Hannes Püschel: «Ohne durchgängige digitale Planung sind grosse Bauprojekte heute nicht mehr möglich»
In der neuen Rubrik «Chefsache» nehmen Exponenten der Baubranche im «Baublatt» Stellung zu Fragen rund um das Thema Führung sowie zu ihrer Arbeit. Den Anfang macht Hannes Püschel, Global Head HR Shared Services und Global Head HR Buildings bei Implenia Schweiz AG.
Quelle: Scott Blake, Unsplash
Mit Know-How, Teamgeist und Weitblick entstehen Bauwerke mit nachhaltigem Mehrwert. Für die Infrastruktur von morgen.
Welcher Grundsatz prägt Ihren Führungsstil?
Ich führe nach dem Prinzip, von einer guten Absicht der Mitarbeitenden auszugehen – und fordere diese zur Zielerreichung auch ein. Als Führungskraft bin ich Vorbild, schaffe Vertrauen und ermutige mein Team, sich einzubringen und weiterzuentwickeln. Zudem leben wir bei Implenia eine wertebasierte Führung. Das bedeutet, dass ich meine täglichen Entscheidungen konsequent an den Unternehmenswerten ausrichte und handle, als wäre es meine Firma.
Wie fördern Sie junge Talente?
Die Nachfolgeplanung und Entwicklung von Talenten sind zwei meiner Prioritäten. Bei Implenia zeigen wir Mitarbeitenden transparente Entwicklungspfade wie Fach- und Führungskarrieren auf – vom Lernenden bis zu verantwortungsvollen Positionen in der Projektleitung. Auf diesem Weg begleiten wir unsere Mitarbeitenden und Führungskräfte mit gezielten Schulungen, Mentoringprogrammen und Entwicklungsplänen.
Wie entscheiden Sie, wenn Fakten und Bauchgefühl kollidieren?
Als Ingenieur bin ich es gewohnt, Entscheidungen auf der Basis von Zahlen, Daten und Fakten zu treffen. Wenn mein Bauchgefühl jedoch in eine andere Richtung weist, nehme ich das ernst: In solchen Situationen lohnt es sich meist, die Fragestellung nochmals zu überdenken oder Gesichtspunkte einzubeziehen, die bislang vielleicht übersehen wurden. Oft zeigt sich, dass das Bauchgefühl auf Aspekte hinweist, die in den Fakten noch nicht ausreichend berücksichtigt sind – deshalb ergänzen sich beide Perspektiven ideal.
Was beunruhigt Sie aktuell in der Bauwirtschaft – und was stimmt Sie zuversichtlich?
Bevölkerungswachstum, Urbanisierung, Verdichtung und der damit verbundene Ausbau der Infrastruktur sind anhaltende Treiber der Bauindustrie und garantieren stabile bis steigende Investitionen. Das stimmt mich positiv. Gleichzeitig besteht ein anhaltender Fachkräftemangel. Immer weniger Menschen entscheiden sich für eine Laufbahn im Bau, obwohl unsere Industrie und Implenia besonders eine Vielzahl an innovativen Projekten sowie gute Karriere- und Verdienstmöglichkeiten bieten.
Wie lautet das Erfolgsgeheimnis Ihrer Firma?
Implenia fasst das Know-how aus hochqualifizierten Beratungs-, Entwicklungs-, Planungs-, Ausführungs- und Bewirtschaftungseinheiten unter einem Dach zusammen. Das Know-how, welches wir in der Gruppe ver-einen ist beeindruckend. In meiner Wahr-nehmung ist ein weiterer wichtiger Erfolgstreiber von Implenia, dass wir die Zukunft aktiv mitgestalten und mit unserer Arbeit sichtbare, nachhaltige Werte schaffen. Es erfüllt mich mit Stolz, dass wir die grössten Spitäler, Datencenter, Tunnel und Brücken erstellen, die man sehen und erleben kann – das motiviert unsere Teams und hilft uns, Top-Talente anzuziehen und auch langfristig zu binden.
Was schätzen Sie an der Baubranche, und was nicht?
Was ich an der Baubranche besonders schätze, ist die Bodenständigkeit, Offenheit und Unkompliziertheit der Menschen. In der Regel begegnet man sich ehrlich und direkt. Die meisten haben keine versteckte Agenda, sondern sagen, was sie denken – und meinen, was sie sagen. Diese Authentizität und der kollegiale Umgang machen die Zusammenarbeit in unserer Branche besonders angenehm.
Weniger schätze ich, dass die Leistungen der Industrie oft zu wenig Anerkennung finden. Wir schaffen Wohnraum und realisieren Grossprojekte wie den Gotthardtunnel oder Spitäler – und dennoch bleibt die gesellschaftliche Wertschätzung häufig aus. Zu Zeiten von Guillaume-Henri Dufour oder Alfred Escher wurden Bauingenieure noch als Helden gefeiert; heute steht die Branche oft weniger im Rampenlicht, obwohl sie für das Funktionieren unserer Gesellschaft unverzichtbar ist.
Wo sehen Sie das grösste Potenzial der Digitalisierung?
Die Digitalisierung verändert die Bauindustrie gerade sehr tiefgreifend. Grosse komplexe Projekte, wie wir sie bei Implenia planen und realisieren, sind ohne durchgängige digitale Planung und Realisation im geforderten Tempo und der nötigen Qualität gar nicht mehr möglich. Die ersten KI-Anwendungen ermöglichen weitere Effizienzsteigerungen in allen Phasen des Prozesses und der Wertschöpfungskette.
Was braucht es, um Fachkräfte langfristig zu halten?
Für mich ist entscheidend, dass unsere Mitarbeitenden sich wertgeschätzt und individuell gefördert fühlen. Transparente Entwicklungspfade und gezielte Weiterbildung sind dabei genauso wichtig wie ein vertrauensvolles, offenes Arbeitsumfeld. Besonders motivierend für unsere operativen Teams ist, dass wir technisch unglaublich anspruchsvolle Grossprojekte ausführen – das schafft Sinn und Begeisterung für die tägliche Arbeit.
Welches Ritual hält Ihren Kopf frei?
Abtauchen – im wahrsten Sinne des Wortes. Ich spiele seit vielen Jahren Unterwasserrugby. Wenn ich unter Wasser bin und mich voll auf das Spiel konzentrieren muss, hilft mir das extrem, abzuschalten und neue Energie zu tanken. Da muss der Kopf wirklich frei sein.
Wenn Sie morgen eine neue Fähigkeit «downloaden» könnten: Welche wäre das?
Wenn ich mir morgen eine neue Fähigkeit herunterladen könnte, wäre es unbeschränkte Resilienz. Die Fähigkeit, auch in herausfordernden Situationen gelassen und lösungsorientiert zu bleiben, finde ich enorm wertvoll – gerade in einer Arbeitswelt, wo Veränderungen und Druck zum Alltag gehören. Resilienz hilft, Rückschläge zu meistern, den Fokus zu behalten und immer wieder neue Energie zu schöpfen.
Wer war der Held oder die Heldin Ihrer Kindheit?
Als Kind war für mich Donatello von den Ninja Turtles der absolute Held. Donatello ist der Tüftler und das Technik-Genie der Gruppe. Seine Neugier, sein Erfindergeist und die Fähigkeit, auch für knifflige Probleme eine Lösung zu finden, haben mich fasziniert.
Wenn Sie Ihr Unternehmen mit einem Film oder Buch vergleichen müssten: Welcher oder welches wäre es – und weshalb?
«Ocean’s Eleven»… wie im Film bringen bei uns alle ihre individuellen Stärken ein, und gemeinsam sind wir unglaublich agil und stark – oft müssen wir spontan auf Unvorhergesehenes reagieren und kreative Lösungen finden. Genau das macht für mich den Reiz aus: Wenn wir als Team erfolgreich unterwegs sind, macht die Arbeit richtig Spass.
Hannes Püschel, Implenia
Quelle: zvg
Hannes Püschel prägt als Global Head HR der Division Buildings so-wie als Global Head HR Shared Services die strategische und operative Weiterentwicklung der Personalarbeit bei Implenia mit. Sein besonderes Augenmerk gilt der konsequenten Digitalisierung, exzellenten HR-Prozessen sowie der nachhaltigen Personal- und Organisationsentwicklung – mit dem Ziel, Implenia als attrak-tiven Arbeitgeber zu positionieren. Seine akademische Laufbahn führte ihn über einen Masterabschluss an der ETH Zürich, einen Executive MBA am IMD Lausanne und eine HR-Ausbildung an der University of Cambridge. Darüber hinaus engagiert sich Hannes Püschel als Verwaltungsrat der Buildcomply Holding AG und ist als akkreditierter Swiss-Olympic-Leistungssportler im Unterwasser-Rugby aktiv. Er lebt mit seiner Familie in Winterthur. (mgt)
Implenia AG
Quelle: Implenia, Wikimedia Commons
Die Implenia AG ist ein führendes Schweizer Bau- und Immobiliendienstleistungsunternehmen, das grosse Bau- und Infrastrukturprojekte entwickelt, plant, baut und betreut – unter anderem im Hoch- und Tiefbau sowie in mehreren europäischen Ländern auch im Tunnelbau. Der Hauptsitz der börsennotierten Aktiengesellschaft befindet sich in Opfikon (ZH). Implenia beschäftigt über 8500 Mitarbeiter in ganz Europa und realisiert Projekte vom Wohnbau über Verkehrswege bis zu komplexen Infrastrukturvorhaben.
Im Geschäftsjahr 2024 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von rund 3,6 Milliarden Schweizer Franken. Gegründet wurde die Implenia AG 2006 im Zuge der Fusion zweier traditionsreicher Schweizer Bauunternehmen und gehört heute zu den grössten Baukonzernen der Schweiz mit Aktivitäten vor allem in der Schweiz und Deutschland.