Arbeiten in der Höhe: Training für den Ernstfall

Arbeiten in der Höhe: Training für den Ernstfall

Teaserbild-Quelle: Gabriel Diezi
Training für Höhenarbeiter

Kranmonteure, Dachdecker und Co. leben im Berufsalltag gefährlich. Ein gesunder Respekt vor der Absturzgefahr ist ihre persönliche Lebensversicherung. In einer Zofinger Trainingshalle üben professionelle Höhenarbeiter auf vielseitigen Anlagen, sich selbst zu schützen und abgestürzte Kollegen zu retten.

Eindrücke aus dem Höhenrettungszentrum in Zofingen AG. (Video: Gabriel Diezi / Pascale Boschung)

Absturzunfälle während der Arbeit haben zumeist gravierende Folgen. Das bestätigt ein Blick in die Schweizer Unfallstatistik. Denn obwohl im Mittel der Jahre 2012 – 2016 nur fünf Prozent der beruflich Verunfallten abstürzten, verursachten sie in der gleichen Periode 22 Prozent aller Kosten. Die Suva betont deshalb in ihrer Präventionsarbeit unermüdlich, wie wichtig es ist, sich beim Arbeiten in der Höhe konsequent gegen Absturz zu schützen – auch wenn der berufliche Einsatz nur kurz dauert.

Bauarbeiter geniessen bei Arbeiten in der Höhe in der Regel Kollektivschutz, das heisst die Mitarbeiter aller am Bau beteiligten Unternehmen sind durch ein Fassadengerüst, ein Auffangnetz oder einen Seitenschutz abgesichert. «Ist das Gerüst aber einmal abgebaut, müssen sich insbesondere auch Dachdecker, Spengler oder Monteure individuell vor einem Absturz schützen», erläutert Markus Hobi, Geschäftsführer der Schweizwerk AG, eines Anbieters von Trainings und Schulungen im Bereich Absturzsicherung und Höhenrettung. «Genau solche Situationen üben Dachdecker und Photovoltaikspezialisten hier bei uns auf dem gedeckten Schrägdach. Sie lernen dabei unter realen Bedingungen, wie sie sicher aufs Dach steigen und sich dort ohne Absturzgefahr bewegen.»

Wo der Heli an der Decke hängt

Hobi ist sichtlich stolz auf das schweizweit einzige Übungsschrägdach, das mit handelsüblichen Ziegeln gedeckt ist. Dieses steht exemplarisch für das generelle Konzept des neuen Trainings- und Schulungszentrums im aargauischen Zofingen. Auf einer Fläche von rund 1000 Quadratmetern soll in der umgebauten Industriehalle ein möglichst breiter Kreis von Berufsleuten das Sichern und Retten in der Höhe im gewohnten Arbeitsumfeld simulieren und trainieren können.

Im 15 Meter hohen und 50 Meter langen ehemaligen Hochregallager einer Farbenfabrik finden sich deshalb alle erdenklichen, ganz realen Übungsanlagen: egal ob Mobilfunk-, Starkstrom- oder Bahnsignalmast, ob in luftiger Höhe montierter Helikopter oder Seilbahnkabine, ob Stahlbau, Lebensmitteltank, Baugerüst oder 30-Meter-Windradrotor. Auch ein echter Potain-Baukran steht für Sicherheitstrainings zur Verfügung. Auf dem Kran hätten sie vor zwei Wochen den ersten Kurs mit Kranmonteuren durchgeführt, erzählt Hobi. «Die Teilnehmer sind fast ausgeflippt, weil sie endlich unter realistischen Bedingungen trainieren konnten. Und das ist genau die Idee hinter unserer Trainingshalle.»

Die Qual der Materialwahl

Die Schweizwerk AG, welche Anfang Jahr im Rahmen eines Management-Buy-outs gegründet wurde, betreibt nicht nur das Schulungszentrum, sondern führt auch alle anderen Geschäftsbereiche der inzwischen inaktiven Schweizer Zweigniederlassung von Bornack Deutschland weiter. Bei persönlichen Schutzausrüstungen gegen Absturz (PSAgA) – hierzulande gerne auch Gstältli genannt – und anderen Systemen für Absturzsicherung ist sie offizieller Vertriebspartner des deutschen Herstellers in der Schweiz.

Wer sich mit Sicherungsseil und Auffanggurt in den Absturzzonen zweckmässig sichern will, braucht aber das richtige Material. Doch das ist oft schneller gesagt als in die Tat umgesetzt. Denn bei der grossen Auswahl an Seilen, Gurten, Falldämpfern, Handschuhen und Helmen dürfte mancher Laie in seiner Materialevaluation resigniert kapitulieren. «Wir bieten deshalb unseren Kunden bei den Schutzausrüstungen spezifische Branchenpakete an», betont Hobi.

Nur eng sitzende Gstältli helfen

Wie solche Schutzausrüstungen im Notfall Leben retten, zeigt sich gerade in der Trainingshalle. Auf der gut elf Meter hohen oberen Stahlbau-Plattform simuliert einer der Sicherheitsinstruktoren einen Arbeitsunfall. Der angeseilte Mann rutscht auf dem Gitterrost aus und fällt kontrolliert in den Auffanggurt seiner persönlichen Schutzausrüstung. Wer hierzulande mangels Kollektivschutz mit einer PSAgA arbeiten muss, darf dies erst nach einer obligatorischen Ausbildung von mindestens einem Tag durch einen Fachmann, wie es die Suva etwa in ihrem Factsheet für den Fassadengerüstbau klipp und klar schreibt. Und in der Wegleitung der Eidgenössischen Koordinationskommission für Arbeitssicherheit (EKAS) heisst es dazu: «Die Rettung einer verunfallten Person in einem Sturzauffangsystem ist sehr anspruchsvoll. Personen, welche mit PSA gegen Absturz arbeiten, müssen entsprechend ausgebildet und mit den für Ihre Arbeitssituation relevanten Rettungstechniken vertraut sein.»

Auch das Zofinger Trainingszentrum bietet PSAgA-Grundkurse im Sinne der EKAS-Wegleitung an. Die Teilnehmer würden zuerst jeweils aufgefordert, ihr Gstältli so anzuziehen, wie sie es für passend hielten. Oft sehe das Resultat dann cool und leger aus, schmunzelt Hobi. «Wenn sie dann jedoch im Auffanggurt einen Meter über Boden am Seil hängen, schmerzt es und fühlt sich unangenehm an.» Diese Selbsterfahrung helfe zu begreifen, weshalb ein Gstältli richtig eingestellt und eng sitzen müsse, um den angestrebten Schutz zu bieten.

Die PSAgA-Grundkurse in Zofingen werden in der Halle meistens auf dem Stahlbau fortgesetzt. «Da lässt sich gut testen, ob jemand frei von Höhenangst ist», erläutert Hobi. Das sei unabdingbar, wenn man beruflich in der Höhe arbeiten wolle. Der Schweizwerk-Geschäftsführer erinnert sich beispielsweise an einen angehenden Monteur für Mobilfunkmasten, bei dem in einem ihrer Grundkurse im Aufstieg bereits nach dem dritten Tritt gar nichts mehr ging. «Wer im Training so reagiert, muss den Beruf wechseln, denn er wird sich nie an die Höhe gewöhnen. Das funktioniert so nicht.»

Bei Höhenrettungen zählt jede Minute: Wenn jemand zu lange im Auffanggurt hängt, drohen schwere gesundheitliche Folgen.
Quelle: 
Gabriel Diezi

Bei Höhenrettungen zählt jede Minute: Wenn jemand zu lange im Auffanggurt hängt, drohen schwere gesundheitliche Folgen.

Drohender Kreislaufschock

Auf dem Stahlbau wird mittlerweile der Abgestürzte von einem Kollegen geborgen und vorsichtig Richtung Boden abgeseilt. Solche Einsätze in luftiger Höhe lassen sich hier im Schweizwerk sicher üben. Dafür benötigt der Retter oft auch Erste-Hilfe-Kenntnisse. Schliesslich ist das Absturzopfer häufig verletzt, weist also beispielsweise Prellungen oder Brüche auf.

Als weit schlimmere Folge droht zudem ein sogenanntes Hängetrauma. Wer längere Zeit bewegungslos im Gurt hängt, behindert den Blutrückfluss aus seinen Beinen oder unterbricht diesen gar, wodurch eine grosse Menge des Blutes in den Beinen versackt. Wird der Abgestürzte nicht innert fünfzehn Minuten aus seiner misslichen Lage in der Höhe befreit, kann ein Kreislaufschock die Folge sein, der im schlimmsten Fall zum Tod des Verunfallten führt. «Wer dem Absturzopfer helfen will, muss dies also relativ schnell tun. 

Das wollen wir in der Rettungsausbildung jedem Teilnehmer ins Bewusstsein rufen», so Hobi. Nach der Rettung gilt es zudem, eine zu rasche Änderung der aufrechten Körperhaltung zu vermeiden. Sonst droht eine weitere lebensbedrohliche Entgleisung der Kreislaufregulation. Eine stabile Seitenlage ist jedoch angezeigt, wenn die gerettete Person bewusslos ist.

Vom Leichtsinn «alter Hasen»

«Wenn gestanden Berufsleute tagtäglich in der Höhe arbeiten, werden sie gerne etwas leichtsinnig», meint Hobi. Dabei wäre es doch eigentlich die eigene Lebensversicherung, sich stets einen gesunden Respekt vor der Höhe zu bewahren und die potenziellen Gefahren trotz Routine weiterhin wahrzunehmen. «Wir zeigen deshalb gerade auch erfahrenen Höhenarbeitern, was passieren kann, wenn man unvorsichtig wird – und bringen ihnen den präventiven Schutz bei.» Im Kurs würden die Teilnehmer dafür sensibilisiert, ihr Gstältli richtig anzuziehen und sich effektiv zu sichern.

Gerade in der Bauindustrie gehe man immer noch relativ gelassen mit der Sicherheit um, das habe er bei den Bauarbeiten für die eigene Trainingshalle festgestellt, erzählt Hobi. «Den Monteuren musste ich einige Male sagen: Sichert euch, das ist gefährlich. Schliesslich wollt ihr am Abend wieder gesund nach Hause kommen.»

Eine solche Erfahrung bestärkt Hobi in seiner Einschätzung, dass auch «alte Hasen» regelmässig für die Gefahren der Arbeit in der Höhe zu sensiblisieren sind. «Ich bin überzeugt, dass Schweizer Berufsleute deshalb in Zukunft Gefährdungsszenarien noch viel intensiver trainieren werden.»

Reales Übungsobjekt: Ein Monteur trainiert auf dem Starkstrommast im Zofinger Schulungszentrum seine individuelle Absturzsicherung.
Quelle: 
Gabriel Diezi

Reales Übungsobjekt: Ein Monteur trainiert auf dem Starkstrommast im Zofinger Schulungszentrum seine individuelle Absturzsicherung.

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Stv. Chefredaktor Baublatt

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