14:12 BAUBRANCHE

Neues Game der HSLU: Spielend ein CO2-neutrales Dorf errichten?

Teaserbild-Quelle: HSLU

Wie kann die Energieversorgung einer Gemeinde nachhaltiger werden und trotzdem bezahlbar bleiben? Um diese Frage kreist «Sarnetz», ein Online-Computerspiel, das ein interdisziplinäres Forschungsteam der Hochschule Luzern entwickelt hat.

Screenshot Computerspiel Sarnetz der Hochschule Luzern

Quelle: HSLU

Im Computerspiel Sarnetz gilt es, in Fünfer-Teams die Energieversorgung der Gemeinde Zernez zu revolutionieren.

Die Bündner Gemeinde Zernez dient als Protagonistin eines Computerspiels, dass dieser Tage an der Weltausstellung in Dubai vorgestellt wird. Umgesetzt wurde das auf den Namen «Sarnetz» getaufte Spiel von einem interdisziplinären Forschungsteam der Hochschule Luzern (HSLU). Als Basis diente ein Brettspiel der ETH Zürich, wie die Hochschule am Freitag mitteilte. Dieses wurde vom Team nun in ein digitales Format verwandelt. 

In «Sarnetz» treten zwei Fünfer-Teams unter der Leitung eines Moderators gegeneinander an. Ziel des Spiels ist es laut Mitteilung, die gesamte Energieproduktion der Gemeinde Zernez nach den Vorgaben der Energiestrategie 2050 des Bundes umzubauen. Das Team, welches die CO2-Emissionen innerhalb eines Zeitlimits mit minimalen Investitionen auf null reduzieren kann und dabei möglichst viel erneuerbare Energie aus lokalen Quellen produziert, gewinnt. 

Pro Team übernehmen hierbei drei Spieler die Rolle des Gemeinderats. Eine weitere Person leitet den lokalen Energielieferanten, eine fünfte vertritt die Interessen der Einwohnerschaft und der Tourismusbranche. Gespielt wird «Sarnetz» im Browser auf einer dreidimensionalen Karte von Zernez, die als Spielfeld dient. Auf der Karte wird laut der HSLU jedes einzelne Gebäude der Gemeinde simuliert, vom Wohnhaus bis zum Heizwerk. 

Spielerische Suche für nachhaltigen Umbau

Das Energiespiel sei in erster Linie für die Einwohner von Zernez für Entscheidungsträger auf kommunaler Ebene entwickelt worden. Weiterentwickelt wurde es nun primär für Schüler oder Studenten, die sich mit der Komplexität der Thematik vertraut machen möchten. Im Spiel stünden nicht die technischen Details der Energieproduktion im Vordergrund, erklärt Co-Projektleiter Uwe W. Schulz vom HSLU-Departement Technik & Architektur. Es sei vielmehr eine spielerische Suche nach Strategien zu einem nachhaltigen Umbau der Energieversorgung. 

Das Spiel liefert laut Schulz auch keine perfekten Lösungen. «Politik, Energieversorger und Einwohnerschaft haben teilweise konträre Interessen» Es gelte einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Gruppen zu finden – genau wie in der Realität. Reiche es beispielsweise, für wenig Geld Gebäude zu sanieren? Oder sei es doch besser, die Gebäude mit Solaranlagen zu bestücken? 

Die Anlagen würden den CO2-Verbrauch zwar viel stärker senken, im Umkehrschluss aber das Ortsbild beeinträchtigen und damit unter Umständen dem Tourismus schaden. Das Spiel geht erst weiter, wenn im Team ein Konsens darüber herrscht, welcher Schritt als nächstes in Angriff genommen werden soll. 

Ein Video gibt Einblick in das Computerspiel «Sarnetz». (Quelle: Immersive Realities)

Vom Brettspiel zum Computerspiel 

An der Umsetzung der digitalen Version des Brettspiels unterstützte das Forschungsteam Immersive Realities Research Lab des Departements Informatik. Für Co-Projektleiter Richard Wetzel galt es dabei, die Balance zwischen dem Spielgefühl des ETH-Originals und den Anforderungen an ein Computerspiel zu finden. 

«Wenn man in der Brettspielvariante darüber diskutiert, ob man ein neues Holzschnitzelheizwerk bauen möchte, zeigt man einfach mit dem Finger auf die entsprechende Stelle.» Das gehe aber nicht, wenn die Teammitglieder am anderen Ende der Welt sitzen würden. Wetzel und sein Team entwickelten eine simple Lösung für dieses Problem: Per Maus werden digitale Spielfiguren übers Spielfeld bewegt; man «zeigt» also mit seinem Avatar, wo man bauen möchte. 

Gewisse Spielmechaniken sind automatisiert, um es den Spielern zu erleichtern, den Überblick zu behalten und sich auf das Ausarbeiten der Strategie zu fokussieren. In der Brettspiel-Variante müssen laut Wetzel die Kosten und der CO2-Verbrauch von Massnahmen von Hand erfasst werden, was aufwändig und fehleranfällig sei. In der Browser-Version übernehme der Computer die gesamte Buchführung und ermögliche es damit, im Spiel getroffene Entscheidungen später einfach zurückzunehmen, heisst es weiter. 

Weiterentwicklung für die breite Öffentlichkeit 

Mit der Präsentation von «Sarnetz» in Dubai könne man die «Schweizer Methode» zum Erreichen einer nachhaltigen Energieversorgung nun anschaulich einem internationalen Publikum zeigen, freuen sich Uwe W. Schulz und Richard Wetzel. Die beiden Forscher möchten das Game laut Mitteilung weiterentwickeln. In einem nächsten Schritt soll demnach das Spielprinzip auf andere Gemeinden und auf Stadtquartiere übertragen werden. 

Geplant sind auch zusätzliche Komfortfunktionen wie eine integrierte Chatfunktion, denn aktuell tauschen sich die Spieler über die Kommunikationsplattform «Zoom» aus. Fernziel ist laut Mitteilung zudem die Entwicklung einer Spielvariante als Lernwerkzeug für die breite Öffentlichkeit. (mgt/pb)

«Sarnetz» feierte Premiere an Weltausstellung in Dubai

Seinen Anfang nahm «Sarnetz» als Brettspiel: 2015 entwickelte es die ETH Zürich als Teil des Projekts «Zernez ENRGIA 2020». Die im Spiel genutzten Daten zu Gebäudegrössen, Energieverbrauch und den Gebäudeheizungen basieren auf realen Werten. 

Auf Initiative der Schweizer Botschaft in Japan kreierte das Forschungsteam um Uwe W. Schulz und Richard Wetzel eine digitale Variante des Spiels für den Schweizer Pavillon an den Olympischen Sommerspielen 2021 in Tokio, der aber Corona-bedingt abgesagt wurde. 

Weltpremiere feierte «Sarnetz» daher im September an mehreren japanischen Universitäten, wo Studenten es testen konnten. Das Spiel läuft seit Anfang November an der Weltausstellung in Dubai; die nächste Präsentation findet am 6. Januar 2022 statt. 

Das Computerspiel entstand im Rahmen des Interdisziplinären Themenclusters Raum und Gesellschaft, mit dem die Hochschule Luzern departementsübergreifende Forschungsprojekte fördert. Es wurde von der Schweizerischen Botschaft in Japan sowie vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI des Bundes finanziell unterstützt. 

Das Spiel kann auf der Website sarnetz.ch unter der Leitung eines Moderators gespielt werden. Interessierte können sich bei info@sarnetz.ch melden.

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