Unterwegs: Historische Kühlräume im Valle di Muggio

Teaserbild-Quelle: Schweizer Heimatschutz, Pierre Marmy

Die Formen historischer Bauten entstanden früher oft aufgrund von genauer Naturbeobachtung, wie die einfallsreich konstruierten «Nevère». So werden die für bestimmte Gegenden des Tessins typischen jahrhundertealten Kühlkammern genannt. 

Quelle: 
Schweizer Heimatschutz, Pierre Marmy

Das Fundament dieser zylinderförmigen Gebäude aus Trockenmauern ist tief abgesenkt, sodass zwei Drittel des begehbaren Innenraums vom Erdreich umgeben sind. Im Winter wurde dieser untere Teil der Kammer mit Schnee gefüllt, auf den das italienische Wort «Neve» im Namen verweist. Auf diese Art liess sich der Schnee lange konservieren und im Sommer der Raum damit kühlen. Während der Alpsaison wurden Milch für die Verarbeitung zu Käse und verderbliche Lebensmittel gelagert, was existenziell sein konnte. 

Solche auf unscheinbare Art spektakuläre Sehenswürdigkeiten finden sich entlang der Wanderung ins wenig bekannte Valle di Muggio im tiefsten Süden des Tessins. Ausgangspunkt ist der Monte Generoso, wo Mario Bottas Bau «Fior di pietra» seit gut zwei Jahren auf dem Bergrücken thront und einen markanten architektonischen Akzent setzt. An Blumenwiesen vorbei führt der Wanderweg durch eine vielfältige Kulturlandschaft und zur aufgegebenen Alp Génor, deren Gebäude wieder fachgerecht in Stand gesetzt sind.

Vom damals austarierten sozialen Gefüge erzählen die vertikal platzierten Kalksteinplatten entlang des Weges zum Weiler Nadigh. Sie markierten die Grenze zwischen gemeinschaftlich genutzten Weiden und privaten Wiesen. In einem Stufensystem betrieben die Talbewohner früher Ackerbau und Viehzucht. Generoso, italienisch für grosszügig, war der Berg mitten in den lepontinischen Alpen früher nicht immer, die Natur launisch.

Die Gegend gilt als trocken, Quellen sprudelten nur wenige, Bäche flossen allenfalls während der Schneeschmelze. Die Bauern waren gezwungen, Regenwasser in Zisternen zu sammeln, um auf den Ackerterrassen Reben, Getreide und Gemüse anzupflanzen. Bei Nadigh werden übrigens momentan zwei «Nevère» und eine Zisterne restauriert. In Muggio vermittelt das Museo etnografico weitere Kapitel vom bäuerlichen Leben im Rhythmus mit der Natur.

Ab Capolago am Luganersee ist der Monte Generoso mit der Bahn in gut vierzig Minuten zu erreichen. Für die Tour talwärts sind rund zwei Stunden zu veranschlagen, wobei bis Scudellate 800 Höhenmetern zu bewältigen sind.

Mehr Informationen zur Wanderung und weitere Tipps bietet die Publikation «Heimatschutz unterwegs – Süsse Früchte goldenes Korn». Sie enthält neben einer Übersichtsbroschüre auch 23 Routenblätter. ISBN: 978-3-907209-00-4; Preis: 28 Franken.

Auflugstipps der Redaktion: Das «Erbauliche» liegt so nah

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Luca Bravo, Unsplash

Weil das Baublatt bis am 2. August in der Sommerpause ist, verrät die Redaktion ihre Favoriten für «erbauliche» Ausflüge. Seien es historische Mauern wie jene des Klosters Muri oder des alten Schlachthauses von Burgdorf, kühlende Stollen oder chinesische Gartenbaukunst – für jedes Wetter ist etwas dabei. 

Alle Ausflugstipps finden Sie unter der Ausgabe Nr. 29/30 in unserem Archiv.

 

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