10:09 BAUBRANCHE

EPFL-Umfrage: Warum Mieter nicht in kleinere Wohnungen ziehen möchten

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Das Umfeld, die Möglichkeiten des Rückzugs in die Privatsphäre und Statussymbole: Das sind Gründe, wieso Mieter nicht in kleinere Wohnungen ziehen möchten, obwohl dies gemessen an der Haushaltsgrösse vernünftig wäre. Dies zeigt eine Umfrage der EPFL. 

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Das Wohnen der Zukunft, wie es sich der Zeichner dieser Motorola-Werbung vor über 50 Jahren vorgestellt hat.

Die Wohnungen in der Schweiz sind in den letzten vier Jahrzehnten deutlich grösser geworden, wie die EPFL am Donnerstag mitteilt. Die durchschnittliche Wohnfläche pro Kopf ist von 34 Quadratmeter im Jahr 1980 auf 46 Quadratmeter im Jahr 2019 gestiegen, und diese Zahl wird laut der Hochschule voraussichtlich weiter steigen. Doch was steckt hinter dem wachsenden Platzbedarf? Wie lässt sich dieser Trend umkehren, um das Wohnen ökologisch nachhaltiger zu gestalten? Und wie lassen sich die Wohnungen verkleinern, ohne den Lebensstandard zu beeinträchtigen? 

Claudine Karlen, Anna Pagani und Claudia Binder vom Laboratory on Human-Environment Relations in Urban Systems (HERUS) der EPFL gingen diesen Fragen in einem Artikel nach, der im Fachmagazin «Journal of Housing and the Built Environment» veröffentlicht wurde. Das Team fragte dafür bei 968 Schweizer Mietern nach. Ihre Forschung berühre heikle Themen im Zusammenhang mit dem Wohnungsbau, die bisher noch nie in dieser Tiefe untersucht wurden, heisst es im Communiqué der EPFL.

Wohnungsbau zweitgrösster CO2-Verursacher 

Beim Energieverbrauch steht der Wohnungsbau nach dem Verkehr an zweiter Stelle und verursacht entsprechend hohe CO2-Emissionen in der Schweiz, schreibt die Hochschule. Halte das aktuelle Wachstumstempo weiter an, werde es keine andere Möglichkeit geben, als weiterhin neue Wohnungen auf einer «grünen Wiese ausserhalb der Stadtzentren» zu bauen. Die Schweizer Regierung lancierte 2017 ein nationales Forschungsprogramm zur Ressourceneffizienz – auch in der Wohnungswirtschaft. 

Vor diesem Hintergrund laufen verschiedene Forschungen. Professor Philippe Thalmann vom Labor für Umwelt- und Stadtökonomie der EPFL betreut derzeit etwa eine Doktorarbeit, die sich mit den Faktoren befasst, die die Entscheidungen von Hausbesitzern zu den Themen Renovierung, Abriss oder Neubau von Wohnungen beeinflussen. Ein Doktorand an der ETH Zürich untersucht hingegen den ökologischen Fussabdruck von Häusern, insbesondere im Hinblick auf Baumaterialien und Energieverbrauch. 

Die HERUS-Wissenschaftler haben sich für ihre Arbeit auf die Mieter konzentriert. Dies, weil die Forschung in diesem Bereich einen «Wendepunkt» darstellen könnte, wie die EPFL weiter schreibt. «Rund 60 Prozent der Schweizer wohnen zur Miete», erklärt Anna Pagani, Architektin und Doktorandin in der Mitteilung. «Ein nachhaltigerer Ansatz für dieses Segment des Wohnungsmarktes könnte in den nächsten zehn Jahren einen grossen Unterschied machen.» 

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Quelle: Philippe Leone, Unsplash

Auf die Frage nach einem möglichen Umzug gaben nur 25 Prozent an, dass sie zu einer Verkleinerung bereit wären, wenn sich ihr Haushalt verkleinern würde. In 46 Prozent der Fälle gaben die Befragten an, dass sie nicht bereit wären umzuziehen, weil sie an ihrer jetzigen Wohnung hängen.

Grössere Wohnung trotz kleinerem Haushalt 

Im Herbst 2019 verschickte das Team einen Fragebogen und organisierte Gruppendiskussionen mit Mietern der Société Coopérative d'Habitation Lausanne (SCHL) und der Allgemeinen Baugenossenschaft Zürich (ABZ) sowie der Versicherungsgesellschaft Schweizerische Mobiliar, die gemeinsam 10‘000 Wohnungen repräsentieren. Auf die Umfrage gingen 968 Antworten ein. Die Mieter wurden darin gefragt, was sie dazu veranlasst hat, in ihre jetzige Wohnung zu ziehen, und was sie dazu veranlassen könnte, in Zukunft wieder umzuziehen. 

Rund 40 Prozent der Befragten zogen demnach in eine grössere Wohnung um, obwohl sich ihre Haushaltsgrösse verringert hatte. Auf die Frage nach einem möglichen künftigen Umzug gaben nur 25 Prozent der Befragten an, dass sie zu einer Verkleinerung bereit wären, wenn sich ihr Haushalt verkleinern würde. In 46 Prozent der Fälle gaben die Befragten an, dass sie nicht bereit wären umzuziehen, weil sie an ihrer jetzigen Wohnung hängen, während 30 Prozent angaben, dass sie ihre jetzige Wohnung bereits zu klein finden. 

Weitere Gründe waren laut Mitteilung die gute Lage und die günstige Miete (jeweils 7 Prozent) sowie die Verbundenheit mit der derzeitigen Nachbarschaft und Gemeinde. «Wir haben diese Präferenzen in neun Funktionen zusammengefasst», erklärt Pagani. Das Team habe festgestellt, dass mehrere dieser Funktionen als Hindernisse für eine Verkleinerung der Wohnung wirken: 

  • Statussymbol: Die Wohnung spiegelt den sozialen Status wider
  • Dauerhaftigkeit: Die Verbundenheit mit der aktuellen Wohnung und der Nachbarschaft
  • Privatsphäre: Die zunimmt, wenn die Wohnungen mehr Platz pro Haushaltsmitglied bieten 

Finanzielle Anreize für Umzug? 

Ein Rentnerehepaar davon zu überzeugen, aus einer grossen Wohnung im Stadtzentrum auszuziehen, sei keine leichte Aufgabe. Es sei auch nicht einfach, einen Nachbarn davon abzuhalten, in eine grössere Wohnung zu ziehen, nur weil er etwas mehr Platz haben möchte. Die Wissenschaftler schlagen deshalb mehrere mögliche Lösungen vor: 

  • Finanzielle Anreize für einen Umzug
  • Ein ausreichendes Angebot an kleinen Wohnungen im Stadtzentrum mit guter Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr
  • Wohnungen unterschiedlicher Grösse im selben Gebäude, um bei einem Umzug den Kontakt zu Freunden und Nachbarn nicht zu verlieren
  • Und eine Empfehlung des Teams: «Downsizern» den Vorrang vor anderen potenziellen Mietern geben

Pagani plädiert im Communiqué dafür, «unsere Herangehensweise an die Privatsphäre auf der Ebene des gesamten Gebäudes zu überdenken, indem wir beispielsweise Werkstätten und Musikräume zur Verfügung stellen, die die Mieter mieten können». Sie plädiert zudem auch für eine grössere Flexibilität bei der Gestaltung von Gebäuden, um sich an die Entwicklung der Haushalte anzupassen und das Bedürfnis nach Beständigkeit zu befriedigen. 

Hinsichtlich dem Haus als Statussymbol, weisst die Wissenschaftlerin auf die Schlüsselrolle hin, die Medien, Architekten und Designer bei der «Schaffung eines neuen 'nachhaltigen' Statussymbols spielen können, indem sie sich etwa für kleinere Wohnungen mit hohem Lebensstandard einsetzen.» 

Das wichtigste Ergebnis von Paganis Doktorarbeit ist laut der EPFL ein neues Computermodell, in das sie die Ergebnisse der Studie einfliessen liess. Genossenschaftsbesitzer und Vermieter können dieses Modell nutzen, um die Auswirkungen von Massnahmen zur Verringerung des ökologischen Fussabdrucks von Wohnungen zu bewerten und dabei die Präferenzen der Mieter zu berücksichtigen. (pd/pb/sda)

Weitere Informationen: actu.epfl.ch

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