09:21 BAUPRAXIS

Um- und Neubauprojekt in Grüsch GR: Zirkuläres Bauen im Alpendorf

Teaserbild-Quelle: Daniel Ammann

In Grüsch im Kanton Graubünden hat ein Architekturbüro eine alte Mühle in ein Wohnhaus transformiert. Das Hauptgebäude wurde saniert und umgebaut. Der Getreideturm aus dem Jahr 1939 musste zwar weichen, doch sein Beton wurde für den Wiederaufbau genutzt.

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Quelle: Daniel Ammann

Der Anbau am Hauptgebäude übernimmt den Chaletstil der umliegenden Häuser.

Das 2000-Einwohner-Dorf Grüsch im vorderen Prättigau liegt ungefähr zwischen Chur und Davos und eine gute Fahrstunde von Zürich entfernt. Ortsfremde wundern sich vielleicht über ein grosses Wohngebäude, das weit über den örtlichen Kirchturm hinausragt und auf den ersten Blick überdimensioniert wirkt. Doch für Einheimische ist der schon von weitem sichtbare Bau eine Art Wahrzeichen – auch wenn er sich jetzt in schwarze Solarpaneele kleidet: Denn Form und Volumen des Wohnturms entsprechen dem Silo der Getreidemühle am Taschinasbach, deren Geschichte bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Später, ab 1889, erhielt Grüsch als eines der ersten Bündner Dörfer Strom durch die Mühle. Der nahe Bahnhof erleichterte den Transport von Getreide und Mehl – heute vereinfacht er den Menschen das Pendeln.

Seit der Stilllegung im Jahr 2010 wurden verschiedene Ideen für die Umwandlung der Industriebrache durch Abriss und Neubau wieder fallen gelassen, weil sie aus Sicht der klassischen Immobilienentwicklung zu wenig Rendite versprachen und zu viel Risiko bargen. Schliesslich erwarb das Unternehmen Gutgrün AG das Areal mit dem ausdrücklichen Ziel, hier ein Projekt des zirkulären Bauens mit Modellcharakter entstehen zu lassen: Mit ihrer Expertise wollten die Gutgrün-Gründer Zindel AG und Schumacher Beteiligungen AG den Beweis antreten, dass ökologisch und sozial verträgliches Bauen auch für Investoren und Entwickler ökonomisch sinnvoll, lohnend und damit ebenfalls nachhaltig ist.

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Quelle: Daniel Ammann

Vorher: Die Betonstruktur des Hauptbaus blieb vollständig erhalten.

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Quelle: Daniel Ammann

Nachher: Auch die Graffiti einer Urban Art Ausstellung blieben teilweise erhalten.

Minimaler Materialeinsatz

Hauptgebäude und Turm verfügen jetzt über verschiedene Wohnungen – jede mit Loggia oder Balkon – für unterschiedliche Lebensentwürfe. Bei den 37 Einheiten, die sich über die elf Etagen des neuen Turms ver­teilen, handelt es sich um kleinere 1,5-, bis 3,5-Zimmer-Wohnungen mit rund 30 bis maximal 89 Quadratmetern Wohnfläche. Diese werden in Grüsch auch dringend benötigt, da durch den neuerlichen Zuzug von Maschinenbau-Hightech-Firmen neue Arbeitsplätze entstanden sind. Im sanierten und umgebauten, vierstöckigen Hauptgebäude befinden sich dagegen bis unter das Satteldach 15 Loftwohnungen mit 2,5 bis 3,5 Zimmern und mit bis zu 147 Quadratmetern. Die insgesamt 52 Wohnungen waren per November 2025 bezugsfertig. 

Wo es möglich war, blieben die Oberflächen des Altbaus unbehandelt. Sogar die Graffiti einer Urban-Art-Ausstellung blieben erhalten, die eines der Zwischennutzungsprojekte in den Jahren des Leerstands das Haus genutzt hatte. Die Graffiti bringen in den offenen, grosszügigen Räumen des ehemaligen Industriebaus den Charme einer Grossstadt in das Alpendorf.

Grüsch alt

Quelle: Grüninger Mühlen

Historisches Foto vom Getreidesilo von 1939 und dem Hauptgebäude in Betrieb.

Aus altem Beton neu geformt

Das fensterlose Hochsilo mit seinen vielen Kammern und dünnen Wänden konnte aus statischen Gründen nicht mit einem solchen Minimalaufwand saniert werden. Nach dem Rückbau wurden die Baustoffe jedoch sortenrein getrennt und nach Möglichkeit wiederverwendet. Der Beton zum Beispiel wurde zu 100 Prozent im nahen Werk Untervaz der Gribag AG geschreddert, rezykliert – und floss wieder in den Neubau ein. Für die neue Betonproduktion wurde die benötigte Gesteinsmischung zu 75 – 95 Prozent mit dem Abbruchbeton ersetzt und ein CO2-reduzierter Zement verwendet. So wurde der Wohnturm praktisch aus dem gleichen Material neu modelliert und besteht nun zu 60 Prozent aus dem alten Turm. Die Rezeptur wurde zusammen mit Kieswerk, Baumeister, Zementhersteller und Statiker nicht nach SIA-Norm, sondern exakt auf die für die Statik nötige Körnung abgestimmt. 

Für die ganze Mühle gilt: Wo neue Materialien eingesetzt werden mussten, sind sie konsequent ECO-zertifiziert, also schadstofffrei und ressourcenfreundlich hergestellt. So stammt das Holz aus der Schweiz und ihren Nachbarländern, für die Dämmung wurde regionale Steinwolle eingesetzt. Alle Materialien sind für eine etwaige spätere Umnutzung oder einen Rückbau dokumentiert.

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Quelle: Ritter Schumacher

Die Grafik veranschaulicht den Kreislauf des Betons.

Voller Energie

Eine Art Kraftwerk ist die Mühle Grüsch trotz der Umnutzung geblieben. Wo man früher die Wasserkraft nutzte, um Mehl und dann auch Strom zu produzieren, sind es heute Solarzellen an der Fassade und auf dem Dach, welche die künftigen Hausbewohner mit Energie versorgen. Für Wärme sorgt eine zentrale Wärmepumpe, ergänzt durch eine kontrollierte Lüftung mit Wärmerückgewinnung. Das Energiekonzept der Mühle Grüsch basiert vollständig auf erneuerbaren Quellen.

Der Turm erfüllt den Minergie-P-Standard und soll über den gesamten Lebenszyklus hinweg eine optimierte CO2-Bilanz erreichen. Das Büro Ritter Schumacher hat dafür die Tragkonstruktion, die Grundrisse, die Installationen und selbst das Design konsequent mit Blick auf den CO2-Abdruck weiterentwickelt. Dabei ist auch eine neue Ästhetik entstanden. Dies zeigen am deutlichsten wohl die schwarzen, matt glänzenden Solarpaneele, mit denen die Fassade vertikal gegliedert wird.

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Quelle: Daniel Ammann

Hauptbau: Die Balkone des Anbaus richten sich nach Süden.

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Quelle: Daniel Ammann

Blick vom Balkon des Turms im 8. OG auf den Bahnhof.

Effizienz durch Allianzen

Mit dem Mühle-Projekt will die Gutgrün AG zeigen, dass nachhaltiges Bauen auch in einer Randregion möglich ist und sich rechnet. Die drei DGNB-Zertifizierungen bestätigen dies: schweizweit das erste Rückbauzertifikat mit DGNB PLATIN für den Abbruch, DGNB GOLD für den Neubau des Turms und DGNB GOLD für die Sanierung des alten Mühlegebäudes. Das Architekturbüro Ritter Schumacher arbeitet häufig in einem Allianzmodell: Planende, Bauherren und ausführende Firmen sind bereits frühzeitig involviert, entwickeln das Projekt gemeinsam und setzen es um. Dieses Vorgehen verändert die Rollen aller Beteiligten. So agiert niemand isoliert, sondern als Partner oder Moderator – und alle übernehmen Verantwortung und denken mit. Die Risiken werden in einem solchen Modell gemeinsam getragen, damit profitieren alle vom Erfolg. 

Durch die Zusammenarbeit von Anfang bis Ende entstehen Vertrauen, Effizienz und Qualität. Selbstentwickelte digitale Tools zur Bewertung und Einhaltung der Nachhaltigkeitsstrategie ermöglichen es auch, projektübergreifend zu arbeiten. Auf diese Weise fliessen die Erfahrungen aus der Mühle Grüsch bereits in neue Projekte ein. (Text von: Ritter Schumacher Architekten, Chur)

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Quelle: Daniel Ammann

Blick in den Hauptraum einer Wohnung nach Süden.

Beteiligte Unternehmen

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Quelle: Daniel Ammann

Abriss des Getreidesilos 2023.

Ritter Schumacher AG: Die Ritter Schumacher AG ist ein interdisziplinär arbeitendes Architekturbüro mit Sitz in Chur, Pontresina, Vaduz und Zürich. 2014 entstanden aus der Fusion der architektschumacher ag (gegründet 1967) und der Ritter Jon Architekten AG (gegründet 2001) beschäftigt es heute knapp 100 Mitarbeitende. Das Büro versteht sich als Generalist in einer zunehmend komplexen Bauwelt und vereint verschiedene Kompetenzen unter einem Dach. Die Projekte umfassen von  Wohn- und Verwaltungsbauten aber auch öffentliche Anlagen. Mit konsequenter Anwendung digitaler Methoden wie BIM und einem integralen Nachhaltigkeitsansatz will Ritter Schumacher Projekte entwickeln, «die Mensch und Raum in Einklang bringen». 

Gutgrün AG: Die 2021 gegründete Gutgrün AG mit Sitz in Chur entwickelt, baut und betreibt nachhaltige Immobilien von der Planung bis zum Betrieb. Im Fokus stehen ökologische, ökonomische, soziale, technische und prozessuale Aspekte, zertifiziert nach DGNB/SGNI. Das Unternehmen entstand aus der Partnerschaft der Zindel AG und Schumacher Beteiligungen AG. Es nutzt innovative Instrumente wie den Gebäuderessourcenpass. Sein Leuchtturmprojekt ist die Mühle Grüsch: Als erstes Projekt in der Schweiz ist es auch mit einem DGNB-Rückbauzertifikat geehrt worden. (mgt/cpo)

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