Baustelleneinblick: Rückbau des Migrol-Tanklagers

Baustelleneinblick: Rückbau des Migrol-Tanklagers

Teaserbild-Quelle: Ulrike Nitzschke
Vision weicht der Natur

Es war eine Vision von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler, am Rhein bei Tössriederen in Eglisau ZH ein unterirdisches Tanklager zu betreiben. Sie scheiterte an nicht realisierten nationalen Plänen. Zurück blieben Beton- und Stahltanks sowie Gefahren für Umwelt und Menschen.

Am Rhein bei Eglisau scheint die Morgensonne auf die Rebberge am gegenüberliegenden Ufer. Vier Velofahrer sind unterwegs. Ein Tieflader kommt ihnen langsam ent-
gegen, hält an, lässt sie vorbei. Weiter hinten: Motorengeräusch von einem weitläufigen Areal. «Eine wunderschöne Baustelle», schwärmt Polier David Zehrfeld. «Und Ort einer bewegten Vorgeschichte» ergänzt Daniel Hofer, Unternehmensleiter der Migrol AG. «Eglisau sollte der Rheinhafen von Zürich werden.»

Vom Pionierwerk zur Altlast

Wäre es Mitte des vergangenen Jahrhunderts nach nationalen Plänen gegangen, wäre der Hochrhein heute schiffbar. Sie sahen vor, den Fluss als Wasserstrasse ab Basel bis zum Bodensee auszubauen. Damit hätten Güter auf Lastschiffen bis in den Kanton Zürich und weiter transportiert werden können. «Das Projekt Hochrhein-Schifffahrt war Grundlage für die Vision von Gottlieb Duttweiler, hier bei Tössriederen in Eglisau ein unterirdisches Tanklager für Treib- und Brennstoffe zu erstellen, und ist im Kontext des Kalten Krieges und der Landesvorsorge zu sehen», erzählt Hofer. Doch grosse Lastschiffe legten nie in Tössriederen an. Der Rhein wurde nicht wie geplant ausgebaut. Dennoch floss 1957 das erste Öl in die Anlage – allerdings vom Land her. Das konnte sich auf Dauer nicht rechnen. Der wirtschaftliche Erfolg blieb aus. 1978 legte die Migrol AG die Anlage mit einer Kapazität von 42 Millionen Litern still. Die 199 Tanks mit einem Volumen zwischen 150 und gut 600 Kubikmetern wurden entleert.

Totalrückbau oder Sanierung

Ein Architekt kaufte 1986 das Grundstück. «Damals bestand die Aussicht, aus dem knapp 41 000-Quadratmeter-Gelände könnte eine Wohnbauzone werden», berichtet Hofer. Mit Blick auf Rhein und Rebberge dürfte es begehrtes Bauland gewesen sein. Doch dazu kam es ebenfalls nicht. Stattdessen holte sich die Natur das Areal zurück: Bäume wuchsen, während vierzig Jahren. Am Tanklager darunter nagte der Zahn der Zeit. «Langfristig musste mit der Gefahr einer Umweltbelastung gerechnet werden und mit einem Sicherheitsrisiko für Personen, die das Areal begehen.» 

Vor zwei Jahren suchte das kantonale Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft das Gespräch mit der Gemeinde Eglisau, dem privaten Grundeigentümer und der Migrol AG. Sie gründeten den «Verein Sanierung Tanklager Tössriederen» und formulierten damit ihr gemeinsames Ziel. «Im Juni 2017 stellten die drei im nach kantonalen Regeln durchgeführten Submissionsverfahren verbliebenen Unternehmen ihre jeweiligen Projekte, Varianten und Offerten vor, jeweils in einer Variante Totalrückbau und der einer Sanierung», berichtet Hofer. Angesichts des geringen Kostenunterschieds sei man sich schnell einig gewesen: Der Totalrückbau bekam grünes Licht.

Nachhaltig und ohne Risiko

«Nur ein Totalrückbau stellt sicher, dass das Tanklager künftige Generationen nicht mehr beschäftigen wird», ist Hofer überzeugt. Bei der Variante Sanierung wären lediglich die Betontanks bis zwei Meter unter Terrain zurückgebaut, die Stahltanks verfüllt und im Untergrund belassen worden. Das Gewicht der Verfüllmasse aber hätte an der für Hangrutschungen bekannten Rheinaue ein längerfristiges Risiko bedeutet, heisst es bei der vom Verein beauftragten Eberhard Bau AG. Deren Projekt habe sich gegenüber den Mitbewerbern nebst einer kostengünstigen Lösung vor allem durch die mit Abstand geringste Anzahl Transportfahrten und eine effiziente, schonende Vorgehensweise ausgezeichnet, begründete der Verein seine Entscheidung. Migrol übernahm die Bauherrschaft und den Grossteil der Finanzierung in Höhe von 4,7 Millionen Franken.

Beschichtete Beton- und Stahltanks

Ende vergangenen Mai spitzten die Bagger die ersten Decken der insgesamt 25 Betontanks mit Volumen von jeweils 600 Kubikmeter auf. «Die obersten 30 Zentimeter des Aushubs waren von verdampftem Heizöl belastet. Wir wussten auch von einer registrierten Havarie. Die vorhandenen Altasten waren grösser als angenommen», sagt CEO Hofer. Nach dem Abfräsen der Innenbeschichtung zerkleinerten Betonbeisser Wände und Böden. Polier Zehrfeld zeigt auf einen offenen Betontank. «Den haben wir noch erhalten, um kontaminiertes Material bis zum möglichen Abtransport zu lagern.» Danach werde auch dieser letzte Betontank abgerissen. Die ersten von insgesamt 174 Stahltanks wurden Anfang Juli ausgegraben und mit jeweils zwei 50-Tonnen-Baggern aus dem Sandbett gehoben. Schutzbekleidung war Pflicht, geschlossene Mulden für Bruchteile ebenfalls. Die Stahltanks waren mit Asbest beschichtet. Zweimal täglich fuhr ein Sattelzug auf die Baustelle. Innerhalb von Minuten hievten die beiden Bagger einen der je 21 Meter langen und knapp 20 Tonnen schweren und bedeckten Stahltanks auf den Schwertransporter. In der Unterdruckhalle eines Subunternehmens in Kaiseraugst wurden die Asbestbeschichtungen heruntergestrahlt, bevor die Tanks zerlegt und der Wiederverwertung zugeführt werden konnten.

Keine Asbestbeschichtung

«Die Tanks, die wir zurzeit herausholen, haben keine Asbestbeschichtung», verkündet Zehrfeld. Die Freude über die aktuellen Laborbefunde ist ihm anzusehen. Denn nun gehen die Arbeiten doppelt so schnell voran. Vier Männer schneiden vier Tanks pro Tag auf. Der Bagger hilft beim Heben und Wenden und sammelt die Teile in Mulden. Ein Hakenwagen kommt täglich fünf bis sechs Mal, um die beladenen Mulden zu wechseln. Derzeit werden Proben der Bitumenbeschichtung einer nächsten Tankreihe im Labor untersucht. Sobald das Ergebnis vorliegt, wird entschieden, wie diese entsorgt werden können. 

Unten am Rhein sind gemauerte Wände zu sehen. «Hier stand das Sprenghüsli, für den Ernstfall», weiss Zehrfeld. Ein Relikt des Kalten Krieges. Daneben befindet sich die Wasseraufbereitungsanlage der Entsorgungsfirma. Das Restwasser aus den Tanks vor Ort zu säubern, erspare weitere Transportfahrten. Auch hier werden ständig Proben entnommen. Erst nach einer Freigabe durch das Labor darf gereinigtes Wasser in den Rhein geleitet werden. «Das funktioniert einwandfrei», versichert der Polier und verweist auf verschiedene Sand- und Aktivkohlefilter. 

Mit dem vollständigen Rückbau des Tanklagers soll das Rheinufer wieder in den Zustand von vor dem Bau des Treib- und Brennstofflagers gebracht sowie das Naherholungsgebiet nachhaltig von Altlasten befreit und aufgewertet werden. Der Abschluss der Rückbauarbeiten ist für kommenden Sommer geplant. Laut Zehrfeld sieht es gut aus: «Wenn alles weiter so läuft, werden wir wohl früher fertig.» 

Autoren

Freie Mitarbeiterin für das Baublatt.