Zwei Türme sind einer zu viel

Zwei Türme sind einer zu viel

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: zvg
In Bonstetten, Stallikon und Wettswil gibt es keine katholische Kirche. Der Gottesdienst wird deshalb in einem umgebauten Restaurant abgehalten. Dies möchte die Kirchenstiftung Bonstetten-Wettswil ändern: Für 40 Millionen Franken will sie eine Kirche und 45 Wohnungen realisieren. Noch ist unklar, woher das Geld kommen soll. Zudem sieht das Siegerprojekt einen Kirchturm vor, doch einen solchen gibt es in Bonstetten schon.
 
Wer in den Zürcher Gemeinden Bonstetten, Stallikon und Wettswil dem katholischen Gottesdienst beiwohnen möchte, muss die Kirche erst einmal suchen gehen. Eine solche gibt es in diesen Gemeinden nämlich nicht. Die Messen finden stattdessen seit über 50 Jahren im Restaurant «Bahnhof» in Bonstetten statt. Zuerst in einem Saal, danach, als das Wirtshaus 1970 mitsamt Liegenschaft von der Katholischen Kirchenstiftung Bonstetten-Wettswil aufgekauft wurde, in den behelfsmässig umgebauten Räumen der Gaststätte. Damit soll nun aber Schluss sein, denn die Stiftung hat entschieden, das alte Gasthaus «Bahnhof» abzureissen und auf das frei werdende Grundstück eine katholische Kirche mit allem Drum und Dran zu errichten. Neben dem Sakralbau sollen auf dem Grundstück zudem 45 altersgerechte Wohnungen mit einem Begegnungszentrum gebaut werden. Die Kosten für dieses Projekt namens «Überbauung Mauritiuspark Bonstetten» belaufen sich auf rund 40 Millionen Franken. Den ausgeschriebenen Wettbewerb gewonnen hat das Projekt «Bruder Jakob», das vom Büro Ramser Schmid Architekten aus Zürich konzipiert worden ist.
 

Glockenturm muss bleiben

Wie aus dem Jury-Bericht zu entnehmen ist, wurden an die «Überbauung Mauritiuspark Bonstetten» hinsichtlich Funktionalität und Wirtschaftlichkeit hohe Anforderungen gestellt. So mussten beispielsweise alle Wohnungen hindernisfrei gestaltet werden, damit die Stiftung altersgerechte Wohnungen realisieren kann. Neben den Domizilen sollten in der Überbauung aber auch Einrichtungen wie die Spitex oder eine Kinderkrippe und ein Jugendzentrum Platz finden. Zu beachten galt ausserdem, dass 30 Prozent der anrechenbaren Bruttogeschossfläche gemäss den Bestimmungen für die Wohn- und Gewerbezone (WG3/55) für Gewerbe-, Verkaufs- und Dienstflächen reserviert sind.
 
Der wohl ungewöhnlichste Aspekt des Projekts ist jedoch die Tatsache, dass die de facto inexistente katholische Kirche seit 2005 über einen Glockenturm verfügt (siehe «Hintergrund»), der direkt neben dem alten «Bahnhof» steht. Der Turm ist in Bonstetten mittlerweile gut integriert und akzeptiert, weshalb man ihn nur ungern abbrechen will. Die Aufgabe der Planer bestand deshalb auch darin, den Glockenturm in ihr Konzept miteinzubeziehen. Wie die Architekten Christoph Ramser und Raphael Schmid erklären, war ihnen dieser Umstand durchaus bekannt. Da die Jury ihnen jedoch zu verstehen gab, dass Beiträge, die einen Abbruch des Turms vorsehen, nicht von der Beurteilung ausgeschlossen werden würden, entschieden sie sich, ihn zu entfernen. «Nicht etwa, weil wir etwas gegen ihn haben, sondern weil wir uns von dieser Massnahme wesentliche architektonische Qualitäten versprachen», sagt Christoph Ramser dazu. Die Gemeinde hat nun die Qual der Wahl. Für einen der beiden Türme muss sie sich entscheiden. Gemeindepräsident Charles Höhn ist sich sicher, dass dies der alte Turm sein wird: «Er ist ihnen nämlich ans Herz gewachsen.» Wie man weiterverfahren will, ist aber Verhandlungssache (siehe «Nachgefragt»). Die Architekten zeigen durchaus Bereitschaft, auf ihre Kreation zu verzichten.
 

Schwierige Einbindung

Berechtigt erscheint die Frage, weshalb man sich ausgerechnet für ein Konzept entschieden hat, das keinen Platz für den bestehenden Glockenturm vorsieht. Zumal sich unter den Bewerbungsunterlagen genügend Projekte fanden, die das katholische Symbol berücksichtigt hätten. Der Grund: «Bruder Jakob» hat die anderen gestellten Aufgaben besonders gut gelöst. Den Architekten ist es am besten gelungen, das Projekt sinnvoll in seine Umgebung zu integrieren. Wie Ramser erklärt, war das besonders schwierig, denn das Gebiet ist alles andere als homogen. Man könne es direkt als uneinheitlich bezeichnen. «Statt an die Architektur der umliegenden Häuser anzuknüpfen, haben wir uns deshalb an der rechtwinkligen Geometrie der umgebenden Strassen orientiert.» Mit anderen Worten: Die geplanten Gebäude, ein Sakralbau und zwei Wohnüberbauungen, werden jeweils parallel zur Strasse verlaufen. Eine einfache, aber dennoch gute Lösung, weil die Gebäude auf diese Weise nicht wie Fremdkörper wirken.
 
Eine weitere Herausforderung bestand darin, die Kirche und die Wohnüberbauungen so anzulegen, dass die Zusammengehörigkeit zwischen ihnen klar zu erkennen ist, gleichzeitig aber auch ihre Autonomie zum Ausdruck kommt. Gelöst haben die Architekten dieses Problem, indem sie den Gebäuden eine ähnliche Geometrie gegeben haben und ihre Höhe die gleiche ist. «Die Autonomie der Programmteile haben wir damit erreicht, dass wir der Kirche einen Turm gegeben haben, der sie als solche erkenntlich macht», so Ramser. Die Bauten wurden so angelegt, dass sich in ihrer Mitte ein Grünhof ergibt.
 

Finanzierung noch nicht geklärt

Dass die Gebäude autonom sein müssen, hat mehrere Gründe. Einerseits ist es wichtig, dass die Kirche sich als Sakralbau, als Zufluchtsort und als identitätsstiftendes Gebäude von den anderen klar abzugrenzen vermag. Anderseits geht es aber auch um die Finanzierung der «Überbauung Mauritiuspark Bonstetten». Woher die 40 Millionen Franken kommen sollen, weiss die Stiftung nämlich noch nicht so ganz genau.
 
Insgesamt zwei Varianten schweben ihr vor. Eine sieht die Finanzierung durch Mieteinnahmen der Wohnungen vor – wobei unklar ist, wie hoch diese angesetzt werden sollen. Die andere den Verkauf des Grundstücks, auf dem die Wohnüberbauungen realisiert werden sollen. Mit dem Grundstück kauft der Erwerber auch das Projekt, sodass gewährleistet bleibt, dass die Wohnüberbauungen realisiert werden können. Wann dies der Fall sein wird, ist aber aufgrund der unbekannten Variablen ungeklärt. Sicher ist nur, dass die Architekten nochmals über die Bücher gehen müssen. Ihre Aufgabe ist es nun, der Bauherrin aufzuzeigen, wie sie das Problem mit den beiden Türmen lösen wollen. Bis dahin werden die Messen wohl weiterhin im alten «Bahnhof» stattfinden. Florencia Figueroa
 
 
Generalvikar Martin Grichting nimmt im Auftrag der Diözese Chur die Aufsicht über die Stiftung Bonstetten-Wettswil wahr.
 
 
Die Architekten haben einen neuen Kirchenturm kreiert. Was passiert jetzt mit dem Alten?
Diese Frage ist noch offen. Man merkt, dass die Bevölkerung sehr am «alten» Kirchturm hängt, der ja eigentlich ziemlich neu ist. Die Frage des Kirchturms gehört zu den Elementen, die im Gespräch mit den Architekten noch weiterentwickelt werden müssen.

 
Kann man beide stehen lassen?
Sicher nicht.
 
 
Die Finanzierung der Überbauung ist noch unklar. Was ist Ihrer Meinung nach die beste Lösung?
Hier gibt es verschiedene Interessenlagen. Aus Sicht der kirchlichen Stiftungsaufsicht sind Lösungen sinnvoll, die langfristig Erträge generieren. Eine Stiftung ist ja auf eine lange Lebensdauer angelegt und kann nicht kurzfristig denken.
 
Wann ist Baubeginn und wann rechnet man mit der Fertigstellung der Kirche?
Zuerst sind die Modalitäten der Finanzierung zu klären, dann sind die üblichen Bewilligungsverfahren zu durchlaufen. Erst danach kann es losgehen.
 
 
Warum hat man solange gewartet, bis man sich dazu entschieden hat, eine Kirche zu bauen? Das Restaurant ist ja seit 1970 in Besitz der Stiftung.
Pläne gab es schon länger. Aber es braucht immer auch die Personen dazu, die sagen: Jetzt machen wir es. Zudem ist der Standort erst in den letzten Jahren durch den Ausbau des öffentlichen Verkehrs und durch die Entwicklung des Quartiers aufgewertet worden. (ffi)