13:12 VERSCHIEDENES

Die Geschichten antiker Inschriften digital durchstöbern

Teaserbild-Quelle: Pergamanprojekt UZH

Forschende der Universität Zürich (UZH) erschliessen antike Inschriften neu digital: Mit Projekten wie «iPergamon» und der Recherchedatenbank EDCS werden historische Texte aus Stein systematisch erfasst, analysiert und öffentlich zugänglich gemacht.

Akropolis von Pergamon

Quelle: Ingo Mehling - Eigenes Werk, wikimedia, CC BY-SA 3.0

Pergamon kommt wegen seiner herausragenden Rolle als hellenistische Residenzstadt und römische Metropole besondere Bedeutung für die altertumswissenschaftliche Forschung zu. Im Bild: Akropolis von Pergamon.

Im Zentrum des Projekts «iPergamon» steht unter anderem die antike Stadt Pergamon im heutigen Bergama, einer Stadtgemeinde der türkischen Provinz Izmir. Die Stadt war einst Herrschersitz der hellenistischen Attaliden-Dynastie und später Metropole der römischen Provinz Asia. Das Gebiet gilt als besonders ergiebiger Fundort: Inschriften tauchen dort bis heute auf – bei Bauarbeiten aber auch in privaten Gärten.

In Stein wurde einst gemeisselt, was öffentlich präsentiert und dauerhaft festgehalten werden sollte. «Durch sie erfährt man viel über das Leben in der Antike», erklärt der Historiker Andreas Victor Walser in einer Mitteilung der UZH von Donnerstag. Am häufigsten seien es Grabinschriften, aber auch religiöse Weihinschriften und Ehreninschriften. Am spannendsten seien öffentliche Urkunden, sagt Walser.

Die Steine erzählen persönliche Geschichten. «Während in der Geschichtsschreibung die grossen Ereignisse dargestellt werden, ist man in der Epigraphik ganz nah bei den Menschen von damals», sagt Walser, «mit den Inschriften kann man ins Alltagsleben eintauchen.»

Marmorstele erzählt Geschichte

Ein aktuelles Beispiel hierfür ist eine grossformatige Inschrift, die in einem antiken Abwasserkanal entdeckt wurde. Darin geht es um einen Beschluss der Gerousia, des Ältestenrats. Anfang der 80er-Jahre des 1. Jh. v. Chr. hatte Menophantos – ein reicher Bürger der obersten Elite – testamentarisch festgehalten, dass er der Stadt und städtischen Organisationen Geld stiften wolle.

Noch bevor aber das Testament umgesetzt werden konnte, brach ein Krieg aus und das ganze Vermögen ging verloren. Der Ältestenrat tagte daraufhin darüber, wie man dem Willen des Verstorbenen doch noch gerecht werden könnte. Ausführlich wurde dann in den Stein gemeisselt, wer wie viel Geld beisteuern sollte. 4805,5 Drachmen sollten zu einem bestimmten Zinssatz angelegt werden und aus den jährlichen Zinsen Schweinefleisch, Schaffleisch und Wein für eine Feier herbeigeschafft werden.

Detailliert wurde festgehalten, wer für die Rechnungsprüfung zuständig ist und wie die Stiftung organisiert sein sollte. Und weil diese Regelungen auf ewig gelten sollten, wurden sie in eine Marmorstele gehauen.

Aus der Botschaft wird Baumaterial

«In der Regel werden antike Inschriften nicht dort gefunden, wo sie ursprünglich standen», erklärt Walser. In diesem Fall war die Inschrift ursprünglich im Gymnasium von Pergamon aufgestellt, einer Art Elite-Trainingsstätte für jugendliche Bürger. Die Inschrift wurde, wie die meisten dieser Art, bereits in der Antike entfernt und verbaut. Was zu einer bestimmten Zeit als Botschaft relevant war, diente in der nächsten als Baumaterial. So findet man Bruchstücke von in Stein gemeisseltem Leben in Pergamon im ganzen Umland zerstreut und vermauert.

Schon im 19. Jahrhundert machten sich Archäologen von Berliner Museen auf nach Pergamon, um dort nach antiken Schätzen zu graben. Damals wurden die Funde geborgen und abtransportiert, um sie in Berlin der Öffentlichkeit zu präsentieren. Heute bleiben die Fundstücke vor Ort. Sie werden dokumentiert, fotografiert und mithilfe von feuchtem Papier reproduziert, sodass Epigraphiker sie anschliessend entziffern können.

Antike Steintafel mit Beschluss von Ältestenrat von Pergamon

Quelle: Pergamanprojekt UZH

Ausschnitt eines Beschlusses des Ältestenrats von Pergamon. Die Steinplatte wurde in einem antiken Abwasserkanal gefunden.

Digitaler Atlas ermöglicht Zeitreisen

«Die Inschriften von Pergamon sind etwa zur Hälfte geborgen», sagt Walser. Zwar erschienen bereits 1890 und 1895 mit «Inschriften von Pergamon» zwei wegweisenden Bände und 1969 kam mit «Inschriften des Asklepieions» ein dritter Band hinzu. Heute entsprechen diese allerdings nicht mehr dem zeitgemässen Stand der Forschung.

Mit dem SNF-Projekt «iPergamon» überführen Walser und sein Team die Inschriften von Pergamon ins digitale Zeitalter. Ziel ist es, ein digital ediertes «Corpus der Inschriften» für ein breiteres Publikum zur Verfügung zu stellen. Dabei werden die Inschriften abgebildet, inhaltlich und historisch erschlossen, kontextualisiert und übersetzt. Mit dem Wissensschatz lassen sich in Zukunft Reisen in die ferne Vergangenheit machen.

Zeugnisse einer kulturellen Blütezeit

In zahlreichen kleineren Steintafeln erfährt man so manches aus dem Alltagsleben einer griechischen Stadt. Jeder und jede konnte sich einen Stein greifen und reinhauen, was er oder sie für wichtig hielt – sofern er oder sie das Schreiben beherrschte. Es gibt Graffiti, wo jemand auf der Rückseite einer Inschrift seine Schreibkünste ausprobierte und ungelenk Alpha, Beta, Gamma in den Stein meisselte.

«Das grosse Glück von Pergamon als archäologische Stätte ist, dass die moderne Besiedlung nicht auf dem Stadtberg, sondern in der Ebene stattgefunden hat», erklärt Walser. Dadurch sind besonders viele Zeugnisse der kulturellen Blütezeit erhalten. Die attalidischen Könige hatten viel investiert in die Stadtgestaltung und die Kunst im öffentlichen Raum und verhalfen der Region zu einer aussergewöhnlichen kulturellen Ausstrahlung.

190'000 Grabinschriften

Ergänzt wird «iPergamon» durch ein weiteres Projekt: die Epigraphik-Datenbank EDCS, die von der Althistorikerin Anne Kolb geleitet wird. Mit über einer halben Million Einträgen gilt sie als weltweit grösste Sammlung lateinischer Inschriften. Sie ermöglicht Forschenden und interessierten Laien eine schnelle Recherche und den Vergleich von Quellen.

Die häufigsten Inschriften stammen von Gräbern, gut 190'000 listet die Suchmaschine. Insgesamt gibt es in der Datenbank 38 Kategorien. Neben Weihinschriften, Grabinschriften, Bauinschriften, Militärdiplomen, Ehreninschriften, Epigrammen, Senatsbeschlüssen, Besitzerinschriften und Meilensteinen findet man aber auch überraschende Kategorien wie etwa Fluchtafeln oder Augensalben-Stempel.

Anders als das iPergamon-Projekt ist die Epigraphik-Datenbank EDCS aber keine digitale kritische Edition, sondern dient in erster Linie als umfangreiche Suchmaschine, die Unterstützung bei der Quellenrecherche bietet. Die digitalen Angebote eröffnen neue Zugänge zur Antike: Sie machen sichtbar, wie Menschen vor über 2000 Jahren lebten, was sie glaubten und wie sie miteinander kommunizierten – und holen ihre in Stein gemeisselten Stimmen in die Gegenwart zurück. (mgt/pb)

Weitere interessante Beispiele zu alten Inschriften lesen Sie im ausführlichen Artikel der Universität Zürich unter: www.news.uzh.ch

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