«Unterm Radar» im SAM: Die Architektur auf Sherlock Holmes Spur

Teaserbild-Quelle: Forensic Architecture

Ob Baugrund analysieren oder mit Mitteln der Architektur Licht in unklare Mordfälle bringen – Architektur ist mehr als entwerfen und bauen. Um diese eher verborgene Seite der Architektur geht es in der Ausstellung «Unterm Radar» des Schweizerischen Architekturmuseums. 

Rekonstruktion des Mordes an Halit Yozgar mit Hilfe eines 1 : 1-Architekturmodells.
Quelle: 
Forensic Architecture

Rekonstruktion des Mordes an Halit Yozgar mit Hilfe eines 1 : 1-Architekturmodells.

Die italienische Alpengrenze zieht sich der Wasserscheide entlang und verläuft grösstenteils durchs Hochgebirge. Sie erstreckt sich über Schneefelder und Gletscher, die wegen des Klimawandels nach und nach schmelzen. Als Folge davon verschiebt sich nicht nur die Wasserscheide, sondern auch die Grenze.

Deshalb haben Italien, Österreich und die Schweiz im Rahmen zweier bilateraler Abkommen 2008 und 2009 den Begriff der «wandelnden Grenze» eingeführt. Wie sich dies auf das geopolitische Verständnis auswirkt, ist eines der Themen der der Ausstellung «Unterm Radar» im Schweizerischen Architekturmuseum in Basel.

Widersprüchliche Zeugenaussage

Obwohl das Bauen meist als Synonym für Architektur gesehen wird und es das Verständnis des Architektenberufs stark prägt, findet ein grosser Teil architektonischer Arbeit vor und nach dem Bauen statt. Etwa, wenn Architekten die Bedingungen eines Geländes untersuchen und so in Gebiete jenseits des Bauplatzes vorstossen. Sie machen auf diese Weise oft Sachverhalte sichtbar, die ansonsten übersehen würden.

Dies gilt für die Untersuchungen der sich verändernden Grenze bei Italien ebenso wie für «forensische Architektur». Sie macht einen weiteren Schwerpunkt der Schau aus: Es werden verschiedene Projekte der Forschungsagentur «Forensic Architecture» präsentiert. Im Auftrag von Betroffenen oder Menschenrechts-, Umwelt- und Medienorganisationen oder internationalen Strafverfolgern bearbeitet sie Fälle von Menschenrechtsverletzungen, politischer Gewalt und Umweltzerstörung.

Dies geschieht, indem architektonische, urbane und territoriale Räume mittels forensischer Analyseverfahren unter die Lupe genommen werden. Einer dieser Fälle war der rassistisch motivierte Mord an Halit Yozgat. Er ist 2006 in Kassel in seinem Internetcafé mit zwei Kopfschüssen umgebracht worden. Mit Hilfe eines 1:1-Modells wurde der Mord rekonstruiert. Dabei stellten sich die Aussagen eines wichtigen Zeugen als widersprüchlich heraus.

Leiter von «Forensic Architecture» ist Eyal Weizman. Der Architekt ist Professor an der Universität von London und Mitglied des Beirats des «Centre for Investigative Journalism». Überdies gehört er zum technologischen Beirat des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag.

Analytischer Blick nach vorn

Mit analytischem Blick lässt sich auch die Zukunft erahnen: Das «Laboratoire Bâle», ein Labor für städtebauliche Studien der ETH Lausanne in Basel, stellte sich im Rahmen der Studie «Swiss Lessons» anlässlich des 200-Jahr-Jubiläums der Bundesverfassung die Frage, wie die Schweiz im Jahr 2048 aussieht.

Ausgehend von einer statistisch begründeten Bevölkerungszunahme von aktuell 8,5 Millionen auf 14 Millionen prognostizierten Studienleiter Harry Gugger und sein Team, wie sich eine solche Entwicklung auf Territorium und Menschen auswirken könnte. Sie gelangten zum Schluss, dass der Druck auf städtische aber auch auf ländliche Gebiete zunehmen und sich die Infrastruktur dramatisch verändern wird. (mai/mgt)

Informationen

Datum: 16.Nov. bis 15.März 2020

Ort: Schweizerisches Architekturmuseum, Basel

Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch und Freitag von 11 bis 18 Uhr; Donnerstag 11 bis 20.30 Uhr; Samstag und Sonntag 10 bis 17 Uhr

Weitere Infos: www.sam-basel.org