08:12 BAUBRANCHE

Verkehrssituation Nordwestschweiz: Angriff auf das Herzstück

Autoren: Stefan Gyr (stg)
Teaserbild-Quelle: Herzog & de Meuron

Braucht es das Herzstück? In Basel sind Zweifel am Nutzen der geplanten Durchmesserlinie laut geworden. Im Baselbiet verzögert sich der Bau der Bahn-Doppelspur im Laufental um zwei Jahre. Solothurn fordert eine Tunnellösung beim Ausbau der Autobahn A1 zwischen Luterbach und Härkingen.

Herzstück-Haltestelle Mitte Basel

Quelle: Herzog & de Meuron

Visualisierung der Herzstück-Haltestelle Mitte, Ausgang Hauptpost.

Es ist das teuerste und prestigeträchtigste Nordwestschweizer Verkehrsprojekt seit Jahrzehnten. Rund drei Milliarden Franken dürfte das Herzstück-Projekt der trinationalen S-Bahn Basel verschlingen. Die Idee einer unterirdischen S-Bahn-Verbindung zwischen dem Bahnhof Basel SBB und dem Badischen Bahnhof wird bereits seit den 1980er-Jahren diskutiert. Jetzt, knapp 40 Jahre später, wird das Projekt für eine Basler Durchmesserlinie langsam konkret. Nachdem der Bund 2019 Projektierungskosten von 100 Millionen Franken für das Herzstück in den Bahnausbauschritt Step 2035 aufgenommen hat, ist die Zuversicht in der Region gross.

Doch der Zürcher Verkehrsexperte Philipp Morf hat in den regionalen Medien Zweifel am Nutzen des Riesenprojekts angemeldet: Die unterirdische Schienenverbindung zwischen den beiden Bahnhöfen mit den Tiefhaltestellen Basel Mitte und Klybeck würde die Planungen für den Ausbau des öffentlichen Verkehrs über Jahre blockieren. Statt für Milliarden von Franken einen S-Bahn-Tunnel zu bohren, könnte man mit günstigeren Massnahmen schneller gute Effekte für den öffentlichen Nahverkehr erzielen.

Auch einige ehemalige Ingenieure und Unternehmer sprachen sich öffentlich dafür aus, das S-Bahn-Netz auf den bestehenden Schienen auszubauen. Die Region sollte nicht bis zum grossen Wurf des S-Bahn-Herzstücks zuwarten, das vielleicht einmal im Jahr 2045 gebaut werde. Zwischen Olten und Aarau sei der Eppenbergtunnel gebaut worden, und in St. Gallen und Winterthur würden die S-Bahn-Linien erweitert. «Einfach in Basel geht es mit den Grossprojekten seit Jahren nicht vorwärts.»

De Meuron als Befürworter

Der Architekt Pierre de Meuron verteidigte das Projekt. Das Architekturbüro Herzog & de Meuron setzt sich seit Jahren für das Herzstück ein. Es verbinde den Bahnhof Basel SBB und den Badischen Bahnhof, die heute im S-Bahn-Verkehr wie Kopfbahnhöfe genutzt werden, obwohl sie mit ihrem Schienenverlauf Durchgangsbahnhöfe sind. Es erschliesse das historische, kulturelle Zentrum mit der S-Bahn. Und es verbinde die Region, eine trinationale Agglomeration, in der 1,3 Millionen Menschen leben.

In den Tälern der Region Basel gebe es in Frankreich, Deutschland und der Schweiz bereits sieben S-Bahn-Äste, die aber nicht miteinander verknüpft seien. «Die unterirdische Durchmesserlinie ist für unser S-Bahn-Netz wie der Schlussstein eines Gewölbes.» Jahrelang seien Varianten durchgespielt worden, und irgendwann seien alle Player zu einem Konsens gekommen, so de Meuron. «Wenn jemand alles wieder über den Haufen werfen will, denkt man sich schon: Gopferdeckel, muss das wirklich sein?»

Verbreiterte Margarethenbrücke

Anfang 2020 ist die Zuständigkeit für den Bahnknoten Basel auf den Bund übergegangen. Dazu gehört auch das Herzstück. Für ein Vorprojekt haben die Parlamente der Kantone Basel-Stadt und Baselland 2014 insgesamt 29,3 Millionen Franken bewilligt. Davon stehen noch 22,1 Millionen Franken zur Verfügung, von denen 14,7 Millionen auf Basel-Stadt entfallen. Mit diesen Mitteln will der Stadtkanton Vorprojekte für die künftigen Bahnhöfe und Haltestellen der S-Bahn im Umfeld des Herzstücks finanzieren. Dabei sollen auch die Projekte für die Umgestaltung des Markthallenplatzes und die Erneuerung der Margarethenbrücke bis zur Baureife vorangetrieben werden.

Die Margarethenbrücke überspannt das Gleisfeld West des Bahnhofs Basel SBB. Sie entspricht laut der Regierung den künftigen Anforderungen des Bahnverkehrs nicht mehr. Eine neue, verbreiterte Brücke sei nötig, um einen attraktiven Zugang zu den Perrons und einen Anschluss für Fussgänger an die Innenstadt zu schaffen. Der Markthallenplatz soll zu einem Verkehrsknoten werden.

Dort soll auch die neue Personenunterführung des westlichen Gleisfelds angeschlossen werden. Die Kosten für diese beiden Projekte werden auf 150 Millionen Franken geschätzt. Im Basler Bahnhof wollen die SBB zudem zwischen 2023 und 2025 ein zusätzliches Gleis mit zwei Zugkanten für 130 Millionen Franken und eine provisorische Passerelle für 50 Millionen bauen.

Bereits ab 2025 wird es in Basel eine neue Grossbaustelle geben, wenn es nach dem Willen des Bundes geht: Während vier Jahren soll der Streckenabschnitt der Elsässerbahn zwischen dem Bahnhof St. Johann und dem Basler Hauptbahnhof zum Vier-Meter-Korridor ausgebaut werden. Zu den geplanten Baumassnahmen gehören unter anderem eine Absenkung des Kannenfeld- sowie des Schützenmatttunnels. Mit dem Ausbau der Tunnels auf vier Meter Eckhöhe könnten künftig Güterzüge mit aufgeladenen Sattelschleppern und doppelstöckige Personenzüge auf diesem Weg nach Basel einfahren.

Eine Zunahme der Gütertransporte und ein Verkehrsanstieg wären die Folgen. Das Vorhaben ist denn auch bei Anwohnern auf Widerstand gestossen. Der Grosse Rat unterstützte deshalb einen SP-Vorstoss, der eine Überdeckung der gesamten Strecke verlangte. Der Regierungsrat betrachtet sich allerdings nicht als zuständig, weil der Ausbau der Bahninfrastruktur in die Kompetenz des Bundes fällt.

Osttangente zerschneidet Stadt

Auf dem Basler Strassennetz rückt die Entlastung der verstopften Stadtautobahn näher: Bereits ab 2029 könnte der neue Rheintunnel gebaut werden. Der Bundesrat hat dem 2,36 Milliarden teuren Strassenprojekt zugestimmt. Der Rheintunnel soll die A2-Osttangente erweitern. Dieser Autobahnabschnitt soll zurückgebaut und durch einen Tunnel ersetzt werden. Der Grosse Rat hat sich hinter einen Vorstoss der Grünen gestellt.

Die Osttangente hat laut den Gegnern eine grosse städtebauliche Wunde hinterlassen: Sie zerschneide die Stadt. Die Regierung wurde nun verpflichtet, den Abriss im Gesetz festzuschreiben und beim Bundesamt für Strassen einzufordern. Das Kantonsparlament hat sich zudem für ein weiteres Strassenprojekt ausgesprochen: Die Zollibrücke soll gebaut werden. Die neue Fussgänger- und Velobrücke soll das Gundeldinger- und das Bachletten-Quartier verbinden. Die Kosten für den Bau der Brücke werden von der Regierung «deutlich höher» als drei Millionen Franken geschätzt.

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