07:11 VERSCHIEDENES

Stadtentwicklung Basel: Von der Logistik-Fläche zum smarten Stadtteil

Teaserbild-Quelle: Alexandra von Ascheraden

Ein Areal in Zentrumsnähe eröffnet Basel Chancen zur Stadtentwicklung. Erster Schritt ist eine Zwischennutzung leerer Immobilien im SBB-Güterbahnhof, das «Smart City Lab».

Smart City Lab Basel

Quelle: Alexandra von Ascheraden

Hier geht’s zum Smart City Lab am Basler SBB-Güterbahnhof.

Ein unternutzter SBB-Güterbahnhof mitten in einer Schweizer Grossstadt. Das Areal kann erst in einigen Jahren städtebaulich entwickelt werden. Was tun mit dem Gelände in der Zwischenzeit? Basel hat eine sehr spezielle Lösung gefunden. Eine zukunftsträchtige Zwischennutzung, die auch in die künftige Arealentwicklung mit «eingeknetet» werden kann, «das Ganze maximal durchdrungen mit smarten Technologien» wie es Lukas Ott, Leiter der Kantons- und Stadtentwicklung von Basel formuliert.

In Basel entsteht seit einiger Zeit auf dem so genannten Areal Wolf ein «Smart City Lab», das sich nun zunehmend füllt. In dieser Zwischennutzung können sich aufstrebende Firmen in den vorhandenen, leerstehenden Logistikgebäuden einmieten, gemeinsame Infrastrukturen wie Meetingräume nutzen und so ihre Start-ups zum Laufen bringen.

Wir müssen uns räumlich vernetzen, digitalisieren und intelligente gemeinsame Lösungen entwickeln.

Lukas Ott,  Leiter der Kantons- und Stadtentwicklung von Basel

Lukas Ott,  Leiter der Kantons- und Stadtentwicklung von Basel

Transformation zur Mischnutzung

Das Smart City Lab Basel ist eine gemeinsame Initiative des Kantons Basel-Stadt und der SBB. Lukas Ott stellt klar: «Natürlich steht in der Kantonsverfassung nichts von Smart City. Aber der Handlungsbedarf ist offensichtlich und Smart City passt zu unseren Zielen. Wir müssen uns räumlich vernetzten, digitalisieren, intelligente gemeinsame Lösungen entwickeln.» Das könne nur über Vernetzung gelingen.

Ott weiter: «Im Zentrum steht der Mensch, nicht die Technologie. Das hat einen ganz wichtigen Wertehintergrund. Klares Ziel für Basel ist eine ressourcenschonende, nachhaltige Entwicklung – und hier spielt Smart City ganz klar hinein.» Im Moment sind die Planungen für das 16 Hektar grosse Gelände noch im Gange. Ab 2024 sollen die Baumaschinen auffahren. Zumindest war das der Zeitplan vor der Corona-Pandemie.

Das Smart City Lab soll die Transformation des Areals vom Güterbahnhof zu einer Mischnutzung aus Wohn-, Gewerbe- und Büronutzung begleiten. Im Moment liegt der thematische Fokus der angesiedelten Firmen auf Mobilität und Logistik. 

Durch das reichliche Platzangebot, etwa 160'000 Quadratmeter, vieles davon Lagerhallen, sind allein drei Firmen mit Velokurieren oder Cargo-Rikschas für die Verteilung von Waren auf der letzte Meile in der Stadt angesiedelt.

Das Areal streckt sich etwa 1,2 Kilometer entlang der Gleise aus. Etwa 10 Hektar davon werden in wenigen Jahren also städtebaulich entwickelt. Teilweise bleiben denkmalgeschützte Hallen stehen und verknüpfen so das neue Quartier mit seiner langen Geschichte als reines Güterlogistik-Gelände. 

«Auf dem Transformationsareal soll neuer Wohnraum für etwa 1000 bis 15000 Einwohner entstehen. Es bleiben mittelfristig Logistikflächen erhalten. Ziel ist, dort übergeordnete Logistik mit der letzten Meile, also der Feinverteilung in der Stadt selbst zu vereinen», sagt Ott.

Smart City Lab Basel Kurier

Quelle: Alexandra von Ascheraden

In die Lagerhallen sind bereits mehrere Firmen mit Velokurieren oder Cargo-Rikschas eingezogen.

Über 30 Firmen angesiedelt

Die Leiterin von Smart City, Anja Riedle, erläutert: «Unser Lab hat im April 2019 eröffnet. Mittlerweile beherbergt es über 30 Firmen und Institutionen. Es ist alles sehr dynamisch. Manche Start-up-Unternehmen ändern sogar nochmals ihren Namen, nachdem sie hier eingezogen sind.» Einzelne Partner hätten sich bereits vernetzt und seien dabei, gemeinsame Pilotprojekte zu entwickeln.

Als einfaches Beispiel nennt sie die Kooperation der auf dem Areal ansässigen Kantine mit einem Entsorgungsunternehmen. Die Rüstabfälle der Kantine werden durch den Verein Radschaft, der auch im Quartier Biomüll einsammelt, direkt auf dem Areal kompostiert. 

Das, was man aber mit der Smart-City-Idee eigentlich verbindet, braucht offenbar noch Anlaufzeit. Wirklich «smarte» Anwendungen sind bisher noch spärlich. Eine Strassenlaterne etwa, die dank Sensoren ihr Licht nach Bedarf ein- und ausschaltet, steht schon. Hier ist noch viel Potential offen.

Smart City Lab Basel  «enuu»

Quelle: Alexandra von Ascheraden

Die Elekroflitzer von «enuu» eignen sich nur für eine Person, benötigen aber wenig Abstellplatz.

Verwaltungsdaten öffentlich

Die Hoffnungen von Seiten der Stadt sind gross, und sie ist auch bereit, zu investieren. So gab es eigens eine Pressekonferenz im Smart City Lab, an der Behörden vorstellten, was sie von ihrer Seite tun, um Smart-City-Anwendungen zu ermöglichen, die auch frei zugängliche Behördendaten, so genannte Open Government Data, einbeziehen. 

Seit Januar 2019 gibt es beim Statistischen Amt eine eigene Fachstelle Open Government Data. Die Leiterin des Statistischen Amts, Madeleine Imhof, stellte fest: «Dem liegt ein eigentlicher Paradigmenwechsel zugrunde. Verwaltungsdaten sind nun prinzipiell öffentlich.»

Sie könnten jedoch unter Verschluss gehalten werden, wenn etwa in begründeten Fällen Personen- oder Datenschutz vorrangig zu werten seien. «Gerade die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie wichtig es ist, gute, schnell verfügbare Daten zu haben», erklärt Imhof. Die Digitalisierung habe die Daten zu einem wertvollen Gut werden lassen. Ihre Inwertsetzung benötige aber eine qualitativ gute Infrastruktur. 

Die saubere Abbildung der Metadaten sei sehr viel aufwendiger, als sich der Laie das vorstellen könne, betont Imhof. «Medienbruchlose, schnelle Verfügbarkeit, vollständige und ausführliche Metadaten, klare Definitionen – für all das müssen wir im Hintergrund sorgen, damit die Daten sinnvoll genutzt werden können.»

Gerade die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie wichtig es ist, gute, schnell verfügbare Daten zu haben.

Madeleine Imhof, Leiterin des Statistischen Amts Basel-Stadt

Madeleine Imhof, Leiterin des Statistischen Amts Basel-Stadt

Der aktuelle Stand seien 85 veröffentlichte Datensätze. Der jüngste beschäftigt sich mit illegalen Deponien. Auch über die Nutzung der Datensätze gibt sie bereitwillig Auskunft: «Unsere Nummer eins bei den Downloads sind die BVB-Fahrgastzahlen mit mehr als 5000 Zugriffen. Direkt darauf folgen die Covid-19-Zahlen.»

«Growcer»

Quelle: Alexandra von Ascheraden

Alternative Pflanzenanzucht bei «Growcer».

Neue Anbaumethoden

Einige der Projekte, die im Smart City Lab angesiedelt sind, sind den Kinderschuhen bereits entwachsen. Dazu gehört «Growcer», das mit Urban Farming Methoden Salate und Kräuter anbaut. Die Pflanzen wachsen unter künstlicher Beleuchtung und werden vollautomatisch mit einer Nährstofflösung versorgt. Pestizide sind mangels Kontakt zur Aussenwelt nicht nötig. 

Der Wasserbedarf ist durch die punktgenaue Bewässerung und Klimatisierung minimiert. Die «Beete» sind vier Meter hoch und stehen senkrecht im Raum. Durch die vertikale Anordnung kann die Anbaufläche deutlich erhöht werden. Das Unternehmen liefert sein Thai-Basilikum und diverse Salat-Sorten direkt an die Basler Migros-Filiale im MParc am Dreispitz. Noch kürzere Wege sind kaum denkbar.

Neben mehreren Velokurierdiensten ist seit kurzem auch ein Vermieter von knubbeligen Elektrofahrzeugen am Start im City Lab. Enuu gibt es seit 2017 in Biel, seit etwas über einem Jahr in Zürich. 

In Zürich allerdings sorgten achtlos und verkehrsbehindernd abgestellte Fahrzeuge schnell für Ärger, so dass aus 150 Fahrzeugen schliesslich mangels Abstellplätzen und durch Vandalismus nur noch zwanzig wurden. Zu wenig für den rentablen Betrieb.

Nun stehen sie also in Basel. Gefördert mit 65000 Franken aus dem Pendlerfonds. Die zentrumsnahen Veloabstellplätze quellen auch in Basel seit Jahren über. Es wird spannend sein, zu beobachten, wie sich die Enuus da einpassen. Die Idee des Dienstes ist es, Mikromobilität mit leichten Elektrofahrzeugen anzubieten, die, anders als etwa Elektro-Roller, auch Witterungsschutz bieten.

Mehr als eine Person und eine Einkaufstasche passen nicht hinein. Dafür darf das Gefährt auf Velowegen unterwegs sein, darf abgestellt werden, wo Velos parkieren dürfen, und benötigt nur einen Moped-Führerschein. Maximal 35 Kilometer pro Stunde sollen möglich sein.

Smart City Lab Basel «upvolt»

Quelle: Alexandra von Ascheraden

Das Unternehmen «upvolt» bereitet gebrauchte Lithium-Ionen-Batterien und alte Velobatterien auf.

Alte Akkus neu bestückt

Dem «Upcycling» und der Lebensdauerverlängerung gebrauchter Lithium-Ionen Batterien hat sich «upVolt» verschrieben. Nachdem sie für ihre Erstanwendung nicht mehr geeignet sind, werden sie in der Werkstatt für eine Zweitanwendung wieder hergerichtet. Danach können sie für weitere zehn Jahre benutzt werden, etwa für den Betrieb einer stationären Speicheranlage für Solarstrom. 

Auch alte Velo-Akkus bereitete «upVolt» durch Zellentausch auf und schenkt ihnen so ein zweites Leben. Gerade für Besitzer älterer E-Bikes ein wertvoller Service, da sie vom Hersteller häufig keine Akkus mehr beziehen können.

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