Buchtipp zum Mondlandungs-Jubiläum: Architektur zum auf den Mond schiessen

Teaserbild-Quelle: European Space Agency, Foster + Partners
Architektur zum auf den Mond schiessen

50 Jahre ist es her, seit mit Neil Armstrong der erste Mensch seinen Fuss auf den Mond gesetzt hat. Zeit für eine Entdeckungsreise auf dem Erdtrabanten. Ein ausserirdischer Architekturführer macht es möglich.

Nach rund drei Tagen war es soweit. Die Raumkapsel der Apollo 11 setzte nach mitteleuropäischer Zeit in den frühen Morgenstunden des 21. Juli 1969 auf der Mondoberfläche auf. Aus der über 384 000 Kilometer entfernten Kraterlandschaft erreichten die Erde schemenhafte Bilder: Beinahe die ganze Welt war am Fernseher dabei, als Astronaut Neil Armstrong aus der Kapsel kletterte und als erster Mensch den Erdtrabanten betrat. Mit der Mondlandung war ein Menschheitstraum in Erfüllung gegangen. Als bislang einziger Himmelskörper, der jemals von Erdbewohnern besucht worden ist, beflügelt der Mond die Phantasie und die wissenschaftliche Abenteuerlust bis heute. Davon erzählt Paul Meuser in seinem «Architekturführer zum Mond».

 

Mondbasis, Visualisierung.
Quelle: 
Barmin Design Bureau of General Engineering

Darstellung der dreistufigen Mondbasis aus aufblasbaren Modulen (um 1972).

«Es mag auf den ersten Blick verwundern, dass mit dem Buch ein Architekturführer für den Mond zusammengestellt wurde», schreibt Meuser im Vorwort und verweist auf den österreichischen Architekten Hans Hollein (1934 – 2014). Hollein sah die Architektur als «Kreation eines dreidimensionalen Gebildes, das den Erfordernissen als Definition des Raumes, als schützende Umhüllung, als Gerät und Werkzeug, als psychisches Mittel und als Symbol» dient. Wenn dem so sei, so Meuser, verfüge der Mond längst über Dutzende Orte, die irgendwann in ferner Zukunft als Denkmalorte in eine Liste eingetragen würden. Die Liste gibt es in gewisser Weise schon – in Form seines Architekturführers.

Die Aufzählung beginnt nicht mit Armstrong und Co., sondern früher. Zumal den Russen bereits zehn Jahre vor den Amerikanern mit der Sonde «Luna 2» der erste physische Kontakt mit der Mondoberfläche gelungen ist. Dies, nachdem ihre Vorgängerin an ihrem Zielort wegen ungenauer Berechnungen vorbeigedüst war. Das nach der römischen Mondgöttin benannte Raumfahrtprogramm der Sowjetunion hatte einen Wettlauf zwischen den beiden Supermächten um den Mond entfacht.

Russische Weltraumarchitektin

Eine der derjenigen, die ihn aus nächster Nähe miterlebt haben, ist Galina Balaschowa. 1931 geboren, studierte sie in Moskau Architektur und entwarf im Auftrag von Sergei Pawlowitsch Koroljow, dem Chefkonstrukteur des sowjetischen Raketenprogramms, 1963 ein Wohnmodul für das Sojus-Raumschiff. Später sollten weitere Projekte folgen.

Galina Balaschova und Paul Meuser.
Quelle: 
DOM pubslishers Abbildung

Weltraumarchitektin Galina Balaschova und Paul Meuser.

«Es hatte sich herausgestellt, dass man in der Schwerelosigkeit so projektieren muss wie unter Bedingungen, in denen Schwerkraft herrscht, denn es ist unmöglich ohne Fussboden und Decken zu leben», erzählt sie im Interview mit Meuser. Für den Komfort brauche es die Schwerkraft. Je erdbezogener das Interieur sei, desto besser eigne es sich für die Schwerelosigkeit. Um die Illusion von oben und unten zu vermitteln, gestaltete Balaschowa den Boden dunkel, die Decken hell. Allerdings funktionieren nicht alle Farben gleich. «Dass die Farbe Grün eine zentrale Rolle einnehmen würde, stand relativ früh fest. Für das Sofa hatte ich zunächst die Farbe Rot gewählt, doch das ist keine sehr gelungene Lösung. Rot erscheint im Kosmos schwarz, Grün verändert sich aber nicht.»

Balaschowa war die einzige, die sich mit der Architektur der Innenräume befasste. Nachdem Koroljow gestorben war, habe das Thema niemanden mehr interessiert. «Das ist ein wesentlicher kultureller Unterschied zwischen den Russen und den Amerikanern, die beispielsweise die Raumstation Skylab gestaltet und damit ein spezifisches Architektur- und Raumverständnis entwickelt haben.» Die Russen hätten es meist nicht verstanden, Architekten zu involvieren, so Balaschowa. «Bei uns gab es Klettbänder an den Turnschuhen und an den Kleidern, bei den Amerikanern gab es Nischen – also eine räumliche Lösung! – bei denen die Kosmonauten ihre Füsse mit einer speziellen Vorrichtung verankerten.»

Bauen mit Mondstaub

Das Interview ist eine von verschiedenen Hintergrundgeschichten, mit denen Meuser seine Übersicht über vergangene, aktuelle und geplante Mondprogramme und -missionen ergänzt. Ein Ausflug in die Kulturgeschichte des Mondes gehört ebenso dazu wie ein Blick in die Zukunft zur Mondarchitektur. Für diesen konnte Meuser Olga Bannova gewinnen. Sie ist Direktorin des Masterprogramms «Science in Space Architecture» und des «Space Architecture Center of the College of Engineering» der Universität in Houston.

Eine der Strategien staatlicher Mondprogramme: eine ortsfeste Mondstation und der Abbau von Bodenschätzen. 
Quelle: 
European Space Agency, Foster + Partners

Eine der Strategien staatlicher Mondprogramme: eine ortsfeste Mondstation und der Abbau von Bodenschätzen. 

Eine «architektonische Vision» zusammen mit ingenieurtechnischem Wissen könnte laut Bannova dereinst Mondstädte ermöglichen, deren Gestaltung sich am Menschen orientiert. Sie stellt sich grossflächige Siedlungen in Kratern und Lavatunneln vor. Aber auch Bauten auf der Oberfläche unter Strukturen, die sie vor äusseren Einflüssen schützen. Sie könnten mittels 3D-Druck und aus Regolith – oder vielmehr Mondstaub – hergestellt werden. Wie Bannova ausführt, eignet sich allerdings nicht jeder Platz für solche Baustellen. Für die Verarbeitung von Mondstaub mittels 3D-Druck braucht es gemässigte Temperaturen, somit kämen dafür vor allem die Mondpole infrage. Ob dies dereinst tatsächlich der Fall ist, wird sich zeigen. Bis dahin kann man sich aber mit dem Architekturführer immerhin gedanklich auf dem Mond auf Entdeckungstour begeben. Denn wie es sich für einen Reiseführer gehört, bietet er neben Informationen zum Reiseziel auch eine Karte dazu.

Architekturführer Mond, Paul Meuser, 
DOM Publishers, 336 Seiten, 500 Abbildungen, 
ISBN 978-3-86922-669-9, ca. 52 Franken 90

Autoren

Chefredaktorin Baublatt

Ihre Spezialgebiete sind Architekturprojekte, Kultur- und Wissenschaftsthemen sowie alles Schräge, was im weitesten Sinn mit Bauen zu tun hat.

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