Europäische Tage des Denkmals: Die Farben der Architektur

Teaserbild-Quelle: Museum Langmatt
Die Farben der Architektur

Farben bewusst wahrnehmen – darum ging es an den vergangenen Europäischen Tagen des Denkmals. Sie zeigten, wie gross die Palette des Themas ist. Das Baublatt war vor Ort, oder vielmehr einmal an der Römerstrasse von Winterthur und einmal an der Römerstrasse von Baden.

Das besuchte Axa-Bürogebäude in Winterthur stammt aus den frühen 1960er-Jahren. Es ist seit 2013 im Inventar schützenswerter Bauten und wird sanft renoviert.
Quelle: 
Manuel Pestalozzi

Das besuchte Axa-Bürogebäude in Winterthur stammt aus den frühen 1960er-Jahren. Es ist seit 2013 im Inventar schützenswerter Bauten und wird sanft renoviert.

Die Auswahl der Termine war gross, entsprechend intensiv konnte man sich quälen beim Entscheid, wo man denn hinreisen soll. Der Berichterstatter entschied sich für Veranstaltungen, die eine Nähe zum Baubetrieb versprachen. Dass die Zieldestination in beiden Fällen die Römerstrasse war, aber in unterschiedlichen Städten, wurde ihm erst danach bewusst. Eigentlich gibt es dem Wochenende einen angemessen Rahmen. Auf der antiken Wegstrecke zwischen Brigantium (Bregenz) und Augusta Raurica (Kaiseraugst) liegen tatsächlich zahlreiche Perlen der baulichen Vergangenheit unseres Landes. - Veranstaltet wurden die vielen Führungen von den Fachstellen für Archäologie und Denkmalpflege, dem Bundesamt für Kultur, der Nationalen Informationsstelle zum Kulturerbe (Nike) sowie weiteren am Kulturerbe interessierten Organisationen und Personen. Das schöne Spätsommerwetter lockte, Nike zählte in einer ersten Bilanz rund 53000 Teilnehmende. 

Winterthur: Spätmodernes Bürogebäude der Axa

In Winterthur führt die Römerstrasse vom Obertor am Rand der Altstadt nach Nordosten, in Richtung Oberwinterthur, einst Standort der römischen Siedlung Vitudurum. Bis heute ist sie eine Hauptverkehrsachse. Dass sie früher durch eine Vorstadt mit prunkvollen Villen führte, ist dank der parkartigen Durchgrünung des Quartiers bis heute spürbar.

Auch das Bürogebäude an der Römerstrasse 17 steht im Park einer früheren Villa. Diese musste allerdings schon anfangs der 1930er-Jahre dem repräsentativen Hauptsitz der Winterthur Versicherungsgesellschaften beim Obertor weichen.

Das Besuchsobjekt wurde von 1959-1961 als freistehender Ergänzungsbau errichtet, bei dem es sich um eine längliche, auf einem strengen orthgonalen Raster basierende fünfgeschossige «Box» handelt. Sie ist im Besitz der Axa, einer Nachfolgerin der Winterthur Versicherungsgesellschaften.

Zum Besichtigungstermin versammelten sich die Teilnehmenden an der Strasse, vor dem Haupteingang in der schmalen Südfassade. Sie warteten vor einem Baugitter auf Kunststoff-Wabenplatten. Denn das Gebäude wird aktuell saniert und soll im nächsten Jahr bezugsbereit sein. Schon die Gebäudehülle liess erahnen, weshalb die Führung unter dem Motto «Eigenfarben» stand.

Die Fassade ist verkleidet mit grossformatigen Aluminiumplatten, die nicht eingefärbt sind. Jede dieser Platten weist eine eigene Oberflächenstruktur auf. Hier weicht der Bau ab vom ansonsten sehr nüchternen und sachlichen architektonischen Konzept ab. Die «wilden» Strukturen und Farben der Oberflächenmaterialien sind die Extravaganz, die sich die Zweckarchitektur der 1960er-Jahre leistete.

Gussaluminium als «letzter Schrei»

Henriette Hahnloser, Projektleiterin der städtischen Denkmalpflege von Winterthur, und Yassir Osman, Architekt und Partner bei Moka Architekten, Zürich, empfingen ihre Gäste im Erdgeschoss, das nach allen Seiten offen ist. Die aus der Fassade zurückversetzte Verglasung und ein gedeckter Umgang gewähren nach allen Seiten eine Durchdringung des Innenraums mit der Parklandschaft. Die Massnahme verweist auf den ursprünglich verantwortlichen Architekten Edwin Bosshardt (1904-1986), der einige Zeit im Büro von Le Corbusier arbeitete.

«Wir sind sehr froh, dass sich dieses Gebäude 2013 ins Inventar schützenswerter Bauten aufnehmen liess», meinte Henriette Hahnloser. Noch immer würden die historischen Werte von Gebäuden aus den 1960er-Jahren häufig nicht erkannt. Bei diesem Bürogebäude habe der Heimatschutz mit überzeugenden Argumenten gegen die geplante Auswechslung der Fassade erfolgreich opponiert. Die Bauherrin hatte ein Einsehen.

Die Fassadenelemente stammten übrigens von der Firma Georg Fischer aus Schaffhausen, die für Druckgussprodukte bekannt ist. Die Paneele aus Gussaluminium waren damals offenbar der «letzte Schrei». Yassir Osman erzählte, er befasse sich mit diesem Erzeugnis auch bei einer anderen Sanierungsaufgabe an der Bahnhofstrasse in Zürich.

Die von der Decke abgehängte Wendeltreppe mit den Mahagonistufen ist gut eingepackt. Die Architekten konnten über dem Treppenauge eine neue Dachöffnung einfügen.
Quelle: 
Manuel Pestalozzi

Die von der Decke abgehängte Wendeltreppe mit den Mahagonistufen ist gut eingepackt. Die Architekten konnten über dem Treppenauge eine neue Dachöffnung einfügen.

Die Oberflächen mit ihrer «differenzierten Schrumpfstruktur» erinnern an eine Mondlandschaft. Das Produkt stellt einerseits einen Bezug her zum grenzenlosen Optimismus der Entstehungsepoche. Andererseits bezeugen sie die Vielfalt der Angebote in den Baukatalogen. «Die Baukataloge vermittelten in den 1960er-Jahren ein Gefühl von unendlichen Ressourcen», meinte Henriette Hahnloser.

Die Sanierung erfolgt auf Basis eines Gesamtleistungswettbewerbs, den Moka zusammen mit dem Totalunternehmer Losinger Marazzi für sich entscheiden konnte. Alle Beteiligten bemühen sich um den weitestgehenden Erhalt der bestehenden Strukturen und Oberflächen. Das Gefühl der damaligen Epoche, inklusive «dunkel-trübe Farbigkeit» soll in die Gegenwart hinübergerettet werden.

Der Stahlskelettbau erlaubt es, einen grossen Teil der einst Kleinbüros einfassenden Trennwände zu entfernen. In die massiv gebaute Kernzone durften die Architekten eine «Bresche» schlagen. Die Eingänge zur Liftgruppe beim Haupteingang wurden neu nach innen orientiert. Bei den Brandschutzmassnahmen zeigten sich die zuständigen Behörden zu Gunsten einer konservatorischen Lösung nachsichtig. «Wir hatten die Möglichkeit, Anliegen der Denkmalpflege in unser Konzept einzuweben», kommentierte Yassir Osman das Vorgehen.

Farbunterschiede und Nutzungsspuren

Das Sanierungskonzept des Axa-Bürogebäudes ist eine Kombination von alten und neuen Oberflächen. Im Erdgeschoss bleiben der graue Natursteinbelag und die Schieferplatten als Wandbekleidung erhalten. In den Obergeschossen sind es die Schreinerarbeiten aus Ulmenholz, darunter Wandschränke und Türen mit vorkragenden «Gesimsen» für die Leuchtkörper.

Neue Teile sind mit demselben Holz furniert. Farbliche Differenzen und Nutzungsspuren von Bauteilen nimmt man bewusst in Kauf. Den Projektverantwortlichen gelang es,  die Bauherrschaft zu diesem nicht selbstverständlichen Entscheid für diese Art von Erhalt zu bewegen.

Besonders stolz ist Yassir Osman auf das Freispielen der repräsentativen Wendeltreppe. Die Stahlkonstruktion mit Stufen aus Mahagoniholz ist von der Decke abgehängt. Moka gelang es, den Brandabschnitt dank Klapptoren, die bündig in die bestehenden Schreinerarbeiten integriert sind, auf die Korridorzone auszudehnen, sodass die skulpturalen Qualitäten der Treppe ungehindert sichtbar werden. Eine neue Dachöffnung macht aus dem Treppenauge ein Lichtbrunnen.

Für die Ausstattung hat das Team von Moka eine «Farbklaviatur» entwickelt. «Die Grundtöne sind Blaugrau, Grün und Curry», erläuterte Yassir Osman. Sie dienen als Grundlage für die Wahl von Textilien wie die Vorhänge im Korridorbereich und das Mobiliar. Passendes Mobiliar zu finden, ist gar nicht so schwierig, stellte der Architekt fest, zumal der Einrichtungsstil von damals dem aktuellen nah verwandt ist.

Baden: Villa der Stiftung «Langmatt Sidney und Jenny Brown»

Im Vergleich zur Winterthurer Römerstrasse ist jene von Baden weitaus ruhiger. Obwohl sie einst wohl von den Heilquellen von Aquae Helveticae ins Militärlager Vindonissa führte, markiert sie an der steilen, bewaldeten Hangkante über der Limmat eine Randlage, mit nahem Bezug zum Zentrum allerdings.

Diese Lage wurde  für den Bau von Villen genutzt, wie 1900/1901 auch vom jungen Ehepaar Sidney W. Brown und seiner Frau Jenny, geborene Sulzer. Sie waren Miteigentümer der Firma Brown, Boveri & Cie., die heute zum ABB-Konzern gehört, die sich auch der Sammlung von Kunstwerken widmeten. Der letzte der drei kinderlosen Söhne des Paars verstarb 1987, nach seinem testamentarischen Willen ging das Anwesen mit dem wertvollen Inhalt an die Stiftung «Langmatt Sidney und Jenny Brown».

Der Galerietrakt der Villa Langmatt mit Bildern von Renée Levi, die noch bis am 12. Dezember ausgestellt sind.
Quelle: 
Museum Langmatt

Der Galerietrakt der Villa Langmatt mit Bildern von Renée Levi, die noch bis am 12. Dezember ausgestellt sind.

1990 wurde die Villa an der Römerstrasse 30 unter Denkmalschutz gestellt und als Museum eröffnet. Neben der Sammlung des Museums, das wichtige Werke bedeutender Maler der französischen Renaissance umfasst, sind auch Wechselausstellungen zu sehen wie aktuell noch bis am 12. Dezember die Werke der Künstlerin Renée Levi, einer frühen Mitarbeiterin des Architekturbüros Herzog & de Meuron.

Zur Führung «die Farben der Langmatt» lud am 15. September Markus Stegmann, Direktor des Museums. Wie die Stiftung steht auch er in der Pflicht, das Haus als das zu erhalten, was es ist - und was es war? Herrje, es wird kompliziert! Denn die Villa hat in architektonisch-gestalterischer Hinsicht eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Der Ursprungsbau ist von Karl Moser (1860-1936). Der Architekt stammte zwar aus Baden, zur Zeit der Planung führte er allerdings zusammen mit Robert Curjel ein international tätiges Büro in Wiesbaden. Moser fügte der Villa 1906 im Westen einen Galerieflügel an.

Das «Pathos» von Karl Moser

In den 1920er Jahren fand eine «Französisierung» des Inneren statt. «Mosers Pathos entsprach der Familie nicht», kommentierte Stegmann die Änderungen im Grundriss. Ausserdem wechselte das Ziel der Sammlertätigkeit von der Münchner Schule, die zur Jahrhundertwende en vogue war, hin zum erwähnten, älteren französischen Impressionismus. Die passende Architektur zur ausgestellten Kunst, könnte man dazu sagen. Der schöne Garten entwarf übrigens Otto Fröbel (1844-1906), ein Gestalter, den man «europäisch» nennen kann. 

Vorläufig wird das Haus so, wie es aktuell existiert, betrieben. «Wenn etwas geändert wird, muss alles konserviert werden. Das können nur zertifizierte Handwerker», erklärte Stegmann die Sachlage. Nur schon der gerissene Gurt eines Rollladens kann eine umständliche Suche nach Spezialisten auslösen.

Eine umfassende Sanierung, die sich – nur schon zum Schutz der Exponate – aufdrängt, wird ins Geld gehen. Seit 2017 erarbeitet Heller Enterprises des «Expo.02»-Managers Martin Heller das Konzept «Zukunft Langmatt». «Die Studie steht kurz vor dem Abschluss», berichtete der Museumsdirektor, «sie geht anschliessend an Badens Einwohnerrat. Es wird nochmal dauern.»

Markus Stegmann, Direktor des Museums Langmatt, präsentiert ein «Farbfundstück». Dieses Fragment der ursprünglichen Wandbespannung des Galerietrakts führte zur aktuellen, mit der Denkmalpflege erarbeiteten Lösung.
Quelle: 
Manuel Pestalozzi

Markus Stegmann, Direktor des Museums Langmatt, präsentiert ein «Farbfundstück». Dieses Fragment der ursprünglichen Wandbespannung des Galerietrakts führte zur aktuellen, mit der Denkmalpflege erarbeiteten Lösung.

Farbabenteuer: unpassendes Rot und «schreckliches Orange»

Das Thema Farbe bot in Baden Anlass für interessante Einblicke. Der erste betraf die textile Wandbespannung in der Galerie. Dort traf der neue Direktor auf ein unpassendes Rot, das ihm als Hintergrund für impressionistische Tableaus als unangebracht erschien. Die Denkmalpflege beschied ihm, er müsse einen Änderungswunsch mit Zeitzeugnissen begründen.

Es folgte ein Abtauchen ins riesige, aber noch weitgehend unkatalogisierte Dokumentationsarchiv der Villa. Dort fand Stegmann Gegenstände, die er seinen Gästen stolz präsentierte: historische Fotos, ein Kartonmodell der Galerie, angefertigt von französischen Architekten, die auch eine detaillierte Hängeordnung zeigt.

Und schliesslich ein Stück Stoff, das sich klar der ursprünglichen Bespannung zuordnen liess! Bloss zeigte es auf der einen Seite ein «schreckliches Orange», auf der anderen ein zum Grün tendierendes Grau. Anhand von historischen Farbfotos kam man zum Schluss, dass das Orange auf eine spätere Übermalung zurückzuführen war, woraus sich folgern liess, dass es sich beim grünlichen Grau um den originalen Farbton handelt.

Nach Verhandlungen war die Denkmalpflege schliesslich einverstanden mit einem stärker ins Grau tendierenden Farbton. Mit der Hilfe des Farbspezialisten Beat Studer galt es anschliessend, in Europa eine Weberei zu suchen, die den Stoff auch wie gewünscht herstellen kann – und wurde bei einem Unternehmen in Bayern fündig.

Die neue Bespannung bewährt sich nun seit 2016 und bietet auch den Megabildern von Renée Levi einen passenden Hintergrund. Auf die Frage, ob diese Wandfarbe nun speziell zum französischen Impressionismus passe, meinte Stegmann: «Nein, eigentlich eher zur Münchner Schule.» Für sie war die Galerie beim Bau 1906 schliesslich auch gedacht.

Das zweite «Farbabenteuer» betraf die gestrichenen äusseren Holzpartien, namentlich das Fachwerk beim Gartenflügel, dessen Architektur von traditionellen Bauten im Rheinland und der englischen Arts and Crafts-Bewegung beeinflusst ist, und bei den Dachlukarnen. Hier finden sich primär verschiedene Grüntöne, Teile sind aber auch in roter Farbe gehalten.

Auch in diesem Fall mussten Belege zum ursprünglichen Zustand ausfindig gemacht werden. Und abermals konnte Stegmann Hinweise finden: Er konnte seinen Gästen ein Aquarell von Jenny Brown-Sulzer aus dem Jahr 1901 präsentieren, der Hausherrin also. Das schöne Architekturbild, noch ohne den Galerieanbau allerdings, zeigt klar: Die Holzteile waren hellgrün!

Untersuchungen ergaben, dass sie in den vergangenen 120 Jahren viermal überstrichen wurden – die zweite Version war rot. Auf eine Ölfarbe folgte demnach zuerst ein roter und dann ein grüner Kunstharzanstrich, dann kam grüne Aussendispersionsfarbe zum Einsatz. Ziel sei es nun, den Zustand der ersten Phase wieder herzustellen, so Stegmann.

Denkmalschutz, so lässt sich das Fazit nach den anregenden Besuchen ziehen, ist spannend, aber auch zeitaufwendig und kostspielig. Manchmal ist «Reinheit» geboten, manchmal bringt ein wohlüberlegtes «Gebastel» vielleicht sogar tiefere Einsichten. Wichtig ist, dass man sich gründlich Gedanken zum Zielpublikum und seiner Auffassungsbereitschaft macht. Denn Denkmalpflege darf keine Liebhaberei für Spezialistinnen und Spezialisten sein.

Autoren

Freier Mitarbeiter für das Baublatt.