Erweiterung der Schulanlage Hagendorn in Cham ZG
Die Einwohnergemeinde Cham will ihre Schulanlage Hagendorn um eine modulare Tagesschule, eine Mehrzweckhalle und eine Aula erweitern. Neubauten sollen das bestehende Areal ergänzen. Das siegreiche Wettbewerbsprojekt schafft die Voraussetzung für einen grosszügigen Aussenraum.
Quelle: Dialog Architektur GmbH, Luzern
Ein dreiteiliger Neubau ergänzt das Schulareal, dessen Ursprünge im 19. Jahrhundert liegen.
Der ehemalige Weiler Hagendorn befindet sich rund dreieinhalb Kilometer nordwestlich des Ortszentrums von Cham. An ihm vorbei mäandert die Lorze der Reuss entgegen. Die Geschichte von Hagendorn ist eng mit der Textilindustrie verbunden; in den Jahren 1861 bis 1863 wurde ein gerader Kanal gegraben, eine Spinnerei und Weberei, Werkstätten, eine Scheune und ein erstes Wohnhaus entstanden, später eine Wohnsiedlung, die bis heute besteht. In kurzer Distanz wurde ein Kinderheim gebaut – für die Beherbergung billiger Arbeitskräfte. Später diente es als Waisenhaus, heute wird es als Heilpädagogisches Zentrum genutzt.
Das Schulhaus des früheren Weilers stand ursprünglich auf freiem Feld an der Lorzenweidstrasse, welche die Fabrik mit dem historischen Kern verband. Bald ergab sich ein kontinuierlicher Bedarf nach Er-weiterungen; zum 1881 errichteten Gebäude unmittelbar oberhalb des Kanals gesellte sich 1915 der Trakt 1. Trakt 2 entstand ab 1967 auf der anderen Seite der Lorzenweidstrasse, direkt gegenüber den ursprünglichen Schulhäusern, die heute beide unter Schutz stehen. 1991 und 2010 folgten Ergänzungsbauten. Trakt 3 aus dem Jahr 2001 steht wieder zwischen Kanal und Strasse, in der Flucht von Trakt 1.
Mehr Komfort, mehr Schwingsport
Dieses Konglomerat aus verschiedenen Bauepochen soll jetzt mit Eingriffen hinsichtlich Komfort und Qualität verbessert werden. Bei der Erläuterung der Bauaufgabe wies die Gemeinde darauf hin, dass bezüglich Schulraum gemäss aktueller Entwicklungsprognosen kein Erweiterungsbedarf besteht. Vielmehr geht es bei diesem Vorhaben darum, die bestehende Modulare Tagesschule sowie die Mehrzweckhalle und die Aula zeitgemäss innerhalb des heutigen Schulareals anzuordnen. Für die Parkierung bestand der Wunsch einer Tiefgarage. Die Mehrzweckhalle hatte künftig einer Doppelturnhalle mit angrenzender Bühne zu entsprechen.
Quelle: Dialog Architektur GmbH, Luzern
Der Schnitt durch den neuen Schultrakt zeigt, dass die Bühne im Mittelteil sowohl zur Doppelturnhalle als auch zum Spiegelsaal auf der anderen Seite geöffnet werden kann. Vom obersten Geschoss kann zudem die Dachterrasse auf dem Mittelteil betreten werden.
Quelle: Dialog Architektur GmbH, Luzern
Der Situationsplan des Siegerprojekts zeigt, dass die historische Lorzenweidstrasse die zentrale Achse des Schulareals ist.
Weitere Räume und Infrastruktur für das Vereinsleben ergänzten das Raumprogramm für die Mehrzweckhalle. Das neue Vereinslokal für den Schwingklub Cham-Ennetsee war ebenfalls in das Schulareal zu integrieren. Das ist bei diesem Projekt alles andere als eine Nebensächlichkeit: Der Schwingklub benötigt für seine Vereinsaktivitäten eine Schwing-halle, eine Schwingstube, Garderoben und Duschen sowie einen Lagerraum. Die Schwinghalle respektive die Räume für den Schwingverein haben separat zur Schulnutzung zu funktionieren. Die Erläuterung der Anforderungen für die Schwinghalle bis hin zum Sägemehlmanagement nahm im Wettbewerbsprogramm beachtlichen Raum ein.
Für diese Aufgabe lancierte die Gemeinde Ende 2024 einen anonymen Projektwettbewerb für Generalplanungsteams im offenen Verfahren. Der Bearbeitungsperimeter umfasste den Raum zwischen dem alten Schulhaus und dem Trakt 1 sowie auf der anderen Strassenseite den westlichen, unbebauten Teil des Schulareals, der bis zum kleinen Grobenmoosbach reicht. Der älteste Teil des Trakts 2 aus dem Jahr 1967 durfte zurückgebaut oder umgenutzt werden. Die Erweiterung des Trakts 2 von 2010 musste unangetastet bleiben, in der Erweiterung von 1991 waren lediglich kleinere Anpassungen durch den Auszug der heute dort einquartierten Tagesschule in den verlangten Neubau vorgesehen.
«Strassen-Campus»
Im Rahmen des offenen Wettbewerbs wurden 29 Projekte eingereicht. Zahlreiche Abweichungen vom Programm waren beim Gewässerraum des Grobenmoosbachs festzustellen, wie auch bei der vorgegebenen Abwicklung der Eltern-Taxis, wo Rückwärts-manöver zu vermeiden waren. Auch die Erfüllbarkeit des eingeforderten Nachhaltigkeitsstandards SNBS 2023.1 wurde da und dort angezweifelt. Trotzdem liess das Preisgericht alle Projekte zur Beurteilung zu. Das Jurierungsverfahren endete mit der einstimmig beschlossenen Empfehlung des Preisgerichts, das Projekt «Einmaldrei» von Dialog Architektur GmbH, Luzern, mit Maximilian Kindt, Landschaftsarchitektur & Gartendenkmalpflege, Turgi, zur Weiterbearbeitung und Ausführung zu empfehlen.
Quelle: Dialog Architektur GmbH, Luzern
Der Querschnitt durch den Mittelteil des neuen Schultrakts zeigt, wie die Aula erkerartig in die Lorzenweidstrasse vorragt.
Quelle: Dialog Architektur GmbH, Luzern
Im Erdgeschoss des neuen Schultrakts verbindet ein geräumiger Foyerbereich die beiden Haupteingänge an der Lorzenweidstrasse.
Das Siegerprojekt vervollständigt einen ausgesprochenen «Strassen Campus»; die Lorzenweidstrasse führt über eine Länge von rund 230 Metern mitten durch eine Schullandschaft, in der sich Baukörper und Freiflächen zu einem stimmigen kleinen Quartier zusammenfügen. Das Entwurfsteam verzichtete weitgehend auf den Abriss bestehender Bauten und platziert stattdessen einen Neubaukomplex in die Südwestecke des Areals.
Orthogonales Raster
Wie bei allen anderen Bauten beruht die Architektur auf einem strengen orthogonalen Raster. Und auch diese Ergänzung orientiert sich an der Ausrichtung des ersten Schulhauses von 1881 und der Lorzenweidstrasse. Die Anlage rückt mit dieser Setzung näher ans Dorf und vereint sich mehr mit dem Siedlungsgebiet. Die Freiräume auf der Nordseite der Strasse mit den geschützten Schulbauten bleiben erhalten und werden aufgewertet.
Sockel in Massivbauweise
Der Neubaukomplex ruht auf einem gemeinsamen Sockelteil in Massivbauweise. Über diesem erheben sich drei miteinander verbundene Körper in Holzbauweise, die sich als separate Volumen erkennen lassen; auf die dreigeschossige Modulare Tagesschule am Grobenmoosbach folgt der Trakt mit der Aula und dem Fitnessraum, anschliessend die Doppelturnhalle, deren Luftraum gegenüber der Sockelpartie in der Längsrichtung beidseits eingerückt ist. Der niedrigere zweigeschossige Mitteltrakt ist leicht nach vorne, in den Strassenraum, verschoben. Der vorragende, fast erkerartige Gebäudeteil enthält im Erdgeschoss die Küche der Tagesschule und Sanitärräume, im Obergeschoss befindet sich die Aula, die von drei Seiten mit Tageslicht versorgt wird.
Entlang der Strassenseite des Sockels erstreckt sich ein durchgehender Foyerbereich, er verläuft hinter dem «Erker» hindurch und verbindet die am Strassenraum liegenden Eingänge zu den drei Nutzungseinheiten miteinander. Ein Teil des Dachs des Mitteltraktes ist als Aussenraum der Tagesschule vorgesehen, im Erdgeschoss des Mitteltrakts befindet sich die Bühne, die sich in die Doppelturnhalle und auf der anderen Seite in einen Spiegelsaal öffnet. Der Neubau ist weitgehend unterkellert, im Erdreich sind die Garderoben der Turnhalle und die gewünschte Einstellhalle angeordnet.
Die Schwinghalle und die Schwingstube bringt das Entwurfsteam des Siegerprojekts im Bereich der heutigen Turnhalle im Trakt zwei unter. Nur Teile des bestehenden Gebäudes sind zum Abriss vorgesehen. Die Umnutzung bestehender Strukturen verspreche hier eine einfache Realisierung des Projektes während der Bauzeit, kommentiert das Entwurfsteam diesen Entscheid.
Quelle: Dialog Architektur GmbH, Luzern
Die Foyerzone entlang der Lorzenweidstrasse soll als Aufenthaltsort und Treffpunkt dienen.
Spielteppiche
Das Erweiterungsprojekt hat auch einen prägnanten städtebaulichen Aspekt, schliesslich soll sich die Campusanlage zu einem vollwertigen Quartier verdichten. Entsprechend wichtig ist deshalb die Gestaltung des Aussenraums. Die Freiraumkonzeption des Siegerprojekts setzt die bestehende fort. Sie sieht überall auf dem Areal überschaubare rechteckige, teils mit Bäumen bestandene Flächen für den Aufenthalt ausserhalb der Unterrichtszeiten vor. Diese «Spielteppiche» sind ebenfalls präzise ins orthogonale Raster des Campus eingepasst. Im viel genutzten Kernbereich der Anlage werden sie von Asphaltbelag umgeben. Die Baumcluster sind mit gemischten Arten geplant. Zu den Rändern sollen sie eher heimisch sein, in den stark genutzten chaussierten Flächen auch mal gebietsfremd, dafür klimaangepasst und nachhaltig für die Beschattung. Das Entwurfsteam spricht von einem «kleinen Arboretum, das mehr pädagogische Möglichkeiten bietet, als Linde Eiche und Co.».
In Bezug auf die Nachhaltigkeit überzeugte das Siegerprojekt die Jury durch eine grundsätzlich ökologische Bauweise, die dem Wunsch nach Systemtrennung, Flexibilität und Rückbaubarkeit gut gerecht wird. Der Bestandserhalt und die Umnutzung wertete sie positiv. Der vorgesehenen Gebäudehülle des Neubaus, die wie die Struktur der oberen Geschosse ebenfalls als Holzkonstruktion geplant ist, traut man den sommerlichen und winterlichen Wärmeschutz zu. Das hohe Solarpotential nutzt eine angedachte Fas-sadenanlage gut aus. Das Preisgericht sah die Voraussetzungen für die Erfüllbarkeit des Standards SNBS 2023.1 auf dem Level Gold grundsätzlich für gegeben.
Mit den insgesamt niedrigsten Gesamtkosten aller sechs verglichenen Beiträge in der Endrunde des Wettbewerbs schnitt das Siegerprojekt am günstigsten ab.
Nachgefragt … bei Andrina Wälti
Quelle: Thierry Burgherr
Andrina Wälti ist Projektleiterin Planung und Hochbau bei der Gemeinde Cham und dort für dieses Projekt zuständig.
Im Projekt waren zahlreiche Anliegen von unterschiedlichen künftigen Nutzerinnen und Nutzern zu berücksichtigen. Dachte man nie daran, ein Studienauftrag-Verfahren mit Zwischenbesprechungen durchzuführen?
Die Prozesswahl wurde zusammen mit der Verfahrensbegleitung festgelegt. Die Erweiterung dient in erster Linie der Schule als Hauptnutzerin. Diese war bei der Projektentwicklung von Anfang an mit dabei und konnte ihre Bedürfnisse präzise formulieren. Zudem wurden als Vorbereitung auf den Wettbewerb die Bedürfnisse der Vereine abgeholt. Die Rahmenbedingungen konnten also zu Beginn geklärt werden, es blieben keine offenen und zu präzisierenden Fragestellungen, welche eine Zwischenbesprechung notwendig gemacht hätten. Daher entschieden wir uns für die Durchführung eines anonymen Projektwettbewerbs, um eine grösstmögliche Lösungsvielfalt zu erhalten. Die tief in Hagendorn verankerten Vereine dürfen die Räumlichkeiten der Schule nutzen. Mit je einer Vertretung aus dem Turnverein und dem Schwingklub Cham-Ennetsee durften zwei weiter Hauptnutzer in der Jury ihre Expertisen der Fach- und Sachjury mitgeben.
Es ist unüblich, dass ein Schulcampus eine öffentliche Strasse «in seine Mitte nimmt» und diese als Hauptachse des Campus interpretiert. Wie zähmt man hier den Verkehr?
Dies stimmt, das ist unüblich und historisch gewachsen. Mit dem Bau der Umfahrungsstrasse Hofmatt konnte der Autoverkehr zu den östlich gelegenen Wohnhäusern ausgelagert werden. Heute endet der Verkehr am Schulhausplatz. Lediglich der kantonale Radweg blieb bestehen, so dass heute nur noch Velofahrerinnen und Velofahrer über das Areal fahren. Bestehende, östlich und westlich positionierte Schranken verhindern, dass das Schulareal mit Fahrzeugen befahren wird. Aktuell ist geplant, die Schranken beizubehalten sowie weiterführende entschleunigende Massnahmen zu ergreifen.
Wie war das Feedback der Schwinger und Schwingerinnen auf das Siegerprojekt des Wettbewerbs?
Die Vertretung des Schwingklubs ChamEnnetsee, welche die Expertise in der Jury gegenüber mitgeben durfte, ist sehr zufrieden mit der Gestaltung des Siegerprojekts und sieht die Umnutzung der alten Turnhalle zur Schwinghalle als sinnvoll. Die Schwingerinnen und Schwinger werden in die Weiterentwicklung des Projekts miteinbezogen.
Wo steht das Projekt aktuell? Sind Sie zuversichtlich, dass die Chamer Stimmberechtigten wie geplant im Sommer 2027 über den Baukredit abstimmen können?
Aktuell befinden wir uns in der Vorprojektphase. Die Anforderungen an die Räume und die betrieblichen Abläufe werden präzisiert. Die Erweiterung verspricht eine deutliche Entlastung für das heutige Flächendefizit der modularen Tagesschule, so dass zukünftig alle Erziehungsberechtigten, die ihre Kinder in die Modulare Tagesschule anmelden möchten, dies ohne Warteliste tun können. Mit dem Bau der Doppelturnhalle schaffen wir eine zeitgemässe und bedarfsgemässe Grundlage für eine Schule in der Grösse der Primarschule von Hagendorn. Für die qualitative Gestaltung des Aussenraumes werden die Interessengruppen und die Bevölkerung in geeigneter Weise miteinbezogen. Wir gehen davon aus, dass die Chamer Stimmbevölkerung im Sommer 2027 über den Baukredit abstimmen kann. (Interview: Manuel Pestalozzi)