12:30 BAUPROJEKTE

Wiler Stadtrat lässt Ursache der Finanzmisere nach Hof-Umbau untersuchen

Teaserbild-Quelle: Johann Melchior Füssli, Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv, Gemeinfrei

Der Stadtrat von Wil SG lässt die Ursachen für die Finanzmisere beim Umbau des Hofs durch eine Anwaltskanzlei extern untersuchen. Gleichzeitig verweigert er der angeschlagenen Stiftung Hof zu Wil einen verlangten À-fonds-perdu-Beitrag. Stattdessen werden beim Stadtparlament befristete Darlehen von rund vier Millionen Franken beantragt, damit die Stiftung die Rechnungen von Handwerkern bezahlen kann.

Hof zu Wil (Zeichnung)

Quelle: Johann Melchior Füssli, Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv, Gemeinfrei

Der Hof zu Wil zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Zeichnung von Johann Melchior Füssli.

Der Stiftung Hof zu Wil fehlt nach einer rund 30 Millionen Franken teuren Sanierung des historischen Gebäudekomplexes in der Altstadt Geld. Ohne rasche Finanzspritze droht die Zahlungsunfähigkeit, wie aus einem Bericht und Antrag des Wiler Stadtrats an das Stadtparlament hervorgeht.

Die Gesamtkosten der dritten Bauetappe des Hofs liefen aus dem Ruder: Statt der 2020 von den Stimmberechtigten bewilligten rund 25 Millionen Franken schlägt das Bauprojekt nun mit rund 30 Millionen Franken zu Buche. Neben Projektänderungen trug eine bereits 2023 von der Stiftung als «Excelfehler» bezeichnete Differenz in der Kalkulation wesentlich zur Finanzierungslücke bei.

Geld ohne Rückzahlungspflicht verlangt

Um zu verhindern, dass lokale Handwerker und Gewerbetreibende auf ihren offenen Rechnungen sitzen bleiben, beantragt der Stadtrat dem Parlament ein bis Ende 2028 befristetes, zinsloses Darlehen von 3,0 Millionen Franken für die Baukosten sowie eine Kreditlimite von 950'000 Franken zur Sicherung des laufenden Betriebs. Die Stiftung verlangte diese Beiträge ohne Rückzahlungspflicht.

Denn die Stiftung kämpft mit weiteren Problemen: Auch die Einnahmen aus dem Gastrobetrieb liegen weit unter den Erwartungen. Wie die «Wiler Zeitung» berichtete, hatte die Stiftung dem Wirtepaar den Pachtvertrag per Ende September gekündigt. Dieses hat die Vertragsauflösung auf dem Rechtsweg angefochten und betreibt das Restaurant derzeit weiter.

Stadtrat lässt Ursachen untersuchen

Nun soll eine externe Untersuchung durch eine Anwaltskanzlei die Stiftung durchleuchten, Verantwortlichkeiten beurteilen, organisatorische Defizite aufdecken sowie allfällige Rückgriffs- und Schadenersatzansprüche auf einzelne Akteure prüfen.

Gegebenenfalls sollen daraus die «rechtlichen, organisatorischen oder politischen Konsequenzen» abgeleitet werden, wie es im Bericht und Antrag an das Parlament weiter heisst. Ein erster Zwischenbericht ist für Ende 2027 vorgesehen.

Für Wiler Politiker stehen der Stiftungsrat und insbesondere der ehemalige Stadtpräsident Hans Mäder (Mitte) im Fokus der Finanzmisere. Er amtete gleichzeitig als Präsident der Hofstiftung, wie es die Stiftungsurkunde vorsieht. Per Mitte August trat er von diesen Ämtern zurück. Diese Doppelfunktion als Stadtpräsident und Stiftungsratspräsident gilt es gemäss aktuellem Stadtrat aufgrund allfälliger Interessenkonflikte künftig zu überdenken.

Die Gewährung der Darlehen diene ausschliesslich der kurzfristigen Sicherstellung der Handlungsfähigkeit der Stiftung, um die Zahlungsunfähigkeit zu vermeiden, hält der Bericht fest. Sie stelle keine Übernahme der finanziellen Risiken durch die Stadt dar. Über die Darlehen entscheidet demnächst das Wiler Stadtparlament. Die Beschlüsse unterstehen dem fakultativen Referendum.

Gebäude aus dem Mittelalter

Nach zwei erfolgreich abgeschlossenen Bauetappen mit den Schwerpunkten Gastronomie (1994 bis 1998) und Bibliothek (2008 bis 2010) bildet die dritte Bauetappe den vorläufigen Abschluss der Umbauarbeiten am 800-jährigen Aushängeschild der Stadt Wil. Im vergangenen Juli fand die Wiedereröffnung des renovierten Wahrzeichens statt.

Der Hof zu Wil war ursprünglich eine im 12. Jahrhundert von den Grafen von Toggenburg errichtete Wehranlage und Wohnturm. Deren Mauern sind noch heute Teil des später erweiterten Gebäudekomplexes.

Über Jahrhunderte hinweg residierten die Fürstäbte von St. Gallen im Hof. Später wurde aus dem Hof eine Brauerei, die schliesslich 1983 stillgelegt wurde. Heute beherbergt das Gebäude unter anderem einen Gastrobetrieb, Seminarräume, die Stadtbibliothek und ein Museum. (sda/pb)


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