Zwischen Verdichtung und Freiraum

Zwischen Verdichtung und Freiraum

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Teaserbild-Quelle: zvg

Neues Leben soll einziehen ins Aebi-Areal hinter dem Bahnhof Burgdorf. Deshalb haben die Stadt und die Alfred Müller AG ein Studienverfahren durchgeführt. Als Sieger des Projektes gingen die Zürcher Leutwyler Partner Architekten hervor mit einem Vorschlag, der verdichtete Bauweise mit abwechslungsreichen Zwischenräumen kombiniert.

 
Dreschmaschinen, Spezialtraktore und andere Landmaschinen prägten jahrzehntelang das Bild auf dem Fabrikgelände. Es sind die Kernprodukte der Aebi & Co., die 1883 gegründet wurde und sich zur Burgdorfer Industriegrösse entwickelte. Das Gebiet wurde ab 1938 stetig weiterentwickelt und fortan Aebi-Areal genannt. Das soll sich nun ändern, um Verwechslungen mit der nicht mehr auf dem Areal ansässigen Maschinenfabrik auszuschliessen. «Suttergut» soll das Quartier fortan heissen in Anlehnung an Johann August Sutter, der in Burgdorf gelebt hatte bevor es ihn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Amerika und in den Bann der Goldgräberei zog.

Eigentümerin des fast vier Fussballfelder grossen Areals ist seit 2008 das Immobilienunternehmen Alfred Müller AG.«Ich bin überzeugt, dass wir mit dem Suttergut ein architektonisch und städtebaulich vielfältiges Gebiet schaffen, das die Attraktivität des Burgdorfer Stadtzentrums steigert», sagt Michael Müller, Geschäftsleitungsmitglied der Immobilienfirma. Um einen Teil des Sutterguts in ein Quartier zum Wohnen und Arbeiten weiterzuentwickeln, hat der Investor ein Studienverfahren durchgeführt, bei dem fünf Architekturbüros ihre Arbeiten einreichten. Die Projekte sollten erstens die gemischte Nutzung von Wohnen und Arbeiten berücksichtigen, zweitens den Entwicklungsschwerpunkt Bahnhof Burgdorf miteinbeziehen sowie überprüfen, ob die alte Schreinerei aus den 1930er-Jahren erhaltenswert sei. Das Areal ist in drei Teilbereiche eingeteilt: den Campus, die bestehenden Industriehallen und die neue Zone mit Wohn- und Bürobauten.

Zeitzeuge im Zentrum

Das Rennen machten Leutwyler Partner Architekten, Zürich, mit einem Projekt, das eigenständig und einfühlsam zugleich ist. Damit überzeugten sie nicht nur die Jury, sondern auch die Stadt Burgdorf und die Bauherrin. Ihre Pläne sehen ein Ensemble mit drei neuen Gebäuden vor: zwei viergeschossige Häuser in West-Ost-Richtung sowie ein quadratischer Bau mit acht Etagen. Dazwischen liegen grosszügige und teilweise begrünte Gassen und erlebnisreiche Zwischenräume, die Orte der Begegnung schaffen. Das städtebauliche Leitbild Burgdorfs – die Verdichtung von spezifischen Volumen im Siedlungsinnern mit Freiraumflächen an den Parzellenrändern – wurde im Projekt übernommen. Dadurch entsteht ein Wechselspiel zwischen Verdichtung und Freiraum.

Die Fassaden der einzelnen Baukörper sind unterschiedlich gestaltet und nehmen die typischen Merkmale der umliegenden Bauten auf. Sie machen so die industrielle Vergangenheit des Areals spürbar. Das alte Gebäude der Firma Aebi hat auch im neuen Projekt noch ihren Platz und wird eingebettet in die Neubaukonstellation. Die Wettbewerbssieger entschlossen sich für einen Erhalt der Schreinerei, was Diskussionen ausgelöst habe, so der Zürcher Architekt und Teamleiter Erich Leutwyler: «Erst allmählich wird die Architektur der 1930er-Jahre entdeckt, denn bisher galt sie in weiten Kreisen eher als verpönt». Die alte Schreinerei hätte sich aber auch wegen ihrer flachen Bauweise und von der kubischen Architektur her angeboten, ins neue Projekt einzubinden. Zudem hat sie Wiedererkennungswert und funktioniert als Identitätsträger, ergänzt Sonja Beguin vom Architektenteam. Das alte Gebäude soll mit minimalen Eingriffen saniert  werden und ganz unterschiedliche Nutzungsmöglichkeiten zulassen. Aufgrund des bewussten engen Zusammenschiebens der Baukörper konnte genügend Abstand und ein sanfter Übergang zum angrenzenden Einfamilienhaus-Quartier hinter der Lyssachstrasse geschaffen werden.

Grüne Gastkritiker

Das Gleichgewicht von Bauvolumina und Zwischenraum ist eines der Kernmerkmale des Siegerprojektes. Um dieses zu optimieren, holte Erich Leutwyler Fachleute ins Boot: Schweingruber Zulauf Landschaftsarchitekten aus Zürich waren von Beginn weg dabei bei der Projektentwicklung. «Sie betrachten ein Projekt aus einem anderen Blickwinkel, gehen gelassen mit Volumen um und waren für uns wie eine Art Gastkritiker oder ein Sparring-Partner», lobt Erich Leutwyler die Vorzüge dieser interdisziplinären Zusammenarbeit. Eine Arbeitsweise, die bei den meisten seiner Projekte angewendet wird. Das Zürcher Büro ist eine Zweigniederlassung des Hauptsitzes in Zug, der 1997 gegründet wurde. 38 Mitarbeitende mit unterschiedlichen Hintergründen und Erfahrungen arbeiten an den zwei Standorten. Teamarbeit wird grossgeschrieben, was bei Grossprojekten wie dem Suttergut ein Vorteil ist.

Vision Campus

Mit den Plänen für das attraktive neue Quartier ist der erste Schritt gemacht auf dem Aebi-Areal. Die Stadt Burgdorf und die Investorin haben aber noch ganz andere Pläne. Sie setzen sich gemeinsam dafür ein, den traditionsreichen Bildungsstandort Burgdorf zu erhalten und ihn angrenzend ans Suttergut auszubauen.

Die Berner Fachhochschule (BFH) ist heute auf über 30 Standorte verteilt und platzt aus allen Nähten. Um im härter werdenden Wettbewerb unter den Fachhochschulen erfolgreich zu sein, ist eine Konzentration unerlässlich. Die Stadt ist überzeugt, ein attraktives Gelände mit einem seriösen Investor für ein Campus-Areal zu haben, meint Peter Hänsenberger, Leiter der Baudirektion. Ob es jemals so weit kommt, dass sich im neuen Wohn- und Arbeitsumfeld Suttergut auch Scharen von Studenten tummeln, steht zurzeit noch in den Sternen. Denn auch Bern und Biel wollen ihre Standorte ausbauen. Die Entscheidung fällt im Regierungsrat Anfang nächsten Jahres. (Katrin Ambühl)
 

Nachgefragt bei Beat Müller und Peter Hänsenberger

Beat Müller ist Jurypräsident und Gesamtprojektleiter Suttergut der Alfred Müller AG.

Was erhofft sich Ihre Firma von den Investitionen in Burgdorf?
Beat Müller: Grundsätzlich eine nachhaltige und für alle Seiten erfolgreiche Entwicklung des Industrieareals zum neuen Suttergut. Durch die Lage direkt neben dem Bahnhof erhoffen wir zudem eine Ausdehnung des Zentrums von Burgdorf.
 
Was schätzen Sie persönlich am Siegerprojekt?
Es besticht einerseits durch seine städtebaulichen Qualitäten, und andererseits ist es wie zugeschnitten auf diesen Ort. Es wirkt urban, aber für Burgdorf und das angesprochene Nutzersegment angemessen. Ich schätze auch die Flexibilität, die dieses Projekt in Bezug auf die Nutzung noch bieten kann.
 
War die Entscheidung der Jury eindeutig?
Wir benötigten zur Beurteilung der Projekte zwei Tage. Am Schluss waren noch zwei Projekte mit demselben städtebaulichen Ansatz vertreten. Der Entscheid für das Projekt von Leutwyler Partner Architekten gab schliesslich die weniger radikale städtebauliche Haltung zugunsten des Nutzersegments. Der Jury-Entscheid war eindeutig und brauchte keinen Stichentscheid des Vorsitzenden.
 
 

Peter Hänsenberger ist Bauingenieur und Leiter der Baudirektion Burgdorf.

Welche Vision hat die Stadtplanung für die nächsten 20 Jahre?
Peter Hänsenberger: Burgdorf wird sich als Regionszentrum, als Zentrum der Agglomeration Burgdorf und als Teil der Hauptstadtregion Bern behaupten und als starker Partner zur Entwicklung aller Bereiche beitragen. Bis 2020 werden wir 16 000 Einwohnerinnen und Einwohner sowie 12 000 Arbeitsplätze haben. Burgdorf wird weiterhin ein wichtiger Bildungsort mit Berufsschulen, Gymnasium und dem Campus der Berner Fachhochschule sein.
 
Welche Bedeutung erhofft sich die Stadtregierung für das neue Quartier des ehemaligen Aebi-Areals?
Der Kanton Bern hat im Zentrum der Stadt den wirtschaftlichen Entwicklungsschwerpunkt (ESP) Bahnhof Burgdorf ausgeschieden. Dieser ESP hat ein Entwicklungspotenzial von 130 000 Quadratmetern Geschossfläche. Die Überbauung des Areals Suttergut wird als Teil des ESP dicht, urban und von hoher Qualität sein. Dieses Projekt kann die Initialzündung für die weitere Entwicklung des Bahnhof Burgdorf sein.
 
Wie stehen die Chancen für einen positiven Regierungsentscheid Anfang 2011 über die Vision Campus?
Die Stadt Burgdorf ist überzeugt, dass die Berner Fachhochschule auch in Zukunft in Burgdorf ihren Standort hat.