Archiv-Geschichten: Der Schweizerische Hotelbau

Teaserbild-Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Unbekannt / Ans_03091 / Public Domain Mark
Der Hotelbau vor 98 Jahren

Ein Ingenieur schreibt um 1920 über den schweizerischen Hotelbau: Nach ihm gehöre der Prunk einiger Hotels eher in ein Schloss und der Bau sei wegen des Weltkriegs teurer geworden. Der Autor ist zudem überzeugt davon, dass das Flugwesen künftig wesentlich zum Hotelbau beitragen wird.

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ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Unbekannt / Ans_03091 / Public Domain Mark

Das Hotel Central in Zürich ist eines der bekanntesten Hotels in der Stadt. Wie vor mehr als 100 Jahren, erkennt man es auch heute noch am Schild "Central".

Dritte Geschichte: «Der schweizerische Hotelbau»


Von Ingenieur und Architekt John Diethelm – Erschienen am 11. Dezember 1920.

Der Hotelgast muss natürlich für alle Bequemlichkeiten und für die reiche Ausstattung, die er in dem neuzeitigen Hotel beansprucht und auch vorfindet, bezahlen. Und es fanden sich bei dem gewaltigen Aufschwung von Handel und Industrie zu Ende des vergangenen Jahrhunderts auch Leute genug, die mit dem Gelde nicht zu rechnen brauchten.

Bei einer solchen Betrachtung drängt sich einem unwillkürlich die Frage auf, haben wir die höchste Stufe in der Anwendung der im Hotelbau dem Gast zugutekommenden technischen und prunkvoll künstlerischen Mittel erreicht, oder ist eine Steigerung noch möglich? Wird uns gerade die Technik nicht noch mehr Überraschungen bringen, welche ungeahnte Unannehmlichkeiten zutage fördert? Dies sind alles Fragen, welche zur Umgestaltung des Hotelbaues nicht unwesentlich beitragen könnten.

Ich stehe auf dem Standpunkt, dass es wie überall, so auch hier, eine Grenze gibt, dass der Hotelbau heutzutage eine derartige verschwenderische Berücksichtigung der Lebensgewohnheiten der Gäste gefunden hat und den Ansprüchen derselben in so weitgehendem Masse entgegengekommen ist, dass eine Steigerung kaum noch möglich ist, ohne die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens zu schädigen. Ausgenommen sind natürlich Neuerungen, welche den eigentlichen Hotelbetrieb erleichtern und verbilligen und somit dem Wirte wieder zugutekommen.

Ich habe jetzt bei meinen Betrachtungen hauptsächlich die Innenausstattung der neuzeitigen Luxushotels im Auge, die ich wegen ihres zum Teil unangebrachten Aufwandes, worauf ich in meiner Arbeit schon verschiedentlich hinwies, nicht ganz am Platze finde. Dies gilt vielleicht weniger für die Schweizer Hotels, welche in dieser Hinsicht noch massvoller sind als verschiedene Hotels anderer Staaten, wie z.B. in Deutschland und Amerika.

Immerhin haben diese Länder den Schweizerischen Hotelbau nicht unwesentlich beeinflusst, so dass die Schweiz, um mit dem Strom zu schwimmen, genötigt war, in der Innenausstattung ihrer Hotels bedeutende Zugeständnisse zu machen, da die Fremdenindustrie auf den ausländischen Zustrom angewiesen ist.

Ausschalten muss man natürlich diejenigen Hotels welche mehr Geschäftszwecken dienen und diesem Umstande auch dadurch Rechnung tragen, dass sie bescheidener ausgestattet sind, da sie nur dem vorübergehenden Aufenthalt ihrer Gäste, den Geschäftsreisenden, dienen. Ebensowenig kommen diejenigen Hotels in Frage, welche einen Übergang vom Geschäftshotel zum erstklassigen Grossstadt-, See-, Sport- und Landhotel darstellen. Es ist allerdings lobend hervorzuheben, dass die neuen Luxushotels, besonders die Deutschen zum grössten Teil eine ausserordentliche Gediegenheit und künstlerische Vollendung ihrer Bauweise darstellen. Ich denke dabei ganz besonders an das Hotel Adlon in Berlin.

Während in der Schweiz, bei dem Mangel an grossen Städten, die Hotels zum grössten Teil von «Fremden» besucht werden, so bildet in anderen Ländern der grössere Prozentsatz der Grossstadt-Hotelbesucher der Ortsansässige, welcher im Restaurant speist oder sich zum Fünfuhrtee einfindet. Man betrachte aber einmal nicht nur die deutschen Luxushotels, sondern auch die Rassehäuser, grossen Weinrestaurants und Rurhäuser in genanntem Lande. Es strotzt darin förmlich von Seide, Bronze, Gold und anderen kostbaren Stoffen.

Da kann man oft die Beobachtung machen, wie unangebracht ein solcher Prunk ist, der eher in ein königliches Schloss passt, als für Räumlichkeiten, die dem öffentlichen Verkehr und Besuch zur Verfügung stehen. Es treten dabei oft zu grosse Gegensätze auf, wenn man z.B. auf einem reich vergoldeten Stuhl mit Seidenbezug einen biederen Bürger im Lodenanzug sitzen sieht, dem natürlich niemand dieses Recht bestreiten will und kann, da er ebenso gut wie der vornehme Lebemann seine Kurgebühr bezahlt.

Solche Wiedersprüche in Bezug auf Raumausstattung zum Äusseren der sich in diesen Räumen aufhaltenden Welt findet man natürlich weniger in den teuren Luxushotels, deren Besuch schon die erhöhten Preise nicht jedermann gestatten. Immerhin wäre auch hier ein grösseres Masshalten in Bezug auf Anwendung von kostbaren Ausstattungsstoffen am Platze.

Ich bemerkte bereits, dass darin die äusserste Grenze des erlaubten erreicht sein dürfte. Der Weltkrieg wird darin in seinen Folgen von selbst eine gewisse Vereinfachung zeitigen. Es wird natürlich mit der Zeit wieder einen Ausgleich geben, aber die unmittelbare Folge des Weltbrandes wird doch die sein, dass der Hotelier und der Architekt genötigt sein werden, mit bescheidener Mittel künstlerisch Gutes zu schaffen. Es ist dies natürlich nicht von Schaden, denn gerade in dieser Einfachheit wird der Künstler seine hohen Leistungen zeigen können.

In dem erschwerten Lebenskampf werden viele Hotelgäste, bis der genannte Ausgleich geschaffen ist, nicht mehr in der Lage sein, für ihren Lebensgenuss so viel Geld auszugeben wie früher. Und der Hotelier wird bei einem Neubau dort sparen müssen, wo diese grössere Sparsamkeit am Platze ist, und das ist bei der Üppigkeit in der Raumausstattung. Auch das Bauen an und für sich ist wesentlich teurer, als es vorher war. Der Gast wird sich aber in gediegenen einfachen Räumen ebenso wohl, wenn nicht wohler fühlen, als in den übertriebenen prunkhaften Auswüchsen jüngst verflossener Zeiten.

Man wird bestrebt sein müssen, das Auge weniger durch kostbare Eindrücke zu fesseln, dafür aber mehr das behagliche Gepräge des Raumes zu erhöhen. Auch in Bezug auf die Anwendung der dem Gast zugutekommenden technischen Anlagen eines Hotels kann man leicht zu weit gehen, was in dieser Beziehung meiner Hinsicht nach bereits geschehen ist. Ich spreche dabei nicht von den Sonderbädern (Privatbädern) und den gesundheitlichen Anlagen, bei welchen man nur das Beste anwenden soll, auch weniger von den Fernsprechanlagen in den Gastzimmern, welch letztere immerhin eine Förderung der menschlichen Bequemlichkeit darstellen.

Ich habe dabei mehr diejenigen technischen Anlagen im Auge, ohne welche der Hotelgast ganz gut auskommen kann, und die ich in ihrer übertriebenen Anwendung beim Hotelbau eher als Spielerei zu betrachten geneigt bin, wie das Anbringen elektrischer Uhren in den Gastzimmern. Sie bieten gewiss eine Annehmlichkeit, die sich aber ganz gut entbehren lässt. Es ist Zeit, darin nicht zu weit zu gehen.

Ich erwähnte bereits die technischen Überraschungen, welche unserer noch harren, Ich greife nur eine davon heraus und zwar das Flugwesen. Dasselbe wird voraussichtlich bei seiner Weiterentwicklung dem Hotelbau noch verschiedene Aussichten eröffnen, doch kann ich auf dieselben nicht eingehen, da sie zu sehr in das Gebiet der unbegrenzten Möglichkeiten gehören.

Noch manche Umgestaltung wird der schweizerische Hotelbau erleben, er wird sich immer weiter entwickeln, und was uns heute als grösste Vollkommenheit erscheint, wird im Laufe der Zeit, von neuen Gesichtspunkten betrachtet, unseres jetziges Vorbild als veraltet erscheinen lassen. Wir aber müssen uns damit begnügen und danach trachten, auf jedem Gebiet dasjenige zu schaffen, was der Gegenwart angepasst ist und uns instand setzt, die uns zu Gebote stehenden Mittel aufs Äusserste zu verwerten.

Wie durchgebildet der heutige Hotelbetrieb ist, haben wir aus der ganzen Abhandlung gesehen, und soll sich der Architekt nicht scheuen, sich in die Einzelheiten dieses Erwerbzweiges einzubringen. Er beeinflusst das ganze Wirtschaftsleben der Schweiz, und muss man trachten, ihn auf alle erdenklichen Arten zu heben, um nicht den ganzen Wohlstand des Landes in empfindlicher Weise zu schädigen.

Es wird Jahre angestrengter Arbeit brauchen, bis der Ausfall, den die schweizerische Hotelindustrie durch den Weltkrieg und seine Folgen erlitten hat, wieder ausgeglichen sein wird. Zu diesem Wiederaufbau müssen alle beitragen und man muss bestrebt sein, so wirtschaftlich wie möglich zu arbeiten. Diese Arbeit kann der Architekt erleichtern durch genaue Kenntnis des Hotelbaues und wird er an Hand dieser Abhandlung mit beitragen, die wirtschaftlich-technischen Fragen des schweizerischen Hotelbaues leichter zu lösen.

(Bearbeitet durch jod/pb)