Stefan Brupbacher: «Wir müssen aufwachen – und die Ärmel zurückkrempeln.»
In der neuen Rubrik «Chefsache» nehmen jeweils Exponenten der Baubranche im «Baublatt» Stellung zu Fragen rund um das Thema Führung sowie zu ihrer Arbeit. Diesen Monat steht Stefan Brupbacher im Fokus, Direktor des Industrieverbandes Swissmem. Er führt den in Zürich ansässigen Verband seit 2019. Stefan Brupbacher über Bürokratie, die Baubranche und die Zukunft der Schweiz.
Quelle: Avtoviski Barnaul Online, Unsplash
Damit für den Werkplatz Schweiz keine eisigen Bedingungen herrschen: Die Schweiz ist gefordert, die Herausforderungen sind immens.
Was macht Sie zu einem guten Chef?
Meine Begeisterung für unsere Mitgliedfirmen, deren Innovationen und generell den Werkplatz Schweiz, was hoffentlich das Team ansteckt und uns alle zu Höchstleistungen treibt.
Welcher Grundsatz prägt Ihren Führungsstil?
Einsatz, Spielraum, Rückendeckung: Wer bei Swissmem arbeitet, ist eine Kämpfernatur - genau wie unsere Firmen, die im globalen Wettbewerb nur mit dem vollen Engagement des ganzen Teams überleben. Im Rahmen der Strategie haben unsere Mitarbeitenden viel Spielraum, um ihre Ideen voranzubringen. Und geht etwas schief, übernehme ich als Chef die Verantwortung. Ich pflege eine Fehlerkultur, in der wir an Fehlern gemeinsam wachsen.
Wie fördern Sie junge Talente?
Indem ich ihnen früh die Chance gebe, sich zu bewähren – z.B. mittels eines Praktikums während des Studiums. Generell springt jeder bei uns zuerst ins kalte Wasser, kann so rasch schwimmen lernen und wir halten dem Talent den Rücken frei.
Wie entscheiden Sie, wenn Fakten und Bauchgefühl kollidieren?
Ich prüfe die Fakten und die Beweggründe für mein Bauchgefühl. Damit kann ich fast immer beides in Übereinstimmung bringen.
Was beunruhigt Sie aktuell in der Bauwirtschaft – und was stimmt Sie zuversichtlich?
Wer wie die Römer in einem Museum lebt, verbaut sich die Zukunft. Unsere Regeln sind fast so unsinnig wie in Rom: Wir führen mit einer Gesetzes- und Einspracheflut den Rechtsstaat ad absurdum. Beim Staat arbeiten zudem immer mehr hochbezahlte Beamte, die überpingelige Gesetzesumsetzungen durchsetzen, statt gesunden Menschenverstand anzuwenden. Die Zeche zahlen wir über höhere Bau- und Mietkosten. Viele unserer Firmen würden gerne investieren, aber die Baubürokratie vergällt es ihnen. Positiv ist, dass unsere Wirtschaft immer noch gut läuft und damit Geld fürs Bauen und Renovieren vorhanden ist.
Wie lautet das Erfolgsgeheimnis Ihrer Firma?
Hochkompetente Mitarbeitende, die mit vollem Engagement für die Swissmem-Mitgliedfirmen kämpfen – 7 Tage, 24 Stunden. Das sind Mitarbeitende, die sich freuen, dass wir dadurch in den vergangenen sechs Jahren von ca. 1000 auf fast 1500 Mitglieder angewachsen sind.
Was schätzen Sie an der Baubranche und was nicht?
Die Baubranche bringt bleibende, schöne Resultate hervor.
Sie schafft eine Verkehrsinfrastruktur so gut wie eine Schweizer Uhr. Sie
modernisiert und dekarbonisiert das Wohnen. Und viele Swissmem-Firmen wie
Schindler, Geberit, Siemens, Dormakaba, eMBe, Avesco oder Nussbaum leisten hier
mit Innovationen und Qualität enorme Beiträge.
Sorge bereitet – gerade meinen Architektenfreunden – die zunehmende Larifari-Mentalität: Auf Baustellen werden Termine nicht eingehalten und die Qualität nimmt ab. Das müssen wir stoppen – auf dem Bau und überall. Unsere Welt verändert sich gerade brutal. Wir müssen alle aufwachen und merken, dass wir nur mit hervorragender Qualität, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit sowie vollem Einsatz hohe Löhne, Wohlstand und Sicherheit halten können.
Was braucht es, um Fachkräfte langfristig zu halten?
Man muss Mitarbeitenden Perspektiven bieten: spannende und verantwortungsvolle Arbeit, ein gutes Arbeitsklima und ein fairer Lohn.
Welche politische Massnahme würde der Baubranche sofort helfen?
Eine Vereinfachung, Beschleunigung und Digitalisierung der Bewilligungsprozesse samt Abbau der Einsprachemöglichkeiten. Zudem braucht es ein Ausmisten beim Lärm- und Denkmalschutz.
Welches Ritual hält Ihren Kopf frei?
Ich gehe fast täglich um 06.30 eine Stunde ins Fitnessboxen. Das ist Ausdauer- sowie Krafttraining und ich kann mich abregen. Danach bin ich den ganzen Tag die Ruhe in Person – selbst bei Verhandlungen mit Gewerkschaften.
Wie laden Sie Ihre Energie wieder auf?
Ich gehe so oft wie möglich mit meiner Frau in die Berge –
sei es zum Wandern oder Skifahren. Auch das Tauchen gehört zu unseren
Leidenschaften. Generell sind all diese Naturerlebnisse ein einzigartiger
Ausgleich zum Berufsalltag.
Wir müssen aufwachen. Trump und andere Autokraten zerstören
gerade unsere Welt. Die Schweiz ist auf sich gestellt. Wir müssen unsere
Verteidigungsfähigkeit erhöhen, unsere Sozialwerke sturmtauglich machen und generell
die Ärmel zurückkrempeln und anpacken. Für unser kleines Paradies lohnt sich
das!
Swissmem
Quelle: zvg
Swissmem ist der führende Verband der Schweizer Tech-Industrie und vertritt Unternehmen aus der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie sowie angrenzenden Technologiebranchen. Der Verband setzt sich aktiv für die Interessen seiner rund 1’400 Mitgliedfirmen gegenüber Wirtschaft, Politik und Öffentlichkeit ein und stärkt deren Wettbewerbsfähigkeit durch praxisnahe Dienstleistungen.
Das Angebot von Swissmem reicht von Aus- und Weiterbildungsprogrammen über individuelle Beratungen und branchenspezifische Netzwerke bis hin zur Führung einer Ausgleichskasse. Zu den Mitgliedunternehmen zählen sowohl international tätige Konzerne wie ABB, Geberit, Schindler, Siemens oder Stadler als auch zahlreiche kleine und mittlere Unternehmen – rund 85 Prozent der Mitglieder sind KMU.
Die Schweizer Tech-Industrie beschäftigt insgesamt etwa 329’000 Menschen, darunter mehr als 20’000 Lernende, und zählt damit zu den wichtigsten Arbeitgeberinnen des Landes. Mit einem Jahresumsatz von über 87 Milliarden Schweizer Franken trägt sie rund sieben Prozent zur Schweizer Wirtschaftsleistung bei. Zudem ist sie stark exportorientiert: Mit Ausfuhren im Wert von 68,4 Milliarden Franken erwirtschaftet die Branche nahezu ein Drittel der gesamten Güterexporte der Schweiz. Stefan Brupbacher ist seit 2019 Direktor von Swissmem. (cpo)
Stefan Brupbacher, Swissmem
Quelle: zvg
Stefan Brupbacher studierte Rechtswissenschaften an der Universität Zürich und promovierte 2002. Er verfügt über einen Masterabschluss in Internationalen Beziehungen mit Spezialisierung in internationaler Wirtschaft der John Hopkins University (SAIS), welchen er in Washington sowie Bologna absolviert hat. Ausserdem schloss er einen Executive Master für internationales und europäisches Wirtschaftsrecht an der Universität St. Gallen ab. Nach seinem Doktorat arbeitete er zuerst als Leiter des Sekretariats der Kommissionen für Wirtschaft und Abgaben von National- und Ständerat (WAK). Er war anschliessend während eines Jahres als Berater tätig, bevor er ab 2005 während drei Jahren bei Economiesuisse mit Schwerpunkt auf Gesundheits-, Bildungs- und Forschungspolitik arbeitete. Zwischen 2007 und 2014 übernahm er das Amt des Generalsekretärs der FDP Schweiz und wurde 2014 vom damaligen Bundesrat Johann Schneider Ammann zum Generalsekretär des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung ernannt. Seit 1.1.2019 ist er Direktor von Swissmem. Stefan Brupbacher ist verheiratet und lebt mit seiner Frau in Zürich. (cpo)