13:30 BAUPRAXIS

Forschung: Erstmals einen Murgang im Illgraben vermessen

Teaserbild-Quelle: Christoph Wetter

Dank eines neuen Ansatzes konnte ein Forschungsteam der  Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) am Illbach oder vielmehr im  Illgraben VS erstmals einen Murgang auf einer Länge von zwei Kilometern aufzeichnen. Die gewonnen Erkenntnisse können helfen, den Schutz von Häusern in der Nähe von Murgang führenden Wildbächen besser zu planen. 

Illgraben

Quelle: Christoph Wetter

Der Illgraben im Normalzustand lässt erahnen, mit welcher Wucht sich Murgänge durch das Tal wälzen können.

Auf den ersten Blick erscheint der Illbach, der in der Nähe des Illhorns im Wallis entspringt und schliesslich bei Susten in die Rhone mündet, eher unspektakulär. Doch bei genauerer Betrachtung trifft das Gegenteil zu: Im Laufe der Jahrtausende hat er sich tief in den Felsen der Walliser Alpen gefressen und dabei den Illgraben geschaffen. In ihm gehen so oft wie nur an wenigen Orten in Europa Murgänge nieder, mehrmals im Jahr. Dabei wälzen sich jeweils gigantische Massen aus tonnenschweren Felsbrocken und Geschiebe ins Tal. Für die Forschung ist der Illgraben ein Glücksfall: Er bietet die seltene Gelegenheit, Murgänge systematisch zu beobachten und zu analysieren. 

Nun ist es einem Team der WSL erstmals gelungen, Murgänge von Anfang bis Ende aufzuzeichnen und so ihre Entwicklung über längere Distanzen zu verfolgen. Den neben gewaltigen Fluten aus Schlamm und Geröll können sich auch meterhohe Wellen bilden, die sich schneller als das übrige Geschiebe abwärts bewegen. Bislang war die Entstehung und Ausbreitung dieser wellenartigen Murgangschübe unklar: Die Installation für Messstationen zur Beobachtung von Murgängen aufwendig und teuer, weswegen es normalerweise nur punktuelle Messdaten des Phänomens gibt. 

Geofone helfen zu rekonstruieren, wie ein Murgang den Hang hinunter fliesst

Will man die Wellenentwicklung besser verstehen, braucht es Messungen entlang eines ganzen Murganges. Darum hat die WSL auf einer Länge von zwei Kilometern Geofone entlang des Illgrabenbetts installiert, kleine Messgeräte, mit denen sich Bodenerschütterungen aufzeichnen lassen.  Weil verschieden grosse Wellen und Gesteinsblöcke unterschiedlich starke Erschütterungen auslösen, lässt sich anhand der Geofon-Daten  rekonstruieren, wie die Murgänge den Hang hinunter rutschen. 

Illgraben mit Geofonen

Quelle: Christoph Wetter

Die Forschenden vergruben auf einer Länge von zwei Kilometern Geofone entlang des Bachbetts des Illgrabens. Im Hintergrund befindet sich eine Wildbachsperre.

«Diese neue Messmethode ermöglicht ein vollständigeres Bild von Murgängen», resümiert Geophysiker Christoph Wetter, Erstautor der im Fachjournal Engineering Geology veröffentlichten Studie. «Neu können wir nun den ganzen Murgang in Zeit und Raum nachzeichnen.»

Damit lässt sich nun Wellenbildung im Murgang erstmals nachvollziehen: Die Wellen beginnen klein und türmen sich immer grösser auf, je weiter sie den Hang hinunterfliessen. Die Messungen zeigten ausserdem zum ersten Mal, dass die Region des Murgangs, in der die Wellen entstehen, nicht stationär ist, sondern dass sie sich ebenfalls talwärts bewegt, erklärt Wetter. - Die Wellen verkleinern sich auch nicht, wenn sie eine Wildbachsperre passieren. Wie die Wellen die Sperre passieren, war bisher aber noch unklar. 

Einen Grund zur Sorge sieht der Wissenschaftler allerdings nicht  – zumindest am Illgraben. Dort schützt die bestehende Infrastruktur die angrenzende Gemeinde gut. Wichtig ist diese Erkenntnis aber für Orte, an denen unmittelbar neben einem Murgang führenden Wildbach ungeschützte Häuser stehen, wie Wetter betont. -  Somit tragen die am Illgraben gewonnen Erkenntnisse nicht nur dazu dabei, Murgänge und ihre Entwicklung besser zu verstehen, sondern sie zeigen auch auf, wie Gemeinden und Schutzstrukturen optimal geplant werden können. (mgt/mai)

Den Artikel der WSL im Original lesen: www.wsl.ch


Illgraben von oben.

Quelle: Christoph Wetter

Die Forschenden haben am Illgraben vermessen, wie sich ein Murgang entwickelt.

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