KI-Agenten erobern die Personalvermittlung
Künstliche Intelligenz (KI) verändert zunehmend auch die Arbeit von Personalvermittlern: Mittlerweile übernimmt KI die Vorauswahl von Kandidatinnen und Kandidaten oder erledigt administrative Aufgaben, um die sich bislang Menschen gekümmert haben.
"Wir nutzen heute die KI-Lösung hubert.ai, um das erste Gespräch zu den fachlichen Kompetenzen der Bewerber im schriftlichen Austausch durchzuführen", sagt Benjamin Hügli, Direktor bei Manpower Schweiz,
im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AWP. Damit habe man den Bewertungsprozess massiv beschleunigt. Effizienz und Geschwindigkeit sind laut Hügli bei einem Grossteil der Rekrutierungen
entscheidend.
Ein Vorteil der KI-gestützten Interview- und Recruiting-Plattform hubert.ai sieht er darin, dass Bewerber den Austausch mit dem Personalvermittler problemlos ausserhalb der Bürozeiten führen können. Rund die Hälfte mache davon Gebrauch. Auch bei der Verwaltung der Bewerberdaten komme KI vermehrt zum Einsatz. Sie helfe dabei, Profile zu klassifizieren und geeignete Kandidaten für andere Stellen zu finden.
Unverzichtbar bei einer jährlichen knappen halben Million Bewerbungen
Für Manpower Schweiz ist die Unterstützung durch KI angesichts von knapp einer halben Million Bewerbungen pro Jahr gemäss Hügli "unverzichtbar". Automatisiert würden auch wiederkehrende administrative Arbeiten wie das Erstellen von Stellenbeschreibungen oder Kandidatenpräsentationen. Die Beurteilung sozialer Kompetenzen und die Frage, ob ein Kandidat zur Unternehmenskultur des Kunden passt, blieben aber Aufgabe der Berater.
Die Entwicklung der KI schreitet jedoch weiter voran und dürfte die Aufgabenteilung zwischen Mensch und Maschine weiter verändern. Mehrere Start-ups bieten inzwischen Lösungen an, die auch soziale Kompetenzen von Bewerbern analysieren sollen. Dazu zählen etwa die Auswertung vorab aufgezeichneter Vorstellungsvideos oder Videogespräche mit einem Chatbot.
Unabhängiger Recruiter. "Die KI-Lösungen formatieren die Bewerbungen und bremsen Innovation",
KI, ein Hilfsmittel bei Identifizierung und Auswahl von Kandidaten
"Ich nutze KI in meinem Alltag sehr oft", sagt Jenny Kollmann, eine auf die Suche nach Führungskräften spezialisierte Recruiterin in Zürich, zu AWP. Für sie gehe es nicht darum, Berater zu ersetzen, sondern sie zu "Augmented Recruiters" zu machen - also zu Fachleuten, die mithilfe der Technologie bestimmte Aufgaben
automatisieren und dadurch mehr Zeit für wertschöpfende Tätigkeiten gewinnen.
KI sei bereits heute in vielen Recruiting-Instrumenten präsent, unter anderem im Geschäftsnetzwerk LinkedIn, so Kollmann. Den grössten Vorteil von KI-Agenten sieht sie darin, dass diese mehr Zeit für den persönlichen Kontakt mit Bewerbern schaffen. Gerade in der Executive Search sei die Qualität des persönlichen Austauschs entscheidend. Auch bei der Identifizierung und Vorauswahl von Kandidaten sieht sie in KI-Anwendungen eher Hilfsmittel als Ersatz für den Entscheid eines Recruiters. Eine CV-Analyse könne Erfahrungen, Kompetenzen und Schlüsselwörter erkennen.
Schwieriger zu erfassen seien dagegen die Motivation eines Kandidaten, die Bedeutung seines Netzwerks, sein Potenzial in einem anderen Arbeitsumfeld oder seine Fähigkeit, Vertrauen aufzubauen.
Bemsen KI-Lösungen Innovation?
Kritisch beurteilt ein unabhängiger Recruiter mit 30 Jahren Berufserfahrung, der anonym bleiben möchte, die Entwicklung. "Die KI-Lösungen formatieren die Bewerbungen und bremsen Innovation", sagt er zu AWP. Für Arbeitgeber sei es zwar naheliegend, sich bei der Auswahl auf bisherige Erfahrungen zu stützen. "Entscheidend ist aber das Potenzial, das eine Bewerberin oder ein Bewerber hat", so der Recruiter.
KI-Instrumente dürften künftig verstärkt bei der Rekrutierung von mittleren Führungskräften und Spezialisten eingesetzt werden. Dies werde den Druck auf die in diesem Segment tätigen Personalberater
erhöhen. Dort habe bereits seit der Covid-Pandemie die Konkurrenz aus dem Ausland zugenommen. Zugleich professionalisierten Unternehmen ihre eigenen Abteilungen für die Talentsuche und holten
diese Aufgabe vermehrt ins eigene Haus.
Für Personalberatungen bedeutet dies laut dem Recruiter, dass sie ihre Prozesse beschleunigen und höhere Volumen bewältigen müssen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Dafür seien allerdings erhebliche Investitionen in Technologie notwendig.
Investieren will auch Manpower weiter in Digitalisierung und KI. Damit könne die Produktivität der Berater weiter gesteigert werden, meint Benjamin Hügli. Die Kosten der Rekrutierung würden dadurch aber
nicht zwangsläufig sinken. "Lokale oder unabhängige Personalberatungen, die nicht über die Mittel für die
Transformation verfügen, könnten daher unter Druck geraten", sagt er. (Ophélie Lasnier, AWP/ mai)