand inmitten eines Weinbergs gelegenen Kirche nichts bekannt, ebenso verlieren sich ihre Anfänge im Dunkel der Geschichte. Sicher ist aber: Sie liegen mindestens 900 Jahre zurück, erstmals urkundlich erwähnt wurde sie 1202. Ausserdem ist in eine Steinplatte über dem Eingangsportal die Jahrzahl 1168 gemeisselt – ob es sich um das Datum der Fertigstellung oder der Weihe der Kirche handelt, ist allerdings unklar.
Quelle: Sebastian Sigler, Archiv Dr. Sebastian Sigler, CC BY-SA 4.0
Die Kirche San Nicolao liegt am Dorfrand, sie gilt als eines der eindrücklichsten Beispiele für romanische Baukunst des Kantons Tessin.
Zu Besuch bei der Patrizierfamilie und bei Hans Josephson
Ein Stopp in Giornico lohnt sich nicht nur wegen des eindrücklichen Beispiels romanischer Kirchenbaukunst: Auch das Dorf selbst ist ein Rundgang wert, unter anderem wegen der zwei ebenfalls romanischen Eselsbrücken, welche die beiden Dorfhälften über eine im Ticino gelegene kleine Insel miteinander verbinden. Wer hinter die Mauern der Bauten des Dorfs blicken will, stattet dem Museum der Leventina einen Besuch ab: Untergebracht in einem mit prächtigen Fresken bemalten Patrizierhaus aus dem 16. Jahrhundert – der Casa Stanga – erzählt es vom Alltag in der Region.
Diejenigen, denen der Sinn nach neuerer Architektur und Kunst steht, sollten sich die zwischen 1989 und 1992 errichtete La Congiunta nicht entgehen lassen: Der Pavillon nach Plänen von Peter Märkli und Stefan Bellwalder beherbergt 30 Werke des Schweizer Bildhauers Hans Josephson, die Architekten haben ihn eigens für die Exponate konzipiert. Für den Besuch des kleinen Baus braucht es lediglich den Schlüssel, der sich in der Osteria Giornico ausleihen lässt.
Ein weitere Perle für Kunstinsteressierte dürfte die Fabbrica Culturale Baviera sein: Das ehemals in Zürich tätige Galleristenpaar Marietta und Silvio Baviera hat den Industriebau - eine ehemalige Textilfabrik - umgenutzt. Die beiden präsentieren hier Teile ihrer Sammlung und betreiben eine Gallerie für zeitgenössische Kunst mit regelmässig wechselnden Ausstellungen.
Weitere Informationen
Mehr über Giornico: www.myswitzerland.com/de-ch/reiseziele/giornico
Informationen zum Museo die Leventina: https://museodilevelantina.ch
Informationen zu La Congiunta: https://lacongiunta.ch
Informationen zur Fabbrica Culturale Baviera: www.fabbrica-culturale-baviera.ch
Quelle: Gemeinfrei
San Nicolao. Illustration aus dem Atlas zur Zeitschrift des Bauwesens, Jahrgang IX, 1859.