Liziba Station in Chongqing: Wenn die Bahn durchs Wohnhaus fährt
Die Liziba Station in Chongqing ist weltberühmt: Auf der 6. bis 8. Etage eines 19-stöckigen Gebäudes hält die Bahn, während in den Stockwerken darüber Menschen wohnen. Der über 20 Jahre alte Bau zieht bis heute unzählige Besucher an.
Steckbrief: Liziba Station
- Ort: Liziba Zhengjie 39, Bezirk Yuzhong, Chongqing, China
- Bahn: Linie 2 der Chongqing Rail Transit, laut Xinhua die erste Einschienenbahn Chinas
- Bauzeit: Planung ab 1998, Fertigstellung des Gebäudes 2004, Probebetrieb im Juni 2005
- Fläche: Stationsfläche rund 3'100 m², Geschossfläche gesamt rund 6'000 m²
Wenn unter der Liziba Station ein Zug einfährt, heben Dutzende Menschen ihr Handy. Manche reissen dazu den Mund auf: Auf dem Motiv sieht es aus, als würde das Haus die Bahn verschlucken. Laut offiziellen Angaben, die der chinesische Sender CGTN zitiert, kamen im Jahr 2019 täglich rund 10'000 Besucher, um genau dieses Bild zu schiessen. Dabei sollte die Station eigentlich gar keine Sehenswürdigkeit sein – sie entstand wegen Platzmangel.
Platzmangel führte zu besonderer Baulösung
Die Geschichte der Liziba Station beginnt 1998. Die Millionenmetropole Chongqing plante die Linie 2 der Chongqing Rail Transit, eine Einschienenbahn, die vom Stadtzentrum nach Xinshancun führen sollte. In Liziba war eine Haltestelle geplant. Doch das dafür vorgesehene Grundstück gehörte bereits einer Immobiliengesellschaft, die dort ein Wohnhaus bauen wollte. Ausweichen war nicht möglich: Im Norden liegt ein 20 bis 30 Meter hoher Hang, im Süden der Jialing-Fluss.
Schliesslich einigten sich die Chongqing Rail Transit und der Bauträger darauf, das Wohnhaus und die Bahnstation gemeinsam auf der Fläche zu planen und zu bauen. Nur so sei das Projekt möglich gewesen, sagte der für die Planung des Bahn-Wohnhauses verantwortliche Architekt Ye Tianyi von der Chongqing University 2021 gegenüber CGTN. Die Behörden hätten zudem Sonderlösungen erlaubt, da sich die Vorschriften für Hochbau und Bahnstation teilweise widersprachen.
Unabhängige Tragwerke für Bahn und Haus
Das Ergebnis davon sind zwei statisch unabhängige Tragwerke: Die mächtigen Brückenpfeiler der Bahn sind getrennt vom Haus im Boden verankert. Das Haus umschliesst die Bahnlinie praktisch wie eine Hülle, zwischen Bahnanlage und Gebäudestruktur liegen nur rund 20 Zentimeter. Die Bahn soll auf diese Weise praktisch keine Erschütterungen im Haus verursachen. Die Planer der Chongqing University arbeiteten laut CGTN zwei Jahre am Entwurf für den aussergewöhnlichen Bau.
Neben der lärmarmen Bauweise fährt die Straddle-Einschienenbahn auch auf gummibereiften Rädern und mit Luftfederung, um Lärm und Vibrationen zusätzlich zu dämpfen. Ein Gutachten von 1999 prüfte das Konzept dem Online-Lexikon «Baidu Baike» zufolge mit dynamischen Simulationen, unter Beteiligung eines französischen Beratungsbüros und eines deutschen Ingenieurs. Nach dem Bau Anfang der 2000er-Jahre nahm die Station im Juni 2005 den Probebetrieb auf.
Wohnen über der Bahn
Das 19-stöckige Gebäude teilt sich in drei Bereiche: In den Etagen 1 bis 5 befinden sich Läden und Büros, in den Etagen 6 bis 8 die Station, und darüber, in den Etagen 9 bis 19, liegen die Wohnungen. Die Bahn durchquert das Gebäude auf einer Länge von rund 132 Metern, der Bahnsteig liegt etwa 26 Meter über dem Strassenniveau.
Wie laut es in den Wohnungen genau ist, lässt sich schwer sagen. Architekt Ye Tianyi nannte 2018 gegenüber «Asia Times» Werte «unter 60 Dezibel», was in etwa einer normalen Unterhaltung entspricht. Nach einem Bericht der «Daily Mail» ist in den Apartments bloss ein dumpfes Summen zu hören, wenn die Bahn ein- und ausfährt. Für die Bewohner viel relevanter dürfte aber der direkte Anschluss an die Bahnlinie sein, was in der dicht bebauten Stadt entsprechende Vorteile mit sich bringt.
Bahnstation als «Tourismus-Mekka»
Dass die Station zu einem beliebten Touristen-Hotspot wurde, kam ungeplant. Videos der durchs Haus fahrenden Bahn verbreiteten sich auf Kurzvideoplattformen wie Douyin, dem chinesischen TikTok. Die Station wurde daraufhin zu einem regelrechten «Tourismus-Mekka», wie CGTN schreibt. Anfangs drängten sich die Schaulustigen auf der Strasse unter der Station und verursachten laut einem Bericht von «Xinhua» sogar Staus.
Die Stadt reagierte daraufhin mit dem Bau einer Aussichtsplattform. Diese umfasst rund 1'400 Quadratmeter samt Glassteg, Reisebus-Parkplatz und Wanderwegen zum Liziba-Park. Hinzu kamen ein Servicezentrum für Bahntouristen und ein Themenmuseum. Chongqing wurde so zu einem Reiseziel für Kurzvideo-Nutzer: Beim Frühlingsfest 2019 gehörte die Stadt laut Douyin zu den drei meistbesuchten Chinas.
Für die Bewohner des aussergewöhnlichen Wohnhauses hat all das Folgen. Ironischerweise stellt nicht der Bahnlärm ein Problem im Alltag dar, sondern der riesige Besucherandrang.
Quelle: 源義信 - Own work, wikimedia, CC BY 4.0
Blick vom Boden aus auf die Bahnstation: Das Haus umschliesst die Bahnlinie praktisch wie eine Hülle.
Quelle: MNXANL - Own work, wikimedia, CC BY-SA 4.0
«Trainspotting» an der Liziba Station: Aufgrund des hohen Besucherandrangs liess die Stadtregierung eine Aussichtsplattform erstellen.
Quelle: N509FZ - Own work, wikimedia, CC BY-SA 4.0
Blick in die Bahnstation im Gebäude.